Fans vs. Präsidium Alarmstufe Rot beim FC St. Pauli

Es ist der ewige Streit am Millerntor: Wie viel Kommerz verträgt der Club? Die "Grenzen des Ausverkaufs sind überschritten", befand eine Gruppe Fans und gründete die "Sozialromantiker". Deren Forderungskatalog bringt das Präsidium in Rage - der Konflikt droht zu eskalieren.

Alternativlogo der "Sozialromantiker": "Werden den Stadionbesuch boykottieren"
Sozialromantiker

Alternativlogo der "Sozialromantiker": "Werden den Stadionbesuch boykottieren"

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Die Situation beim FC St. Pauli ist angespannt. Vor dem Rückrundenauftakt des Stadtteilclubs gegen den SC Freiburg am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) sorgt allerdings nicht der 15. Tabellenplatz in der Bundesliga und die damit verbundene Abstiegsgefahr bei den Verantwortlichen für Sorgen, sondern neben den Gerüchten um vermeintliche Spielmanipulationen jetzt auch noch ein drohender Fanaufstand.

Im Mittelpunkt der aktuellen Auseinandersetzung steht das Dauerstreitthema am Millerntor: Wie viel Kommerz verträgt der Traditionsverein, der sich selber so gerne mit einem rebellischen, antikapitalistischen und sozial gerechten Image schmückt? Die Grenzen des Ausverkaufs seien erreicht, meinten viele Fans. Sie schlossen sich unter dem Namen "Sozialromantiker" zusammen und stellten einen Forderungskatalog auf - siehe Kasten:

Die Petition der Sozialromantiker
* Es wird eine Haupttribüne gebaut, die zur Hälfte aus Business-Seats besteht.
* Dann werden doppelt so viele Logen gebaut wie geplant.
* Dann wird eine der Logen an eine Stripteasebar verhökert, die dort Frauen leicht bis gar nicht bekleidet an Stangen tanzen lassen darf.
* Dann wird die Mannschaftsaufstellung plötzlich von einem Sponsor präsentiert.
* Ein Cola-Rotwein-Ballermanngemisch darf trotz vehementer Proteste offizielles Vereinsgetränk bleiben.
* Dann werden neue Hintertor-Netze aufgehangen, die so dick sind, dass man kaum durchgucken kann, aber den Sponsorennamen gut abbilden.
* Dann darf eine Bank in einer Zugebauten Ecke des Stadions in riesigen Lettern auf grauem Beton ihren Schriftzug darbieten.
* Dann darf eine Werbeagentur plötzlich in einer anderen Ecke ihrer kreativen Kundschaft in selbstgebauten Containern auf Stelzen einen exklusiven Abend bereiten.
* Dann werden Toiletten zugunsten von Stellflächen für Medien kurzerhand abgeklemmt.
* Und nun werden LED Laufbänder an drei Seiten des Stadions montiert, auf die Zuschauer ihre SMS kostenpflichtig laufen lassen können.
* Keine weiteren, zusätzlichen Werbemaßnahmen in den vom Fankongress verabschiedeten Zeitfenstern!
* Keine weiteren Werbeflächen auf den Tribünen!
* Kündigung von Susis Showbar Loge!
* Keine LED-Anzeigen mehr im Stadion und generell keine weiteren audiovisuellen Plätze für irgendeine Werbung während der 90 Minuten!
* Rückbau von Teilen der Business-Seats auf der neuen Haupttribüne und Umwandlung in bezahlbare Sitzplätze!
* Bereitstellung von Farbe damit die Kinder der Stadionkita ihre grauen Wände in Eigenverantwortung anmalen können!
* Keine weiteren bloßen Lippenbekenntnisse des Präsidiums und der Vermarktung, wir sind es leid!
Vizepräsident Gernot Stenger: "Uns hat vor allem der Tonfall in der Petition verwundert, aber auch in den zahlreichen E-Mails und Stellungnahmen, die uns in den vergangenen Wochen erreicht haben. Das ist nicht St. Pauli like, entspricht nicht unserer Kultur und verstößt auch gegen unsere Leitlinien, in denen wir Respekt und Toleranz im Umgang miteinander aufführen. Wer wörtlich ankündigt, dass er Sand ins Getriebe werfen will, der will den Betrieb hier lahm legen. Uns irritiert nicht nur der Tonfall, es hat uns auch verwundert, dass man anscheinend nicht gewillt ist, den Dingen konkret auf den Grund zu gehen – bevor in diesem Umfang protestiert und gar gedroht wurde. Würden wir beispielsweise der Forderung nachkommen, Teile der Business-Seats auf der Haupttribüne wieder zurückzubauen, würden wir uns über einen Mitgliederbeschluss hinwegsetzen. Vor wenigen Wochen wurde genau über diesen Vorschlag, den Rückbau der VIP-Sitze auf der Haupttribüne, gesprochen und mit überwältigender Mehrheit abgestimmt, diesen nicht umzusetzen."

