Aufsteiger Augsburg vor Klassenerhalt: Das Wunder mit dem Mickymaus-Etat

Von Christoph Ruf

Es wäre eine kleine Sensation: Am Samstag könnte der FC Augsburg den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga schaffen - dabei galt der Aufsteiger mit seinem No-Name-Kader doch als untauglich. Wie um Himmels willen haben die das geschafft?

FC Augsburg: Volle Pulle Richtung Klassenerhalt Fotos
Getty Images

Andreas Rettig hat einen Traum. Er hat mit einer Tabellenkonstellation und einer Biersorte zu tun und kann - das macht sich ja immer gut bei Träumen - bald in Erfüllung gehen. Wenn der FC Augsburg am Samstag in Gladbach siegt, oder Köln in Freiburg nicht gewinnt, bleibt der Aufsteiger erstklassig. Und dann, so viel ist dem in Leverkusen geborenen Augsburger Manager klar, muss er unhöflich sein: Das in Mönchengladbachs Stadion angebotene Altbier ("dunkle Brühe") wird er dankend ablehnen und stattdessen ein Fläschchen Kölsch ("edles Getränk") trinken.

Zu feiern hätte er nicht weniger als ein Wunder. Zwar hatte Rettig am Sonntag, nach dem hochverdienten 1:1 gegen Schalke, noch mahnend den Finger erhoben. Man sei nicht gerettet, müsse konzentriert bleiben. Tatsächlich aber steht eine individuell alles andere als erstklassig besetzte Elf, die mit einem "Mickymaus-Etat" (Rettig) zusammengestellt wurde, ganz dicht vor dem Klassenerhalt. Wie konnte das passieren?

Tatsächlich taten sich die Verhaeghs, Baiers und Mölders schwer zu Saisonbeginn. Das Tempo schien zu hoch, die gegnerischen Stürmer zu versiert, die eigenen überfordert. "Wir haben lange gebraucht, um in der Liga anzukommen", sagt Trainer Jos Luhukay, "aber damit musste man rechnen." Nur drei Siege, ganze 15 Tore geschossen: Platz 17 belegte man nach der Hinrunde, knapp vor dem SC Freiburg, der als einziger noch dilettantischer vor sich hingewerkelt hatte.

Nun darf Luhukay hoffen, "dass wir nach dem 34. Spieltag in den Urlaub fahren können", weil ein anderes Team in die Relegation muss. 2012 zahlte sich plötzlich aus, was Torwart Simon Jentzsch als "mentalen Prozess" beschreibt. "Wir haben gemerkt: Es geht etwas. Und prompt hat man die zweite Luft", sagt der 35-Jährige. Wenn beim Gegner die Kräfte schwanden, rannten die Augsburger erst los. "Wenn du drei Minuten vor Abpfiff mit letzter Kraft den Ball ins Aus grätschst und siehst, dass auf der Tribüne alle aufstehen, übersteht man auch die letzten Minuten gut", sagt Jentzsch.

In der Rückrunde besser als Werder Bremen

19 Punkte sammelte man in der Rückrunde, mehr als Werder Bremen oder der Hamburger SV. Man schlug Hertha BSC, Mainz, Köln und Wolfsburg und punktete gegen Bremen, Hannover, Dortmund und Schalke. Es waren keine zusammengestümperten Siege, keine ermauerten Remis, sondern Ergebnisse, bei denen der Gegner oft sogar von Glück sagen konnte, dass sich der Aufsteiger vor dem Tor so tapsig anstellte.

Die Abschlussschwäche ist dem Club erhalten geblieben. Gegen Schalke brauchte der FCA ein Dutzend Chancen für einen einzigen Treffer. Dem Gegner reichte eine. Dafür zeigt Augsburg seit Monaten eine erstaunliche Spielkultur, was Jentzsch dem Umstand zuschreibt, dass Luhukay mehrfach pro Woche die Passgenauigkeit trainieren lässt. Überhaupt macht der Niederländer, der bei seiner ersten Bundesliga-Station in Mönchengladbach noch scheiterte, seine Spieler Stück für Stück besser.

Akteuren wie Axel Bellinghausen oder Jan-Ingwer Callsen-Bracker hätten, bis sie nach Augsburg kamen, wohl nur Familienangehörige zugetraut, dass sie einmal Leistungsträger in einer Bundesliga-Mannschaft werden könnten. Nun sind sie es. Auch Daniel Baier, Sebastian Langkamp oder Hajime Hosogai haben sich prima entwickelt.

Selbst der Deutsche Meister ist beeindruckt

Der in der Winterpause vom VfL Wolfsburg ausgeliehene Ja-Choel Koo (bisher vier Saisontreffer) passte perfekt - in ein Team, das "bescheiden und sympathisch auftritt", wie Rettig betont. "Ich sage ja nicht erst seit gestern, dass soziale Kompetenz wichtig ist."

In Augsburg hat die Luhukay-Elf einen regelrechten Boom ausgelöst. Über 10.000 Mitglieder hat der FCA mittlerweile, die Fanclubs schießen aus dem Boden. Vor der Saison waren sich die Vereinsbosse nicht sicher, ob die knapp über 30.000 Zuschauer fassende Arena nicht überdimensioniert sein könnte. Nun ist sie bei jedem Heimspiel ausverkauft.

