Messerattacke auf Gladbach-Fans: Brutales Ende einer grün-weißen Party

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Gladbach-Fans in Rom: Am Anfang noch ein einziges Happening

10.000 Fans, die Spanische Treppe in grün-weißer Hand - die Rom-Reise von Borussia Mönchengladbach sollte ein Fest werden. Doch drei Gladbacher wurden niedergestochen - die Täter sollen Fans von Lazio Rom sein. Das Umfeld des italienischen Vereins fällt nicht zum ersten Mal durch Gewalt auf.

Berlin - Es fing als eine einzige große Party an, am Ende herrschte bei den Fans von Borussia Mönchengladbach tiefe Ernüchterung. Nicht nur, dass die Mannschaft nach einer schwachen sportlichen Vorstellung und dem 0:2 bei Lazio Rom aus der Europa League ausgeschieden ist. Überschattet wurde der Abend von Rom vor allem davon, dass drei Borussen-Anhänger in Rom niedergestochen wurden. Sie kamen allerdings ohne schwere Verletzungen davon.

"Niemand ist in Lebensgefahr. Wir haben zu allen Kontakt, und allen dreien geht es gut. Einer hat wohl einen Stich in die Wade bekommen, ein anderer in den Oberschenkel. Es ist zum Glück nichts Dramatisches", sagte Borussias Pressesprecher Markus Aretz am Freitag. Die Verletzten konnten am Vormittag das Krankenhaus verlassen.

Noch am Nachmittag hatten mehr als 10.000 Gladbach-Fans die römische Innenstadt in eine Borussen-Fanmeile verwandelt. Die Spanische Treppe war fest in Borussen-Hand, ein Happening in Grün-Weiß-Schwarz. Die Stimmung war fast euphorisch. Über Twitter wurden fast im Minutentakt Bilder von feiernden Borussia-Fans unter dem Stichwort "Wunder von Rom" in die Welt geschickt

Ausmaße eines Pilgermarsches

Noch nie hatten so viele Anhänger die Borussia zu einem Europapokal-Auswärtsspiel begleitet. 16 Jahre lang hatte der Verein schließlich auf solche sportlichen Highlights warten müssen - die Partie in Rom hatte die Fanszene zu Tausenden mobilisiert. Es hatte Ausmaße eines Pilgerzuges.

Doch die fröhliche und ausgelassene Atmosphäre kippte noch kurz vor dem Anpfiff, als sich unter den Fans herumgesprochen hatte, dass mehrere von ihnen angegriffen worden waren - offenbar von Lazio-Anhängern.

Ein 50-jähriger Arzt wurde in der Nähe des Stadio Olimpico mit einem Messer attackiert, ähnliche Zwischenfälle gab es vor dem Hilton-Hotel und am Tiber-Ufer. In allen drei Fällen waren Messer im Spiel, in allen drei Fällen konnten die Opfer von großem Glück reden, nicht schwer verletzt worden zu sein. "Es ist nicht hinzunehmen, dass drei deutsche Anhänger von Hooligans des rivalisierenden Clubs verletzt werden", sagte Roms Bürgermeister Gianni Alemanno.

Lazio versucht zu relativieren

Auch Lazio Rom drückte gleich am Freitagmorgen sein Bedauern über die Vorfälle aus. Der italienische Spitzenclub versuchte allerdings genauso schnell, eine Verantwortung der eigenen Tifosi für die Angriffe zu relativieren. "Die Polizei muss noch feststellen, ob es sich um Angriffe handelt, die von unseren Fans ausgingen, oder ob es sich um isolierte Fälle handelt, die nichts mit den Lazio-Tifosi zu tun haben", sagte Lazio-Präsident Claudio Lotito. Zudem spielte er die Attacken herunter: "Wir sollten keinen falschen Alarm machen. Die ersten beiden wurde nicht richtig gestochen, der dritte hat einen Kratzer am Gesäßmuskel", wird er in der "Bild"-Zeitung zitiert

Aus seiner Sicht ist diese Verdrängungsstrategie durchaus nachvollziehbar. Schließlich stehen die Lazio-Anhänger unter besonderer Beobachtung - der europäische Fußballverband Uefa hat erst vor zwei Wochen mit einem Geisterspiel für den Club in der Europa League gedroht, falls sich die Fans wieder einmal daneben benehmen sollten.