Ein zentraler Punkt ist der Vorwurf, dass das Präsidium des FC St. Pauli sich nicht an Absprachen gehalten und gegen die gemeinsam vereinbarten Leitlinien verstoßen habe. Die "Sozialromantiker" nennen dafür zwei Beispiele. Mit dem Neubau der Haupttribüne seien doppelt so viele Logen entstanden wie ursprünglich geplant.

Eine dieser Logen ist an einen Striptease-Bar-Betreiber vom Kiez vermietet worden. Der hat sich was ganz besonderes für seine Gäste ausgedacht: Nach jedem Tor der Braun-Weißen tanzen leicht bekleidete Mädchen an einer Stange. Auch wenn das in der Hinrunde nicht so oft der Fall war: Ein Teil der Fans findet derlei Einlagen überhaupt nicht lustig.

Wegen solcher und anderer "Auswüchse des Marketings" drohten die "Sozialromantiker" während der Winterpause öffentlich mit einem Boykott. "Wenn ihr, wertes Präsidium, diesen Forderungen nicht nachkommt, werden wir in den offenen Widerstand gehen. Wir werden sowohl den Verzehr wie auch den Stadionbesuch an sich boykottieren", heißt es in der Erklärung der Gruppe, der sich mittlerweile über 3000 Leute anschlossen haben.

"Wir werden in den offenen Widerstand gehen"

Diese Anhänger berufen sich auf die Vermarktungsrichtlinie des Clubs. Darin steht, dass "sich der Umfang werblicher Aktivitäten stets - sowohl vom generellen Umfang, als auch vom Inhalt - in einem vernünftigen Verhältnis zum eigentlichen Unterhaltungsangebot, dem Spiel, befinden und sich zudem auf klassische Werbemittel des Fußballs fokussieren soll."

Der Verein lenkte zunächst ein. Die Verantwortlichen erklärten, sie hätten den Mieter der Loge abgemahnt. Geschäftsführer Michael Meeske sagte dazu in der "Hamburger Morgenpost": "Wir nehmen die Sache ernst, werden kurzfristig mit Vertretern aus der aktiven Fanszene reden." Er "halte viel von Diskussionen - im Idealfall allerdings ohne ultimative Drohungen", so Meeske.

Danach passierte das, was beim FC St. Pauli in der Vergangenheit schon für manche Eskalation gesorgt hat. Die beiden Parteien redeten mehr über- als miteinander. Es sah alles danach aus, als wolle der Verein das Thema aussitzen. Unter dem Motto: Wer Bundesliga-Fußball sehen will, muss eben auch ein paar Kröten schlucken.

Das Präsidium schlägt zurück

Diese Taktik hatte schließlich auch schon zuvor funktioniert. Der Verein baute Logen und nannte sie Separees, in der Fankurve entstanden Business-Seats mit Blick auf die Ultras, neuerdings präsentierte ein Sponsor die Mannschaftsaufstellung. Die Vermarktungsabteilung tastete sich Schritt für Schritt an die Schmerzgrenze der als sehr kritisch bekannten Anhänger des FC St. Pauli.

