Leipzigs Pleite in Augsburg Sehr unbefriedigend

Daniel Baiers Geste in Richtung der Leipziger Bank war für Ralph Hasenhüttl nur einer von vielen Gründen, unzufrieden zu sein. Der Vizemeister ahnt allmählich, was Doppelbelastung und Favoritenrolle bedeuten.

Ralph Hasenhüttl (l.), Daniel Baier (2.v.l.)
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Ralph Hasenhüttl (l.), Daniel Baier (2.v.l.)

Aus Augsburg berichtet Christoph Leischwitz


In der ersten Halbzeit hatte sich Ralph Hasenhüttl die zähe Partie noch ruhig und mit verschränkten Armen angesehen. Nach dem Seitenwechsel ging der Trainer von RB Leipzig dann schon immer öfter nervös durch seine Coachingzone. Seine Mannschaft fand einfach keine Lücken zwischen den Reihen des FC Augsburg, der seit der vierten Spielminute in Führung lag. Nach 70 Minuten brach es dann aus dem Coach heraus.

Augsburgs Daniel Baier hatte sich zunächst direkt vor der Leipziger Bank theatralisch fallen lassen und dann, nach einer kurzen Diskussion, eine obszöne Handbewegung in Richtung Hasenhüttl gemacht. Nach dem Schlusspfiff verweigerte dieser dem Mittelfeldspieler den Handschlag und brüllte ihn an.

Der Frust über die 0:1-Niederlage hat Hasenhüttls Reaktion sicher noch einmal verstärkt, Baiers Provokation unter der Gürtellinie wurde zum Ventil. Nach einem Gespräch mit dem vierten Offiziellen Arno Blos sagte Leipzigs Coach: "Wenn er das gleich gesehen hätte, dann hätte er ihn sofort vom Platz gestellt."

"Das ist für niemanden einfach"

Dann hätten sich den Leipzigern vielleicht auch jene Räume geboten, die sie brauchen, um mit Geschwindigkeit vors gegnerische Tor zu kommen. Der FC Augsburg hatte agiert wie eine Auswärtsmannschaft: defensiv ausgerichtet, auf Konter lauernd. Es war aus Sicht der Schwaben perfekt gelaufen: Nach dem sehenswerten Konter über den starken Caiuby, abgeschlossen von Michael Gregoritsch (4.), konnte man sich noch mehr auf das "Beton Anrühren" (Leipzigs Diego Demme) konzentrieren als geplant.

"Es ist für niemanden einfach, einen tief stehenden Gegner zu bespielen." Gesagt hatte das nicht etwa Hasenhüttl, der gerade in der Pressekonferenz mit leerem Blick auf den Tisch vor sich starrte. Sondern tatsächlich Augsburgs Trainer Manuel Baum, der eigentlich eher für sein Faible zum Offensivspiel bekannt ist, derzeit aber aus der Not eine Tugend macht. Um das Ergebnis zu halten, hatte Baum den Torschützen Gregoritsch sogar schon zur Pause gegen den defensiveren Ja-Cheol Koo ausgetauscht.

Sieben Spiele in 24 Tagen

Sieben Spiele muss Leipzig innerhalb von 24 Tagen bestreiten. Davon sind nun vier absolviert - mit nur einem Sieg. Der Champions-League-Debütant beginnt gerade zu erahnen, was es bedeutet, nunmehr zweimal die Woche anrennen zu müssen, Lücken zu suchen, zwischen den vielen Reisen zu regenerieren und dann den nächsten defensiv eingestellten Gegner vor der Brust zu haben.

Ab und zu, so wie am vergangenen Wochenende in Mönchengladbach, muss man sich zu allem Überfluss auch noch frech spielenden Gegnern erwehren, die gegen Ende sogar noch mal das Tempo erhöhen. Am kommenden Samstag allerdings, im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt, dürfte alles wieder beim Alten sein: Mit einem Offensivfeuerwerk des Gegners muss man jedenfalls nicht rechnen.

Hasenhüttls Plan ist es, so viel wie möglich zu rotieren und einzelnen Spielern Schonzeit zu gewähren. Im Vergleich zum vorigen Spiel veränderte er die Mannschaft auf neun Positionen, selbst der Torwart war neu. "Ich habe mich sehr gefreut. Aber das frühe Tor hat mir wehgetan", sagte Yvon Mvogo über sein verkorkstes Bundesligadebüt. Oft spielte Leipzig zu schablonenhaft, mit zu wenigen Überraschungen, um den Gegner überrumpeln zu können.

