Fanliebe zu Nottingham: "1500 Ligaspiele in Folge gesehen"

Seit mehr als 35 Jahren hat Stuart Astill keine Ligapartie von Nottingham verpasst. Ob Heimspiel oder Auswärtsfahrt, Europapokal oder Dritte Liga, der heute 63-Jährige war immer dabei. Mit dem Magazin "11 FREUNDE" sprach Astill über Liebe, Leidenschaft und einen Traum.

Frage: Herr Astill, unlängst wurden Sie von Nottingham Forest für ein unglaubliches Jubiläum geehrt. Wie lange haben Sie kein Ligaspiel verpasst?

Forest-Coach Clough (1991): Viele Erfolge mit Nottingham
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Forest-Coach Clough (1991): Viele Erfolge mit Nottingham

Astill: Seit dem 29. September 1973 habe ich 1500 Ligaspiele in Folge gesehen. Im FA-Cup habe ich seit 1965 kein Spiel mehr verpasst, im Liga-Pokal seit 1966. Als wir Ende der Siebziger unter Brian Clough im Europapokal spielten, war ich auch immer dabei, wenn man das Weltpokal-Finale 1980 in Tokio mal außen vor lässt. Das konnte ich mir nicht leisten.

Frage: Wann haben Sie angefangen, die Spiele zu zählen?

Astill: Ich habe von Anfang an Protokoll geführt und eine Akte für jedes Spiel angelegt, das ich gesehen habe, egal ob es Forest oder eine andere Mannschaft war.

Frage: Sie sehen sich auch noch Spiele anderer Mannschaften an?

Astill: Ja, ich liebe Fußball. Von zwei oder drei Clubs abgesehen, die neue Stadien gebaut haben, kenne ich die Spielstätten aller 92 Profivereine in England. Und die fehlenden schaue ich mir auch noch an.

Frage: Darf man fragen, ob Sie verheiratet sind?

Astill: Nein, bin ich nicht. Aber ich habe eine Lebensgefährtin, Shirley, die mich ab und zu begleitet. Sie ist zwar nicht ganz so fanatisch wie ich, kommt aber gerne mit.

Frage: Wann haben Sie Ihr erstes Spiel gesehen?

Astill: Das erste Nottingham-Spiel im November 1956, da war ich elf Jahre alt.

Frage: Gingen Sie mit Ihrem Vater hin?

Astill: Nein, nein! O nein! Mein Vater war ein großer Fan von Derby County, dem Erzrivalen von Nottingham. Er hatte bis zu seinem Tod 1989 eine Dauerkarte für den "Baseball Ground", das alte Stadion von Derby. Wir lebten ziemlich genau zwischen Nottingham und Derby.

Frage: Aber Sie hatten nie Sympathien für Derby?

Astill: Ich habe schon Spiele von denen gesehen. Wenn mein Vater nicht hinkonnte, habe ich seine Dauerkarte genommen. Wie ich bereits sagte: Ich liebe Fußball. Auch wenn Nottingham sich irgendwie bei mir durchsetzte.

Frage: Wie kam es denn dazu?

Astill: Derby spielte damals in der Dritten Liga, Nottingham in der Zweiten um den Aufstieg. Alle meine Freunde gingen zu Forest, weil dort der erfolgreichere Fußball gespielt wurde. Einer der Väter, ein Arbeitskollege meines Dads, nahm manchmal ein halbes Dutzend Kinder mit zu den Spielen. So sagten sie zu mir: "Warum kommt du nicht auch noch mit?"

Frage: Und was sagte Ihr Vater dazu?

Astill: Der meinte nur: "Das ist deine Sache. Ich werde keinen Fuß auf die Straße setzen, um Nottingham zu sehen."

Frage: Ab wann besuchten Sie alle Spiele, die Nottingham bestritt?

Astill: Zunächst ging ich nur gelegentlich zu den Heimspielen, das steigerte sich dann. Als ich 1960 die Schule verließ, fuhr ich auch auswärts mit. Ich habe als Mechaniker in einer Lokomotivenfabrik in Derby gearbeitet. Als Bahnmitarbeiter bekam ich einen Freifahrtschein, die Reisen kosteten mich deswegen nichts.

Frage: Und in all den Jahren waren Sie nie krank?

Astill: Doch, aber das hat mich nie abgehalten. Bis auf einmal: Im Dezember 1969 hatte ich eine Leistenoperation. Am Freitag kam ich aus dem Krankenhaus, aber die Fäden waren noch drin und ich konnte deswegen nicht reisen. Stattdessen habe ich mich von einem Freund quasi direkt auf die Tribüne fahren lassen und mir das Heimspiel der Forest-Reserve angesehen.

