Von Felix Meininghaus, Dortmund
Die Botschaft aus dem Ultra-Block 13 war deutlich: "Watzke, wer keine Gräben will, sollte seine Finger vom Spaten lassen", stand auf einem Spruchband, das vor Dortmunds 5:1-Sieg im DFB-Pokal gegen Hannover 96 entrollt wurde. Adressat dieser Botschaft war BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Die Fans auf der "Gelben Wand" antworteten mit ihrem Statement auf einen offenen Brief, den Watzke gemeinsam mit Sportdirektor Michael Zorc, Trainer Jürgen Klopp und Mannschaftskapitän Sebastian Kehl verfasst hatte.
In diesem Schreiben waren die BVB-Fans aufgefordert worden, den Protest der vergangenen Wochen zu beenden und die Mannschaft gegen Hannover 96 wieder zu unterstützen. "Lautstark. Bedingungslos. Geduldig. So, wie wir Euch kennen. Und falls nötig 120 Minuten lang."
Aus Protest gegen das von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) am 12. Dezember verabschiedete Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" hatten sich Fans deutschlandweit dazu entschlossen, drei Spieltage lang zwölf Minuten und zwölf Sekunden zu schweigen. Beim letzten Vorrundenspiel waren die Dortmunder Ultras beim 3:1-Sieg in Hoffenheim sogar so weit gegangen, das Schweigen über die gesamten 90 Minuten durchzuziehen.
Die Retourkutsche der Ultras aus Block 13 bezog sich auf einen Satz im offenen Brief, der die Fans besonders verärgerte: "Wir bitten Euch alle, keine Gräben innerhalb der Fan-Gemeinschaft und zwischen uns und Euch entstehen zu lassen."
Ultras fühlen sich bevormundet
Diese Verwerfungen in der Anhängerschaft gibt es tatsächlich schon - nicht nur beim Deutschen Meister. Auch in Düsseldorf, auf Schalke und in anderen Stadien sind Teile der Fanszene zuletzt lautstark von den Ultras abgerückt. Wenn die Fans sich untereinander streiten, freuen sich die Verbände. Sie sind - zumindest temporär - aus der Schusslinie, solange die Kurven mit sich selbst beschäftigt sind.
Die jüngsten Fanproteste gingen dem BVB - aber auch vielen Anhängern - zu weit: "Es ist uns nicht leicht gefallen, unter diesen ungewohnten Bedingungen Fußball zu spielen", heißt es in dem offenen Brief. Das empfanden die Ultras als Bevormundung. "Unser Protest richtete sich von Anfang an nur gegen die DFL und nicht gegen den BVB", sagt Jan-Henrik Gruszecki, Sprecher der Initiative "12doppelpunkt12-Dortmund". "Nun hieß es auf einmal, Jungs, jetzt reicht es aber langsam mal." Die Ultras fühlten sich gegängelt, die Stimmung war explosiv.
Die im Fanclub "The Unity" organisierten Ultras haben in den vergangenen Jahren an Einfluss beim BVB gewonnen. Also bat Watzke den Aktivisten Gruszecki am Tag vor dem Pokalspiel zum Schlichtungsgespräch, "das sehr offen und produktiv verlaufen ist", wie dieser betont. Die Einigung sah vor, die Zeit des Schweigens solle wie zuletzt gewohnt zwölf Minuten und zwölf Sekunden betragen. Doch damit war die Sache nicht erledigt. Als das Spiel gegen Hannover begann, herrschte nur im Block 13 Ruhe, überall sonst feuerten die Fans ihre Mannschaft an.
Watzke appelliert für ein Miteinander
In Dortmund gibt es ein Aufbegehren gegen das Diktat der Ultras. Michael Budde hat festgestellt, "dass da eine Spaltung in der Fankultur heranwächst". Für den 46-Jährigen vom Fanclub "Wittener Wölfe", der dem BVB seit mehr als 30 Jahren folgt, war "diese Gegenwehr überfällig".
Mit wachsendem Unbehagen hat er verfolgt, "wie borniert und von sich eingenommen" sich sehr viel Jüngere "gegenüber uns Alteingesessenen verhalten". Diese Rolle der Ultras als selbsternannte Fan-Meinungsführerschaft wird nicht nur von Budde angeprangert.
Auch Watzke weiß um die Brisanz und rühmt die "vielen Verdienste um die Stimmung und die großartigen Choreografien", ermahnt die Ultras aber auch zur Mäßigung: "Ein gedeihliches Miteinander wird es auf Dauer nur geben, wenn sie diesen absolutistischen Anspruch nicht haben." Anstatt den Protest anzuführen, stecken die Ultras mitten in einer Zerreißprobe. Gruszecki räumt ein, "vielleicht im Rausch der Gefühle über das Ziel hinauszuschießen und sich mächtiger zu fühlen als wir eigentlich sind". Er sieht die Ultras "als wichtigen Teil der Tribüne, aber wir sind nicht die Tribüne".
Die Debatte "findet intern statt". Innerhalb der Organisation wird auch darüber nachgedacht, wie es mit den Protesten gegen das DFL-Konzept weitergehen soll. Eine gütliche Einigung erscheint weiterhin schwierig, aber möglich. Dabei könnte Andreas Rettig durchaus eine tragende Rolle spielen. Der designierte DFL-Geschäftsführer tritt seinen neuen Job zwar erst am 1. Januar an, hat sich aber schon vorab klar positioniert. In einem Radiointerview bezeichnete es Rettig als "Fehler", bislang nicht auf die Fans zugegangen zu sein. Das will der Funktionär nachholen. Ein deutliches Zeichen, dass dies nicht nur bloßes Gerede ist: Rettig hat bereits mit Gruszecki telefoniert.
Der Ultra hat das wohlwollend zur Kenntnis genommen: "Nach den Signalen erwarten wir nun von der DFL, dass sie jetzt auch offiziell auf uns zukommt." Die Winterpause soll als Zeit der Beruhigung dienen. "Mit Herrn Rettig", sagt der Fanvertreter, "hat die DFL ein neues Gesicht, dem geben wir einen Vertrauensvorschuss." Er könne zwar nicht ausschließen, "dass manche Gruppen ihren Protest fortsetzen, dann aber losgelöst von unserer Kampagne", sagt Gruszecki, der grundsätzlich davon ausgeht, "dass unsere Proteste Geschichte sind, wenn die Rückrunde los geht".
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