Diese ist jetzt für viele überschritten. Doch statt den Dialog zu suchen, verschärfen die FC-Verantwortlichen den Konflikt. St. Pauli lud kurz vor dem Freiburg-Spiel eine ausgesuchte Journalistenrunde zu einem Plausch ein. Er finde den Ton der Diskussion "nicht St.-Pauli-like", sagte Vizepräsident Gernot Stenger. Die "Beleidigungen und Drohungen verstoßen gegen die Leitlinien", so Stenger weiter (siehe Infokasten).

Noch ungeschickter verhielt sich Manager Helmut Schulte. Der einstige Publikumsliebling reagierte auf die Kritik mit Durchhalteparolen der Marke: "Wenn unsere Jungs mit Stani und Truller (gemeint sind Cheftrainer Holger Stanislawski und Co-Trainer André Trulsen, Anmerk. d. Red.) auf dem Platz um überlebenswichtige Punkte kämpfen, dann müssen alle zusammenstehen, egal welcher Überzeugung sie sind: ob sie lieber Sitzen oder Stehen, ob sie in der Halbzeit ein Astra trinken oder vorzugsweise Prosecco."

Die Kritiker fühlen sich nicht ernst genommen. Sie empfinden die Aussagen der Vereinsverantwortlichen als naiv und arrogant. Und als Ansporn, ihre Protestaktion noch zu forcieren. Mittlerweile haben sie eine Alternative zum berühmten St.-Pauli-Totenkopf entworfen: den Jolly Rouge, ein leicht veränderter Totenkopf auf rotem Hintergrund. Dazu stellten sie den Slogan: "Bring back Sankt Pauli."

Zudem riefen sie zu einer Demo nach dem Spiel am Samstag auf unter dem Motto "Fans und ein ganzes Viertel sehen rot und schlagen gemeinsam zurück."

Es wird ernst am Millerntor - sowohl sportlich als auch politisch.