Frage: Was hat Sie bei den anderen Partien abgehalten?

Astill: Beide Male die Hochzeit von Freunden. Ich war jeweils Platzanweiser in der Kirche.

Frage: Gab es wegen der viele Spiele nie Probleme mit der Arbeit?

Astill: Der Fußball stand immer an erster Stelle. Einmal dachte ich aber: Jetzt gibt es Ärger. Ich war schon mittags gegangen, um es noch zu einem kurzfristig angesetzten Pokalspiel in Fulham zu schaffen. Am nächsten Morgen wurde ich zum Chef gerufen.

Frage: Und was sagte der?

Astill: Er sagte: "Stuart, die meisten hier sind Eisenbahner, die in Ihrer Freizeit Fußballfans sind. Du bist ein Fußballfan, der in seiner Freizeit bei der Bahn arbeitet. Aber ich bin mit dir zufrieden, die anderen bewundern dich. Also mach weiter so." Das werde ich nie vergessen. Ich war total überrascht.

Frage: Sie haben unglaublich viel erlebt mit Nottingham: Aufstiege, Abstiege, Titel, vor allem die beiden im Europapokal der Landesmeister 1979 und 1980. Welches war der schönste Moment?

Astill: Als wir 1979 in München gegen Malmö gewannen, hatte ich zum einzigen Mal in all der Zeit Tränen in den Augen. Noch schöner war aber vielleicht der Gewinn des Supercups in derselben Saison im ausverkauften Camp Nou gegen Barcelona. Für uns war es einfach unglaublich, dass wir da mitspielen durften, Europacup kannten wir doch vorher nur aus dem Fernsehen.

Frage: Was war die schlechteste Erfahrung?

Astill: Der Abstieg in die Dritte Liga 2005.

Frage: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Astill: Die Rückkehr in die Premier League, obwohl ich es mir bei den Preisen dort dann wohl nicht mehr leisten könnte, jedes Spiel zu besuchen. Aber ich glaube ohnehin nicht, dass ich das noch erleben werde. Dafür sind wir ein zu kleiner Verein und für die wird es immer schwerer.

Das Interview führte Fabian Jonas

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Forum - Glaubensbekenntnis - welcher Club liegt Ihnen am Herzen?
insgesamt 1791 Beiträge
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    Seite 1    
1. Schalke ist meine Weltanschauung
chefstratege 20.06.2007
Schalke 04, und zwar völlig unabhängig vom momentanen sportlichen Erfolg. Schalkes Ex-Präsident Günter "Oskar" Siebert sagte einmal zutreffend: "Das Herz von Schalke schlägt in der Brust seiner Anhänger". Ich darf mich dazu zählen, ich habe auf Schalke zeitweise mein Herz und gelegentlich auch Teile meines Verstandes verloren. Mit dem Verstand ist Schalke ohnehin nicht zu fassen. Nirgendwo sonst in Deutschland herrscht soch eine unbändige Fußballbegeisterung, solche eine fanatische Hingabe und solch besessene Vereinstreue. Es gibt keinen Verein, der auch über die lokalen Grenzen hinaus (ich selbst komme auch nicht auch Gelsenkirchen) so viel Gefühl vermittelt und so viele Emotionen hervorruft. Schalke, das ist eben mehr als "nur" ein Fußballverein, eine Art (Fußball-)Weltanschauung, auch für mich!
2.
Klo 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
SG Calvörde
3.
king.woita 20.06.2007
Einmal Löwe - Immer Löwe München ist Blau
4.
Umberto 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Stade Français, weil dort das beste Rugby in meiner "Nähe" gespielt wird.
5.
Carsten31 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Falsche Fragestellung. Ein Fan entscheidet sich nicht bewusst für einen Verein. Das ist dem Verlieben sehr ähnlich. Wer sagt schon "Ach, heute verliebe ich mich mal"? :o) Ausserdem kommt der Aspekt der frühkindlichen Prägung noch dazu. Vati/Onkel/Opa etc. schleppt den Kurzen mit ins Stadion und schon ist es geschehen! Momentan arbeite ich mich persönlich an dem Sohn eines Kumpels ab. Trikot hat er schon, jetzt wird ungeduldig gewartet, ihn das erstemal ins Stadion mitnehmne zu können. Der muss früh geimpft werden, damit er sich nicht in die falsche Mannschaft verliebt. Mit einer italienischen Mutter besteht zudem die Gefahr, sich für eine komplett falsche Liga zu erwärmen!!! :o)
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