Wenger-Abschied bei Arsenal Kitsch in Lyon

22 Jahre lang prägte Arsène Wenger den FC Arsenal - einen internationalen Titel gewann er nie. Die Europa League bietet die Chance auf ein glückliches Ende seiner Ära, samt Geschenk für den Nachfolger.

Arsène Wenger, Trainer des FC Arsenal
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Arsène Wenger, Trainer des FC Arsenal

Aus London berichtet


Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Wetter in London immer schlecht sei. Immer nur Regen oder Nebel oder Regen und Nebel. Dabei hat die Stadt auch herrliche Sonnentage im Programm.

An dem Tag, an dem der FC Arsenal das Ende der Zusammenarbeit mit Trainer Arsène Wenger zum Abschluss der Saison nach fast 22 Jahren bekannt gab, zeigte das Thermometer 26 Grad, gefühlt war es deutlich wärmer. Keine Wolke am Himmel. Vor dem Stadion des Klubs schwitzten Kameramänner, Fernsehjournalisten und Fans.

Und vielleicht passten die äußeren Bedingungen ganz gut zur Lage des Vereins, vor allem zu seiner Zukunft. Vielleicht klart jetzt für den FC Arsenal der Himmel auf.

Im Mediensaal des Stadions sprach Geschäftsführer Ivan Gazidis fast eine halbe Stunde über Wengers Errungenschaften, über seine Verdienste für den FC Arsenal und für den internationalen Fußball. Aber auch darüber, wie es für den Klub weitergeht. Seine Prognose klang hoffnungsvoll. "Wir sind in einem besseren Zustand, als wir es uns vor 22 Jahren erträumt hätten. Ich glaube nicht, dass sich jetzt eine Phase der Instabilität ankündigt", sagte er.

Von Allegri bis Henry gibt es etliche Trainerkandidaten

Tatsächlich hat der FC Arsenal in den vergangenen Monaten viel dafür getan, damit in der Zeit nach Wenger kein Machtvakuum entsteht, wie es zum Beispiel bei Manchester United nach dem Weggang von Sir Alex Ferguson (und von Generaldirektor David Gill) vor fünf Jahren der Fall war. Arsenal hat in dieser Saison ein Netz aus Fachleuten hinter den Kulissen gespannt, das den Verein künftig tragen soll. Neben dem Dortmunder Chefscout Sven Mislintat kam zum Beispiel eine Art Sportchef, ein Experte für Vertragsverhandlungen und ein neuer Fitness-Beauftragter.

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Arsenals neuer Trainer - die Spekulationen reichen von Massimiliano Allegri von Juventus über die Ex-Profis Thierry Henry und Patrick Vieira bis zu Julian Nagelsmann aus Hoffenheim - mit weniger Befugnissen, mit einer weniger umfassenden Machtfülle ausgestattet werden wird als Wenger es war. (Lesen Sie hier mehr über mögliche Szenarien beim FC Arsenal.)

"Es wird in Zukunft keine Trainer mehr geben, die so viele Kompetenzen haben", sagte Gazidis und bezog sich darauf, dass sich die Strukturen im Fußball grundsätzlich geändert haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten, dass die Zeit der Alleinherrscher vorbei sei. Er wollte übrigens nicht ausschließen, dass Wenger dem Verein künftig erhalten blieben, in welcher Funktion auch immer.

Die Suche nach einem Ersatz für den scheidenden Trainer hat laut Gazidis noch nicht begonnen, und ein solcher ist seiner Meinung nach auch gar nicht zu beschaffen angesichts der Leistungen, die Wenger vollbracht hat: "Wir können ihn nicht ersetzen. Wir können nur einen neuen Weg vorwärts finden", sagte Gazidis.

Dieser neue Weg soll eine Fortsetzung von Wengers Arbeit sein. Der neue Trainer soll ebenfalls Wert auf progressiven, auf schön anzusehenden Fußball legen. Auf Fußball, der die Leute im Stadion mitreißt. Das ist dem FC Arsenal in den späten Jahren von Wengers Amtszeit immer seltener gelungen. In der vergangenen Saison verpasste das Team den Einzug in die Champions League, zum ersten Mal in der Regentschaft des Trainers. In dieser Saison könnte am Ende sogar nur Rang sieben stehen, hinter dem FC Burnley.

In der Europa League könnte es zum Happy End kommen

Doch weil der Kader mit Spielern wie Mesut Özil, Henrich Mchitarjan oder Pierre-Emerick Aubameyang grundsätzlich in einem ordentlichen Zustand ist, kann es nur aufwärtsgehen in der Zeit nach Wenger.

In den letzten Wochen von Wengers Wirken im Norden Londons werden die Spieler laut Geschäftsführer Gazidis "alles dafür tun, um ihm den Abschied zu bereiten, den er verdient". Was das in Ergebnissen konkret bedeuten könnte, wollte er nicht sagen. Dabei ist gar nicht viel Fantasie nötig, um sich einen Ausstand nach Maß für Wenger auszumalen. Er hat mit Arsenal 17 Titel geholt, eine internationale Trophäe war bislang nicht darunter. Darauf besteht in dieser Saison die Chance.

Der Verein ist noch in der Europa League vertreten, im Halbfinale wartet Atlético Madrid. Mit einem Titelgewinn wäre sogar die Rückkehr in die Champions League gesichert, ein nettes Begrüßungsgeschenk für den neuen Trainer. Es wäre ein beinahe kitschiges Ende für Wengers Ära, wenn er am 16. Mai, nach dem Endspiel in Lyon, den silbernen Pokal in den Nachthimmel heben würde. In den dann sicher wolkenlosen Nachthimmel.

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