Lazio-Fans gelten seit Jahren und Jahrzehnten als problematisch. Der Verein wird aufgrund seiner zahlreichen rechtsextremen Anhänger auch als Nazio Rom verspottet. Seit Lotito den Club führt, geht der Verein zwar offensiv gegen die rechtsradikalen Ultras vor, hat ihnen schon vor Jahren gegen erbitterten Widerstand Merchandising-Rechte und den Zugriff auf Gratistickets entrissen. Aber Gewalt, Antisemitismus und Rechtsextremismus gehören nach wie vor zur Lazio-Fankultur.

Beim Derby gegen den AS Rom im Vorjahr tönten üble rassistische Beleidigungen gegen den schwarzen Roma-Verteidiger Juan aus der Lazio-Kurve, bei der Europa-League-Partie gegen Tottenham Hotspur im vergangenen November wurden die englischen Spieler und Fans antisemitisch beschimpft - Tottenham ist ein Verein mit jüdischer Geschichte.

Vor dem Match hatten 30 maskierte Gewalttäter Tottenham-Fans in Roms Innenstadt überfallen und teilweise schwer verletzt. Auch hier hatten Tottenham-Fans Stichverletzungen erlitten. Die schwarzen Spurs-Profis Jermain Defoe, Aaron Lennon und Andros Townsend waren schon im Hinspiel im September durch Lazio-Hooligans mit Affenlauten beleidigt worden.

Nach dem Ausscheiden der Gladbacher, dem später am Abend das Aus von Bayer Leverkusen und Hannover 96 folgte, steht mit dem VfB Stuttgart jetzt nur noch ein deutsches Team in der Europa League. Nächster Gegner der Schwaben im Achtelfinale: Lazio Rom.

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insgesamt 40 Beiträge
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1.
Snoozel 22.02.2013
Wer zu größeren Ansammlungen von Fussballfans geht ist einfach selbst schuld, man muss mittlerweile da doch mit sowas rechnen.
2.
derdamenbart 22.02.2013
NIIIIIEDERGESTOCHEN!!!! Sie kamen allerdings ohne schwere Verletzungen davon.
3. Das
germanvirgin 22.02.2013
Zitat von sysopDPA10.000 Fans, die Spanische Treppe in grün-weißer Hand - die Rom-Reise von Borussia Mönchengladbach sollte ein Fest werden. Doch drei Gladbacher wurden niedergestochen - die Täter sollen Fans von Lazio Rom sein. Das Umfeld des italienischen Vereins fällt nicht zum ersten Mal durch Gewalt auf. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fans-von-borussia-moenchengladbach-in-rom-niedergestochen-a-884919.html
waren bestimmt Hooligans aus Dresden. Ist doch einfach die fuer ALLES verantwortlich zu machen
4.
derdamenbart 22.02.2013
Zitat von SnoozelWer zu größeren Ansammlungen von Fussballfans geht ist einfach selbst schuld, man muss mittlerweile da doch mit sowas rechnen.
sprach der verzweifelte spießer, der sich seit er sein reihenhaus hat nur noch vor die sportschau traut, weil einmal haben sie in den nachrichten gesagt, es gäbe gewaltbereite fans
5. Fan-sein ist anders
nickmason 22.02.2013
[qoute]die Täter sollen *Fans* von Lazio Rom sein.[/quote] Es wäre wirklich gut, wenn in einem solchen Zusammenhang der Begriff "Fan" nicht verwendet würde. Menschen die andere wegen der vermeintlich falschen Vereinzugehörigkeit mit Messern, Steinen, Fußtritten, Böllern - und was sonst noch so alles gibt - angreifen, können niemals Fan einer Mannschaft sein. Roms Bürgermeister ist da mit der Bezeichnung "Hooligans" deutlich näher an der Realität.
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