insgesamt 24 Beiträge
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Validan 15.01.2011
1. Kommerz St. Pauli
Mein liebes Sankt Pauli, leider "Willkommen" in der Realität der Gelddruckmaschine Profisport / Fußballbundesliga ! Es war lange schon zu erwarten, daß der Aufschrei kommt und auch laut und farbig wird, so sind wir nun mal. Demonstrieren ( friedlich, aber deutlich ) und streiten ( laut und deutlich ) ist unsere Leitkultur. Trotzdem, es ist nicht das Präsidium, daß die Beschlüsse fällt, das macht die Mitgliederversammlung des Vereins ( siehe Artikel - VIP-Plätze ). Und an die muß sich das Präsidium nun halten. Das Stangentanzen in den Separees lenkt deutlich vom Geschehen auf dem Platz ab und wird nun auch nicht toleriert, dieser Punkt sollte auch abgehakt werden können. Über Tornetze und SMS-Laufbänder dürfen und müssen wir streiten, über die Notwendigkeit Einnahmen außerhalb des Ticketsverkaufs zu erzielen zu müssen aber nicht. Wir sind und wir bleiben - gerade wegen dieser Diskussion - immer anders, daran wird sich nichts ändern. 34 andere Profiklubs ( ausgenommen Eisern Union Berlin ) würden sich über unsere Probleme zwischen Fans und Präsidium oder auch USP - andere St.Paulianer ein Loch in den Bauch freuen, denn das würde für die bedeuten ein existierende Fankultur zu haben. Heute drei Punkte !!
SunSailor 15.01.2011
2. Kein Titel
Das Rumgeheule dieser "Fans" klingt fast genauso wie der weltfremde Schmarn, den so mancher geistesakrobat gerne hier im Forum ablässt. Aber wenigstens sind die St. Pauli-Fans so ehrlich und verstehen auch, dass das ganze sozialromantischer Kockolores ist. Diese Prise Selbstironie würde manchem pseudointellektuellen Schmalspurkommunisten hier auch mal gut tun.
Ted0 15.01.2011
3. "Rumgeheule" nennen das nur Leute, die selten selbst kreativ sind
Zitat von SunSailorDas Rumgeheule dieser "Fans" klingt fast genauso wie der weltfremde Schmarn, den so mancher geistesakrobat gerne hier im Forum ablässt. Aber wenigstens sind die St. Pauli-Fans so ehrlich und verstehen auch, dass das ganze sozialromantischer Kockolores ist. Diese Prise Selbstironie würde manchem pseudointellektuellen Schmalspurkommunisten hier auch mal gut tun.
Rumgeheule? In Foren posten und den Hintern nicht hochbekommen - ist was mir dazu einfällt. Mal darüber nachgedacht, dass der Kram in Foren keinen interessiert, wohl aber was außerhalb des Internets passiert? Das erinnert mich an einen SPON-Foristen, der zu diesem "No Pants Subway Ride" sinngemäß folgendes formulierte: "Die sollen ihre Energie lieber für etwas sinnvolles verwenden". Dieser Forist hatte mehrere Tausend Postings auf dem Zähler... Sicher steht der Mensch ständig auf politischen Bühnen oder spielt vor hunderten Zuschauern Theater - ach Sie meinen ich täusche mich? Mal darüber nachdenken, bevor man die wenigen Leute diffarmiert, die noch kreativ sind und nicht nur konsumieren, wie es das Gros der Bevölkerung tut...
zynik 15.01.2011
4. sozialromantiker
Zitat von SunSailorDas Rumgeheule dieser "Fans" klingt fast genauso wie der weltfremde Schmarn, den so mancher geistesakrobat gerne hier im Forum ablässt. Aber wenigstens sind die St. Pauli-Fans so ehrlich und verstehen auch, dass das ganze sozialromantischer Kockolores ist. Diese Prise Selbstironie würde manchem pseudointellektuellen Schmalspurkommunisten hier auch mal gut tun.
Na da hatte aber jemand am Samstagmorgen einen Kommunisten zum Frühstück. Eine Prise Selbstironie würde manchen "sozial ist was für Weicheier"-Foristen sicher auch mal ganz gut tun. Lassen wir doch mal einen englischen St. Pauli-Fan zu Wort kommen: "Bei Arsenal zahle ich etwa 60 Euro für die Karte. Nach London reinzufahren kostet mich 15 Euro. Für ein St.-Pauli-Spiel muss ich zehn Euro Eintritt hinlegen, das Flugticket kriege ich manchmal für nur 20 Euro, die Übernachtung kostet 40 Euro. Da habe ich dann zwei Tage Spaß für das gleiche Geld. Das ist der Grund, warum ich oft nicht der einzige Fan mit braunem Shirt im Flieger bin." http://www.faz.net/s/RubBC20E7BC6C204B29BADA5A79368B1E93/Doc~ED45A3FB24FF6426DA93BFC37FFDCD4BD~ATpl~Ecommon~Scontent.html Pauli sollte dringend diese Fankultur pflegen, sofern sie nicht eine ähnliche Scampi-Stimmung haben will, wie in Londoner, Münchner oder Hoffenheimer Stadien. Also Daumen hoch, liebe Sozialromanitker! (großartiger Titel)
Hellström 15.01.2011
5. Wir sind St. Pauli
Zitat von sysopEs ist der ewige Streit am Millerntor: Wie viel Kommerz verträgt der Club? Die "Grenzen des Ausverkaufs sind überschritten",*befand eine Gruppe Fans und gründete die "Sozialromantiker". Deren Forderungskatalog bringt das Präsidium*in Rage, der Konflikt droht zu eskalieren. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,739586,00.html
Nein, Herr Stenger, die Petition verstößt in keiner Weise gegen die Leitlinien unseres Vereines, aber das Präsidium! Es wurden klare Grenzen vereinbart, und diese Grenzen hat das Präsidium überschritten. Und das wir gegen diesen Verstoß gegen die Leitlinien protestieren, zeigt vor allem eines: Der Verein ist es uns wert. Wir kämpfen für unsere Ideale, anstatt diese für billig Geld zu verkaufen. Unser Protest wird laut und bunt sein, aber eines werden wir nicht tun: Wir lassen unsere Mannschaft nicht im Stich! Roar gegen Freiburg muss.
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