Augsburg-Trainer Weinzierl "Ich habe mich emotional entschieden"

Markus Weinzierl lag ein unterschriftsreifes Angebot des FC Schalke vor - und dennoch bleibt er beim FC Augsburg. Warum hat er das verlockende Angebot abgelehnt?

Ein Interview von und

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SPIEGEL ONLINE: Herr Weinzierl, die vergangenen Tage waren ziemlich turbulent. Ist ein wenig Ruhe eingekehrt?

Weinzierl: Seit Mittwochnachmittag, ja. Seit ich meine Entscheidung getroffen habe, in Augsburg zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Der Augsburger Manager Stefan Reuter hat Sie am Mittwoch zu Hause in Straubing besucht. Hat er Sie überredet, Schalke abzusagen?

Weinzierl: Das musste er nicht. Es waren zwei sehr reizvolle Optionen, Schalke ist ein Traditionsverein. Die Anfrage hat mich gefreut und geehrt, rational hat vieles dafür gesprochen. Aber am Ende habe ich mich auch emotional entschieden - für den FCA.

SPIEGEL ONLINE: Lag Ihnen denn ein unterschriftsreifes Angebot von Schalke vor?

Weinzierl (nach einigen Sekunden Pause): Ja.

SPIEGEL ONLINE: Was sprach dagegen?

Weinzierl: In Gelsenkirchen hätte ich sofort anfangen müssen, ein kurzfristiger Wechsel zum jetzigen Zeitpunkt fühlte sich jedoch nicht richtig an. Ich wollte mich nach drei wunderbaren Jahren nicht auf diese Weise von Augsburg verabschieden.

SPIEGEL ONLINE: Der Verein hat dementiert, dass es eine Ausstiegsklausel in ihrem Vertrag gibt. Auf welcher Basis hätten Sie wechseln können?

Weinzierl: Darüber kann und will ich nicht sprechen. Ich kann nur so viel sagen: Augsburg wusste um das Angebot, wir haben ein vertrauensvolles Verhältnis und führten die Gespräche auf dieser Basis. Das wird auch künftig so sein.

SPIEGEL ONLINE: Worum ging es in den Gesprächen?

Weinzierl: Um die Vorstellungen von der gemeinsamen Zukunft. Ich habe mir und den Verantwortlichen simple Fragen gestellt: Habe ich das Ganze in Augsburg schon zu Ende gebracht? Sind wir an einem Punkt angelangt, an dem die Mannschaft eine neue Ansprache braucht, um den nächsten Schritt zu machen? Muss ich selbst den nächsten Schritt machen? Die Antwort auf alle Fragen war: nein. Ich sehe noch Entwicklungspotenzial, die Spieler und ich können gemeinsam weiter wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Augsburg hat die vergangene Saison auf Platz fünf abgeschlossen. Was soll jetzt kommen?

Weinzierl: Mir ist klar, dass die Qualifikation für Europa ein vorläufiger und unerwarteter Höhepunkt ist, das heißt nicht, dass es automatisch so weitergeht. Das kommende Jahr wird eine Riesenherausforderung, darauf sind wir alle vorbereitet, und aus der Verantwortung wollte ich mich nicht ziehen. Wir können nun erstmals international Erfahrung sammeln, das wird anstrengend für alle. Wir müssen uns auf den Rhythmus mit teilweise drei Spielen pro Woche gut vorbereiten. Das bedeutet Veränderungen und Anpassungen in allen Bereichen, aber auch viele Möglichkeiten dazuzulernen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ein wenig, als hätten Sie sich noch nicht ganz bereit gefühlt für die Aufgabe auf Schalke.

Weinzierl: Ich habe Schalke nicht abgesagt, weil ich zu großen Respekt vor dem Job hatte, meinem Trainerstab und mir hätte es dort an nichts gefehlt.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten dort einen anderen Status gehabt, Horst Heldt sagte explizit, er suche einen Trainer für die Fans. Hat Sie das abgeschreckt?

