Niedergang des FC Arsenal Zerbröselndes Denkmal

Der FC Arsenal war einst das Sinnbild des kultivierten Fußballs. Doch er braucht einen Neuanfang, um wieder ein faszinierender Klub zu werden, schreibt Hendrik Buchheister in seiner Kolumne Life Goals.

Arsene Wenger
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Arsene Wenger


Als ich im Sommer 2003 vor dem Highbury-Stadion stand, konnte ich nicht wissen, dass sich der FC Arsenal vor einer historischen Saison befand. Ich wusste nur, dass ich ziemlich schwitzte. Und ziemlich begeistert war.

Im Sommer 2003, dem Jahrhundertsommer, durchgehend mehr als 30 Grad, war ich mit meinen Eltern im Urlaub in London. Ich steckte in der interessanten Phase zwischen Kindheit und Erwachsensein und war viel alleine unterwegs. Mit der Piccadilly-Linie rumpelte ich in den Norden der Stadt, bis zur Station "Arsenal". Von dort waren es nur ein paar Minuten zum Stadion. Meine Schritte wurden schneller, als ich hinter den flachen Backsteinhäusern die Ränge aufsteigen sah. Die weiße Fassade der Haupttribüne hatte etwas Anmutiges. Ich war mir sicher, vor dem schönsten Stadion der Welt zu stehen.

Highbury-Stadion im Jahr 2001
REUTERS/ Action Images

Highbury-Stadion im Jahr 2001

Seit dem Sommer 2003 fasziniert mich der FC Arsenal. Oder, so muss man das leider aus gegenwärtiger Perspektive sagen: hat mich fasziniert. Die Mannschaft, die kurz nach meinem London-Urlaub in die berühmte Invincibles-Saison gestartet ist, in eine Saison ohne Niederlage also, ist für mich die interessante überhaupt im englischen Fußball. Mit Spielern wie Jens Lehmann, der mir lieber war als Oliver Kahn, mit Sol Campbell, Freddie Ljungberg, Patrick Vieira, Robert Pires, Dennis Bergkamp und Thierry Henry. Auch danach hatte der Klub immer wieder tolle Spieler. Tomás Rosicky, Cesc Fábregas, Robin van Persie.

Autoren-Info
  • Verena Knemeyer
    Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

  • Alle Folgen der Kolumne "Life Goals"

Ich würde nicht für mich in Anspruch nehmen, dass ich Fan war, dafür habe ich Arsenals Spiele zu wenig verfolgt. Dafür habe ich zu wenig mitgefiebert und mitgelitten. Der Verein begeisterte mich auf abstrakte Art. Er war für mich größer als das, was er jedes Wochenende auf dem Feld vollbrachte.

Aus meiner Sicht stand Arsenal für die Kultivierung des Fußballs mit dem schönen Spiel, mit Profis aus allen Teilen des Kontinents, mit Trainer Arsène Wenger, der den Engländern beibrachte, dass ein gesunder Lebenswandel für Fußballer genau so wichtig ist wie gutes Training, auch mit der Bedeutung des Vereins in der Popkultur - Stichwort "Fever Pitch", der Roman von Nick Hornby, der Fußball als Gegenstand von Literatur verankerte.

Doch von meiner Faszination ist nur noch wenig übrig. Mittlerweile schaue ich erschüttert auf den Klub.

Von den Invincibles zur Lachnummer

Der FC Arsenal ist zu einer Lachnummer geworden in den vergangenen Jahren, weil er sich im Mittelmaß eingerichtet hat. Weil es ihn nicht zu stören scheint, längst kein Kandidat mehr auf den Titel zu sein und immer wieder gedemütigt zu werden. 2:8 gegen Manchester United im August 2011, die 1:5-Niederlagen gegen den FC Bayern in der Champions League, zuletzt zweimal nacheinander 0:3 gegen Manchester City, jene Mannschaft, die neuerdings für die Kultivierung des Fußballs steht. Die neuerdings das ist, was Arsenal früher war. In der Europa League geht es am Abend gegen den AC Mailand (19 Uhr Sky, Liveticker SPIEGEL ONLINE), auch so ein Verein, der fahrlässig mit seinem großen Erbe spielt.

Im Grunde ist es ein edler Zug, dass der Klub immer wieder an Trainer Wenger festgehalten hat, doch mein Eindruck ist, dass er ihm damit keinen Gefallen mehr tut. Es ist traurig, wie Wenger an der Seitenlinie sitzt, zusammengesunken, der Blick leer, ein Bild der Hilflosigkeit. Es ist traurig, wie sein Denkmal zerbröselt. Der Verein sollte ihn am Ende der Saison würdig verabschieden, das hat er sich nach fast 22 Jahren im Amt verdient. Aber er sollte ihn auf jeden Fall verabschieden. Damit Arsenal wieder ein faszinierender Verein werden kann.

Gelände rund um das alte Highbury (vorne)
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Gelände rund um das alte Highbury (vorne)

Ich habe leider nie ein Spiel im Highbury-Stadion gesehen. 2006 wurde es abgerissen. Allerdings nicht ganz. Teile der Tribünen sind erhalten geblieben. Das Gelände wurde zu einem Wohnkomplex umgebaut. Viel Glas und Stahl, in der Mitte, wo früher das Spielfeld war, eine Parkanlage.

Ich war neulich da. Es war kalt und nieselte. Ich fühlte mich, als wäre ich auf einem Friedhof.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
ge1234 08.03.2018
1. Arsenal...
... war noch nie ein großer Klub, sondern immer eher langweilig und unbedeutend. Das Bayer O4 der PL sozusagen, das alleine durch Hornbys grandioses Fever Pitch an Bedeutung zulegte. Und im Gegensatz zu Herrn Buchheister habe ich die Gunners nicht erst seit 2004 (!) auf dem Schirm, sondern bereits seit 1974!
jnek 08.03.2018
2. Ja und?
Wo ist da jetzt die Story? Ein Mensch erzählt etwas aus seiner Jugend und dann? Er war mal beindruckt von einem Fußball Club? Aha. Ich war in seinem Alter in Paris und total beeindruckt von der Künstlerszene rund ums Center Pompidou. Aber weil ich halt kein sponler geworden bin erzähle ich davon halt nix. Obwohl ich immer noch gerne hinfahre.
christof.schroeter 08.03.2018
3.
Es gibt viele Leute, die verschwenden ihre Zeit damit, Dinge zu lesen, die sie nicht interessieren. Interessanterweise gibt es offenbar auch Leute, die noch mehr Zeit damit verschwenden müssen, der Welt mitzuteilen, dass sie grad was gelesen haben, was sie nicht interessiert. Faszinierend.
der_schoene_hans 08.03.2018
4. Arsenal Alaaf...
Als der FC Köln dort vor wenigen Monaten sein Auswärtsspiel absolvierte, stellte ich vor Ort im Emirates zwei Dinge fest: ich bin Fan des geilsten Vereins der Welt und Arsenals Fankultur ist beschämend. Es gab sie schlichtweg nicht.
ramon 08.03.2018
5.
City steht also neuerdings für die Kultivierung des Fußballs...
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