SPIEGEL ONLINE: Aachen, Dresden, 1860 München, teilweise Dortmund - die rechtsextreme Tendenz mancher Ultra-Gruppen sorgte zuletzt oft für Schlagzeilen. Was tut die DFL dagegen?
Rauball: Präventiv und mit Blick auf eine nachhaltige Wirkung kann dies nur mit Überzeugungsarbeit und Dialog funktionieren. Wenn sich rechtsextremistisches Gedankengut aber in Handlungen und Kundgebungen äußert, ist es Sache von Polizei und Staatsanwaltschaft, diesen Dingen unnachgiebig nachzugehen. Darüber hinaus ist völlig klar: Menschenfeindliche Symbole oder Handlungen in den Stadien sind nicht akzeptabel und können mit Stadionverboten belegt werden.
SPIEGEL ONLINE: Es wirkt, als würden Fußballstadien zur politischen Bühne.
Rauball: Das stimmt, ich habe in Einzelfällen einen ähnlichen Eindruck. Vor 30 Jahren sind wir bei Borussia Dortmund gegen die rechtsextreme "Borussenfront" vorgegangen und haben diese mit Hilfe der Polizei aus dem Stadion verbannen können. Jetzt beobachten wir mit einiger Sorge, dass der eine oder andere aus der damaligen Szene wieder aufgetaucht ist.
SPIEGEL ONLINE: Bei 1860 München zeigen Teile der rechtsextremen Ultras zum Einlaufen der Mannschaft den "Führer-Gruß".
Rauball: So etwas darf niemals hingenommen werden - und, soweit ich weiß, will sich die überwiegende Mehrheit der Löwen-Fans dies auch nicht gefallen lassen. Italien ist für mich ein abschreckendes Beispiel. Dort hat man jahrelang Teilen der Ultras vieles durchgehen lassen - und hatte bei einigen Clubs diesbezüglich auf einmal anarchische Verhältnisse.
SPIEGEL ONLINE: Hat Deutschland ein Gewaltproblem in den Stadien?
Rauball: Nein. Keinesfalls im Stadion, das haben wir gut in den Griff bekommen. Aber außerhalb der Spielstätten kommt es zu häufig zu Gewalt. Vor allem, wenn große Gruppen aufeinandertreffen - zum Beispiel Fans und Polizei auf dem Weg vom Bahnhof zum Stadion.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen Ultras und Hooligans?
Rauball: Natürlich. Hooligans sind diejenigen, die Fußball als Bühne nutzen, um ihre wirren, gewalthaltigen Gedanken öffentlich auszuleben.
SPIEGEL ONLINE: Und Ultras verzichten auf Gewalt?
Rauball: Ich glaube nicht, dass es dort nur Waisenknaben gibt. Ein Ultra kann auch ein Hooligan sein und umgekehrt. Aber wenn er beides ist, hat er ein Problem mit uns.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Verständnis für Ultras, die sich 24 Stunden am Tag mit einem Fußballverein beschäftigen und alles für diesen tun?
Rauball: Ja, dafür habe ich Verständnis, weil ich mich selbst vielfach 24 Stunden am Tag mit meinem Verein beschäftigt habe. Als Vater hätte ich aber kein Verständnis. Meinem Kind würde ich sagen, dass es im Leben noch andere Dinge gibt. Aus Vereinssicht muss man allerdings feststellen, dass eine solche Fanverbundenheit ein bekundetes Treuebekenntnis darstellt.
SPIEGEL ONLINE: Ultras fordern viel von den Vereinen. Sie diskutieren aktiv über die Ticketpreise, wollen Personalentscheidungen mitbestimmen, hinterfragen die Stadionordnung und Polizeieinsätze. Wo sind die Grenzen?
Rauball: Überall da, wo Gewalt angedroht oder angewendet, mithin wo es strafrechtlich relevant wird. Dies gilt auch für verbalen Extremismus. Ansonsten sind Diskussion und Dialog absolut wünschenswert und notwendig.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie in den vergangenen Jahren mal mit Fans zum Auswärtsspiel gefahren?
Rauball: Ja, ich bin mit den Fans des BVB per Bahn nach Freiburg gereist. Außerdem treffe ich immer wieder auf Raststätten Busse mit Fans, die auf Auswärtsfahrt sind.
SPIEGEL ONLINE: Wie war Ihr Eindruck?
Rauball: Das Auftreten der Fans war problemlos und friedlich.
SPIEGEL ONLINE: Die Realität sieht für die Fans häufig anders aus: Polizeikessel, klare An- und Abreisebestimmungen, Verhaftungen und zumindest diskussionswürdige Härte der Beamten.
Rauball: Dass die Polizei bei erkennbarem Gewaltpotential Präventivmaßnahmen ergreifen muss, steht außer Frage. Man muss meines Erachtens fragen: Was ist Ursache, was ist Wirkung? Mein Eindruck ist, dass das Fanverhalten in Teilen aggressiver geworden ist.
SPIEGEL ONLINE: Womit hängt das zusammen?
Rauball: Neben der Tatsache, dass Fußball ein immer größeres Massenereignis wird, spielt für mich das Internet eine zunehmend große Rolle. Dort kann man sich sehr leicht zusammenfinden, sich absprechen - und sich sogar mit gegnerischen Fans an bestimmten Orten zur Anwendung von Gewalt verabreden. Wir sehen ja, dass die Gewaltzusammenstöße teilweise minutiös organisiert sind und häufig weit, weit weg vom Stadion stattfinden. Das geht bis hin zu Amateur- und Jugendspielen und ist für die Polizei und die Verbände kaum zu regulieren.
SPIEGEL ONLINE: Es wurden zuletzt Gesichtsscanner, Alkohol- sowie Stehplatzverbote und sogar der Ausschluss ganzer Gäste-Fanblöcke diskutiert.
Rauball: Das sind Debatten, die vor allem in den Medien geführt werden. Der ein oder andere will sich damit wohl profilieren. Aber eines ist klar: Keines dieser Themen haben die Verbände in den relevanten Sitzungen diskutiert. Wir wollen solche Verbote nicht. Ich kann aber nicht ausschließen, dass die Verbände eines Tages dazu gezwungen werden.
SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das?
Rauball: Dass uns der Gesetzgeber bei massiven Ausschreitungen zum Beispiel zwingt, die Stehplätze abzuschaffen, ein Alkoholverbot durchzusetzen und Gästefans ganz oder teilweise von den Spielen fernzuhalten.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich wirklich vorstellen, die Dortmunder Südtribüne mit rund 25.000 Stehplätzen irgendwann abzuschaffen?
Rauball: Nein, das kann und will ich mir niemals vorstellen. Unser Ziel ist es, die seit Jahrzehnten gelebte Fankultur unter Einbeziehung der Stehplätze zu erhalten.
Das Interview führte Rafael Buschmann
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