Weinzierl: Das wäre überhaupt kein Problem gewesen. Schalke hat tolle Fans, das zeichnet den Klub aus. Dort ist viel Leidenschaft, viel Emotionalität, das gefällt mir. Klar sind die Anforderungen und Erwartungen nicht die gleichen wie in Augsburg, bei einem Klub, der gerade das vierte Jahr in der Bundesliga spielt. Schalke ist ein Traditionsverein mit gewachsenen Strukturen und Erfahrung im internationalen Geschäft. Doch am Ende geht immer es ums Gewinnen, den Druck gibt es überall. Wenn du davor Angst hast, bist du in dem Beruf nicht richtig.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege Thomas Tuchel schlug das Angebot des Hamburger SV aus, weil er befürchtete, sich dort auf seiner zweiten großen Trainerstation zu übernehmen. Können Sie ihn verstehen?

Weinzierl: Wenn du Trainer eines Bundesligavereins bist, beschäftigt dich das den ganzen Tag. Wenn du abgelenkt wirst oder zu viele Nebenaufgaben erledigen musst, fehlt dir der Blick auf das Wesentliche. Insofern kann ich es nachvollziehen, wenn Thomas Tuchel das so empfunden hat.

SPIEGEL ONLINE: Der Druck auf Sie wird in der kommenden Saison automatisch steigen. Hat der FC Augsburg Ihnen nach Ihrer Entscheidung Zugeständnisse gemacht, die Ihre Arbeit erleichtern werden?

Weinzierl: Nein. Der FC Augsburg hat ein langfristiges Konzept, das steht. Wir wollen gemeinsam daran arbeiten, dass dieser fünfte Platz nicht ein einmaliger Ausschlag nach oben war, und dafür brauchen wir gute Spieler. Die suchen wir intensiv, aber das hängt nicht von meiner Person ab.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welchen Spieler hätten Sie gern in Ihrem Team?

Weinzierl: Als Augsburger Trainer habe ich mir angewöhnt, realistische Fragen zu stellen und nach Lösungen für die tatsächlichen Probleme zu suchen, deshalb beschäftige ich mich gar nicht erst mit Wunschvorstellungen dieser Art. Wir sind finanziell sehr bescheiden aufgestellt, deshalb muss ich schauen, dass wir Fußballer finden, die bezahlbar sind und uns für die kommende Saison trotzdem weiterhelfen. Das ist die grundlegende Problematik und Herausforderung für uns als kleiner Bundesligaverein, der in drei Wettbewerben mitspielen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vertrag läuft bis 2019. Was würde passieren, wenn ein Verein wie Schalke im kommenden Jahr anfragt?

Weinzierl: Sollte das passieren, werde ich mich dann damit befassen, aber für diesen Moment habe ich meinen Entschluss gefasst und freue mich auf die Vorbereitung und die Saison 2015/2016 mit dem FCA.



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insgesamt 28 Beiträge
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fridericus1 12.06.2015
1. Es gibt eine Reihe von Vereinen ...
... die sich ein erfolgreicher Trainer in Lohn und Brot einfach nicht antut. Dazu gehören Schalke, HSV, Leverkusen und Leipzig. Es sein denn, man ist leicht maso.
vb14 12.06.2015
2. Egal wie es kommende Saison mit Augsburg läuft...
...er wird die Entscheidung zu bleiben sicher nicht bereuen.
vhn 12.06.2015
3. Hr. Weinzierl
Ganz ein Guter. Wo gibt's solche Typen heutzutage noch? Im Fußball eigentlich nicht...
johannes61 12.06.2015
4. Das gibt es noch ...
Eine solche Entscheidung treffen auf der Grundlage von einem Bauchgefügl: Hochachtung, Herr Weinzierl!
Teigkonaut 12.06.2015
5. Der Mann ist in sich gefestigt!
Der weiß was er tut. Auch wenn er es im Interview nicht explizit gesagt hat aber die lange Liste der Trainer die der FC Schalke 04 schon verschlissen hat dürfte auch eine Rolle gespielt haben. Dort hat er einfach keine Ruhe, um längerfristig ein Erfolgskonzept umzusetzen. Jens Keller & Co. lassen grüßen!
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