Und die Stimmung ist so euphorisch, dass sie selbst dem Deutschen Meister Respekt abnötigt. In Schwatzgelb, dem Internet-Fanzine von Borussia Dortmund, gab Verteidiger Mats Hummels auf die Frage, in welchem gegnerischen Stadion ihn die Stimmung beeindruckt habe, eine überraschende Antwort. "Was geil war, war das Spiel in Augsburg."

Gut möglich, dass die Dezibelzahlen beim 17. Heimspiel neue Rekorde erklimmen. Am letzten Spieltag, wenn der Hamburger SV zu Gast ist, könnte Augsburg bereits gerettet sein.

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1. Hehehe...
Nihil novi 28.04.2012
Zitat von sysopEs wäre eine kleine Sensation: Am Samstag könnte der FC Augsburg den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga schaffen - dabei galt der Aufsteiger mit seinem No-Name-Kader doch als untauglich. Wie um Himmels willen haben die das geschafft? Aufsteiger Augsburg vor Klassenerhalt: Das Wunder mit dem Micky-Maus-Etat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,830084,00.html)
Wie konnte man das schaffen? Ganz einfach, in dieser Liga gibt es mindestens 10 Vereine, die mit den vorhandenen Mitteln mehr als nur stümperhaft umgehen. Leuchttürme dieses Dilletantismusses sind sicher Vereine wie Köln, Hamburg, Berlin oder auch Stuttgart und Schalke. Was hier nicht geleistet wird ist fast schon nicht mehr zu glauben.... So können selbst Vereine, die von der Infrastuktur und den Mitteln meilenweit unterlegen sind, mit halbwegs gutem Managment den Klassenverbleib sichern. Beispiel hier ist sicher immer wieder Freiburg, die eigentlich in der ersten Liga schlicht nicht konkurrenzfähig sind.
2.
moritzferdinand 28.04.2012
Nach meiner Kenntnis haben die Breisgauer ein noch geringeres Etat für diese Saison! Dieser Verein zeigt, dass es auch über längere Zeit möglich ist sich in der 1.Bundesliga zu halten. Freiburg verdient mein Respekt! Augsburg muss erst beweisen, ob sie sich als Bundesliga-mannschaft für die nächsten Jahre etablieren können.
3.
UnitedEurope 28.04.2012
Zitat von Nihil noviWie konnte man das schaffen? Ganz einfach, in dieser Liga gibt es mindestens 10 Vereine, die mit den vorhandenen Mitteln mehr als nur stümperhaft umgehen. Leuchttürme dieses Dilletantismusses sind sicher Vereine wie Köln, Hamburg, Berlin oder auch Stuttgart und Schalke. Was hier nicht geleistet wird ist fast schon nicht mehr zu glauben.... So können selbst Vereine, die von der Infrastuktur und den Mitteln meilenweit unterlegen sind, mit halbwegs gutem Managment den Klassenverbleib sichern. Beispiel hier ist sicher immer wieder Freiburg, die eigentlich in der ersten Liga schlicht nicht konkurrenzfähig sind.
Was Köln, Hamburg oder Berlin betrifft, mögen Sie recht haben. Auch mir ist es ein Rätsel, wie man in solchen Millionenstädten mit quasi unbegrenztem talentiertem Nachwuchs und Millionen in der Kasse sich nicht dauerhaft im oberen Mittelfeld platzieren kann. Doch bei Schalke und besonders Stuttgart muss ich widersprechen: Schalke spielt regelmäßig Champions,- und Europaleague. Sie haben zwar früher Geld wie Heu ausgegeben, befinden sich aber inzwischen auf einem sparsameren Kurs, was dem soliden Wirtschaften geschuldet ist. Außerdem ist mit dem BVB ein namhafter Konkurrent um junge Talente entstanden, der besser als Schalke dasteht. Bis sich Schalke endgültig von den Fehlern der Vergangenheit berappelt haben wird, wird es noch eine Saison dauern. Trotzdem war man in der Europaleague und letzer Jahr Champions League gut dabei. Stuttgart setzt seit jeher konsequent auf die eigene Jugend oder junge, billige Talente. Ulreich, Schieber, Didavi, Cacau oder damals Khedira und Gomez, die man für viel Geld verkaufen (musste und) konnte sprechen für sich. Und die meisten Neuzugänge der letzten Jahre waren vernünfitg und haben sich bezahlt gemacht, etwa Ibisevic, Kvist, Ogazaki Sakai. Dafür ist die Europaleague rausgesprungen, was im Moment der Horizont des VFB ist. Zumal mit Hoffenheim, Freiburg, Frankfurt, Mainz, München und Augsburg im Umkreis von 200 Km 6 namhafte Clubs den Kampf um Talente schwer macht.
4.
AKI CHIBA 28.04.2012
Warum so kleingläubig? Glauben Sie doch einfach hemmungslos, was dort nicht geleistet wird. Sie dürfen auch glauben, dass in Madrid und Barcelona mit den vorhandenen Mitteln stümperhaft umgegangen wird. Da das Glauben aber dem Wissen nachgeordnet werden muss, werden Erkenntnissprünge bei Nihil nicht zu erwarten sein. Ich verrate einen solchen: Der Fußball ist das Unwägbare an sich. Ein Hoooch auf Augsburg und Freiburg und den VfB!
5. Trainer
Bee1976 28.04.2012
Was bislang vergessen wurde, der Trainer. Der leistet dort gute Arbeit und bekommt den rücken gestärkt.Hätte zu Saisonbeginn, grad nach der Eskapade um Thurk nicht gedacht, das augsburg die Klasse halten könnte.
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