Hasenhüttl selbst räumte ein, dass er diesmal überrotiert habe - aber nicht komplett freiwillig. Leipzigs größtes Problem ist, dass sie Naby Keita im Zentrum nicht ersetzen können. Der Tempomacher ist nach seinem Tritt ins Gesicht von Gladbachs Christoph Kramer rotgesperrt. "Klar fehlt so ein Ausnahmespieler wie Naby ein bisschen, der durch einzelne Aktionen Räume kreieren kann", sagt Abwehrspieler Willi Orban. Wenn es vorne nicht klappt, dann müsse man eben erst einmal wieder verstärkt darauf achten, dass hinten die Null stehe, sagt der 24-Jährige.

Hasenhüttl fand, dass seine Mannschaft phasenweise "zu wenig emotional" gewesen sei. Diesbezüglich ist er am Dienstagabend in Augsburg tatsächlich deutlicher in Erscheinung getreten als viele seiner Spieler. Bei der Frage, ob Daniel Baier nachträglich gesperrt werden sollte, zuckte er aber nur mit den Schultern: "Davon haben wir nicht viel."



insgesamt 6 Beiträge
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kumi-ori 20.09.2017
1.
Irgendwie sehe ich Hasenhüttls Punkt nicht. Eine obszöne Geste gegen den Trainer ist sicher frech und möglicherweise auch zu bestrafen, wird aber schwerlich einen Einfluss auf das Spielgeschehen gehabt und der Grund für eine Niederlage gewesen sein. Wenn ich Herrn Hasenhüttl einen guten Rat geben dürfte, dann würde ich ihm empfehlen, vom Baum wieder runterzukommen und zu versuchen, das nächste Spiel zu gewinnen. Frankfurt, so lese ich hier, wird sicher verlieren. Na ja, man hat schon Pferde k***en sehen. Aber wer sagt eigentlich, dass speziell Leipzig gewinnen müsste?
MeinungVonMir 20.09.2017
2. Der Herr Leischwitz und der Fußball...
bei Aussagen wie "beim Heimspiel gegen Frankfurt dürfte alles beim Alten sein" fragt man sich doch wieviel Ahnung der Herr Leischwitz so von Fußball hat. Wenn er meint, dass von Frankfurt kein Offensivfeuerwerk zu erwarten sei, frage ich mich was da der Bezug zum aktuellen Spiel ist. Augsburg hat das ja wohl auch nicht geliefert und im direkten Vergleich hat Frankfurt gegen Augsburg zumindest mal ein Tor gemacht. Also deutlich näher am Offensivfeuerwerk als Leipzig. Darüber hinaus hat er wohl die Spiele der Eintracht gegen Freiburg, Gladbach und Wolfsburg nicht gesehen. Da ging offensiv schon einiges, nur der Ball wollte nicht rein. Insofern einfach mal den Ball flachhalten und abwarten.
ppkt_3 20.09.2017
3. Leipzig ist angekommen..
Jetzt ist Leipzig angekommen. Jahrelang konnte man, dank einer guten Mannschaft, durchmarschieren. Jetzt sind plötzlich die TOP-Spieler auch für andere interessant, die Gegner haben sich gut auf RBL eingestellt, erkennen deren Schwächen und halten gut dagegen. Wie gestern der FCA, der trotz des Ballbesitzvorsprungs der Leipziger sicher verteidigt und durchaus besser gekontert haben. Hasenhüttl merkt, dass er mit seiner Mannschaft die Erwartungen nicht mehr erfüllen kann und wirkt zunehmend nervös. Das erklärt auch seine künstliche Aufgeregtheit nach dem Spiel. Daniel Baier, den ich oft live spielen sehe, ist normalerweise ein besonnener Sportsmann. Seine Geste gestern Richtung Hasenhüttl war nicht ok, aber Hasenshüttl' Dauerschimpfen und seine gespielte Entrüstung auch nicht gerade souverän. Also, mal alle etwas entspannen... und weiter gehts. Das ist halt der Fußball, Emotion, Kampf, Frust, Jubel. Deswegen gehen wir ja ins Stadion.
swandue 20.09.2017
4.
Leipzig stöhnt schon über die Doppelbelastung? Das macht Hoffnung! Vizemeister Wolfsburg (2014/15) möge dem Vizemeister Leipzig (2016/17) ein gutes Vorbild sein!
dolfi 20.09.2017
5. Das ist der Unterschied
zwischen einer Spitzenmannschaft und einer Mannschaft, die Spitze ist. Eine Spitzenmannschaft, die m. E. momentan nur der FC Bayern hat, ist konstant über einen langen Zeitraum fähig, solche Mehrfachbelastungen erfolgreich zu überstehen. Der BVB ist dort nur in Ansätzen, ihm fehlt der dauerhafte Erfolg. Emporkömmlinge, wie Red Bull Leipzig, sind zwar in der Lage, Erfolg abzuliefern, aber das langfristige ‚Standing‘ in diesem Top-Bereich fehlt ihnen völlig. Da wird man dann gegen eine clever spielende Mannschaft, wie den FCA gerne mal aus der Bahn geworfen.
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