Fan-Feuerwerk in Frankfurt Prestigeduell im Sandkasten

Drei Böller, eine Rakete, zwei Lesarten. Während in Fanforen der Eindruck erweckt wird, als sei in Frankfurt eigentlich nichts passiert, würde mancher Kommentator offenbar am liebsten die GSG 9 im Stadion aufmarschieren lassen.


Der Ruf nach härteren Maßnahmen mag populär sein, populistisch ist er auf jeden Fall. Schon die zunächst banal klingende Forderung nach schärferen Einlasskontrollen ist nur vordergründig naheliegend. Denn die Leibesvisitationen am Eingang der Frankfurter WM-Arena waren am Samstag in Frankfurt offenbar denkbar scharf. Sogar mehrfach seien die etwa 5000 Nürnberg-Sympathisanten im Gästeblock einer Vollkontrolle unterzogen worden, berichtet Heino Hassler vom Fanprojekt Nürnberg. Selbst wer sich in der Halbzeit eine Wurst geholt habe, sei vor dem Wiederanpfiff noch mal drangekommen.

Dass dennoch Feuerwerkskörper in den Block gelangten, ist nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Ansicht sind die "Raketen" nämlich nur wenige Zentimeter lang. Wer die reinbringen will, schafft das in jedem europäischen Stadion, denn sie passen bequem in jeden Slip und jeden Schuh.

Dann also mehr Prävention? Das Wunderwort, mit dem viele Fanvertreter ebenso reflexartig um sich werfen wie die Hardliner mit den Folterwerkzeugen des Strafgesetzbuches? Prävention setzt Dialogbereitschaft voraus. Ob die bei Leuten vorhanden ist, die sich selbst nach Einschätzung des Nürnberger Fanprojekts erst nach dem Schlusspfiff darüber Gedanken machen, dass die Böller-Werfer damit ihrem Verein schaden könnten?

Die Ultras aus Nürnberg und Frankfurt zählen zu den beiden größten und lautstärksten Gruppierungen Deutschlands. Nach dem Schlusspfiff gab es auf Seiten der Franken nicht wenige, die fanden, dass sie mit der Pyro-Aktion aus der ersten Halbzeit die Deutsche Meisterschaft auf den Rängen errungen hätten. Wer das schwachsinnig oder zumindest infantil findet, hat gute Argumente.

Dennoch sollte man sich davor hüten, die Nürnberger Fans in Kollektivhaft zu nehmen. Weder die 4500 FCN-Fans, die in Frankfurt waren, noch die etwa 1000 Mann starke Ultragruppierung "Ultras Nürnberg" sind in ihrer Gesamtheit für die Pyros verantwortlich zu machen. Zumal es beim Club bislang bei keinem einzigen Heimspiel zu vergleichbaren Vorfällen gekommen ist. Die Selbstregulierungs-Mechanismen in der Kurve scheinen also normalerweise zu funktionieren.

Wenn sie am Samstag nicht gegriffen haben, könnte das auch daran gelegen haben, dass beim Prestigeduell in den Kurven viele "Gäste" aus dem näheren europäischen Ausland vor Ort waren: Die fünf Ultras, die die Frankfurter Polizei abgeführt hat, kannten jedenfalls weder der Fanprojektler vor Ort noch exponierte fränkische Ultras. Geholfen haben sie der Polizei dennoch nicht. Sich gegenüber der Polizei auf gar keinen Fall kooperativ zu verhalten, mag dem szeneinternen Verhaltenskodex entsprechen. Man darf sich dann aber nicht wundern, wenn man eine Mitschuld für die Leute zugeschrieben bekommt, mit denen man sich solidarisiert.

Die Wagenburgmentalität ist umso unverständlicher, als die Pyromanen offensichtlich all das konterkariert haben, was sich Ultras auf die Fahnen schreiben. Was für einen Sinn soll es haben, einen offenen Brief an eine Mannschaft zu schreiben, der man fehlendes Engagement im Abstiegskampf vorwirft? Und sich dann darüber zu freuen, dass es fast einen Spielabbruch gegeben hätte, in dessen Folge der Club drei Punkte weniger auf dem Konto hätte. Abgesehen davon: Dass die angeblich so unmenschliche Repression, über die sich alle Ultragruppierungen der Welt beschweren, nach den Ereignissen von Samstag nicht geringer wird, sollte man sich wohl selbst dann vorstellen können, wenn das Adrenalin gerade sämtliche Synapsen überschwemmt.

Es mag niedlich sein, wenn Kinder ihre Sandburg zerstören und dann darüber lamentieren, dass sie kaputt ist. Bei erwachsenen Menschen ist solch ein Verhalten dumm und lächerlich.

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