Die Meister-Bayern Leider brillant

Der FC Bayern ist das Überteam der Bundesliga. Unter Josep Guardiola spielt die Mannschaft noch souveräner, in Deutschland ist sie ohne Konkurrenz. Nur in der Champions League droht noch Gefahr.

Aus Berlin berichtet


Für Fußball-Statistiker ist diese Mannschaft eine pure Freude. Woche für Woche fördern die Datensammler neue Rekordwerte des FC Bayern München zutage. Siegesserien, Gegentore, Ballbesitz, Passquoten: alles rekordträchtig, alles noch nie da gewesen in 51 Jahren Bundesliga. Aber dieses Team, das sich am Dienstag vorzeitig die Meisterschaft sicherte, ist mehr als das. Selbst wenn man sich von den beeindruckenden Zahlen komplett löst, entfaltet die Mannschaft ihre Strahlkraft. Möglicherweise sogar dann noch mehr.

Denn der FC Bayern des Jahrgangs 2013/2014 spielt mittlerweile so, dass er es selbst notorischen Bayern-Gegnern verdammt schwer macht, dieses Team zu hassen. Und das ist ein sehr großes Kompliment, frühere Münchner Mannschaften schafften das nie.

Es gab einmal eine Zeit vor gut zehn Jahren, da wurde der FC Bayern das weiße Ballett genannt. Im Team standen damals Fußballer wie Jens Jeremies, Michael Ballack, Thorsten Fink und Thomas Linke. Im Nachhinein ist es fast schade, dass das Etikett an so eine Mannschaft verschwendet wurde. Das, was die heutige Bayern-Elf demonstriert - und meistens ist es eine Demonstration von Macht, Überlegenheit, Souveränität und Siegesgewissheit - kommt dem Schönheitsideal eines Balletts deutlich näher.

Schwächen wurden nach und nach abgestellt

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Den Verantwortlichen ist es gelungen, nach und nach die einzelnen Schwachpunkte, die das Team bei aller Dominanz in der Vergangenheit auswies, zu erkennen und zu minimieren. Die Innenverteidigung, die noch im Jahr 2010, als der FC Bayern schon einmal nahe am Triple war, ungelenk und technisch limitiert wirkte, wird mittlerweile von den eleganten Fußballern Dante und Jérôme Boateng besetzt.

Die Offensive, die früher hinter den reinen Mittelstürmern auch gerne Lücken aufbot, ist mit Thomas Müller, Mario Götze und Toni Kroos inzwischen ein Prunkstück. Bei der Torwartposition hat man die Baustelle nach dem Abgang von Oliver Kahn mit dem besten Mann geschlossen, den es derzeit nicht nur in Deutschland, sondern wohl weltweit gibt.

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Saison-Einzelkritik: Ein Charmeur, ein Verwandlungskünstler und die Schafkopf-Clique
Mittlerweile ist diese Mannschaft ein homogenes Gebilde aus 17, 18 überragend guten Fußballern, ein Star-Ensemble, das diesen Namen auch wirklich verdient. Eine Ansammlung von Stars, die sich - und das ist wohl das Erfolgsgeheimnis - einfügen, die sich als Team begreifen, die ihre Egoismen so weit zurückfahren, dass man sie manchmal gar nicht mehr bemerkt. Schwierige, eigenwillige bis eigensinnige Akteure wie Franck Ribéry und Arjen Robben in dieses Muster einzupassen, das war das ganz große Verdienst von Ex-Trainer Jupp Heynckes. Es ist kaum noch vorstellbar, dass Robben vor zwei Jahren schon kurz vor dem Abgang war, weil der Fußball-Egoist sein Ansehen bei Publikum und Mannschaft verspielt zu haben schien.

Kein Nachlassen, kein Schlendrian

Heynckes' Nachfolger Josep Guardiola konnte auf dieser Integrationsleistung seines Vorgängers aufbauen, dazu seine natürliche Autorität, die er als erfolgreicher Barcelona-Coach einbringt, nutzen, um diese im Vorjahr beste Mannschaft Europas noch besser zu machen. Veredelt durch die feinen Techniker Mario Götze und Thiago Alcántara wirkt das Team noch unangreifbarer als im Vorjahr, noch einschüchternder auf die Konkurrenz, sich der eigenen Stärke noch gewisser.

Und sie scheinen niemals satt zu sein. Kein Nachlassen, kein Schlendrian, selbst bei 20 Punkten Vorsprung in der Tabelle. Und all das vor dem Hintergrund der enormen Finanzkraft des Vereins. Der FC Bayern hat Mittel, die nicht nur in Deutschland einzigartig sind.

In der Bundesliga kann man sich derzeit keine Mannschaft vorstellen, die diesen Bayern ernsthaft und auf Sicht Konkurrenz machen sollte. Selbst wenn Borussia Dortmund in einer kommenden Saison mal vom Verletzungspech verschont werden sollte, dürfte es dem Team von Jürgen Klopp schwerfallen, diesen Aufwand dauerhaft zu betreiben, mit den Bayern mitzuhalten - zumal der beste Angreifer des BVB, Robert Lewandowski, im Sommer die Seiten wechselt.

Bliebe also die Champions League als Herausforderung für das deutsche Überteam. Real Madrid oder der FC Barcelona, die sich am Wochenende noch ein rauschhaftes Duell lieferten, müssten es schon sein, die den FC Bayern in seiner gegenwärtigen Form zumindest gefährden könnten. Dass ein Viertelfinal-Los Manchester United, das vor zwei Jahren noch Angst und Schrecken verbreitet hätte, von der Öffentlichkeit mittlerweile als Wunschgegner angesehen wird, sagt einiges aus über die derzeitige Situation von United, aber noch mehr über den Status des FC Bayern.

Die Mannschaft ist unter Guardiola auf dem Weg, der deutsche FC Barcelona zu werden, nur noch dominanter als das Original, da es in Deutschland im Moment kein Korrektiv à la Real Madrid gibt. Man kann das langweilig finden. Aber es ist leider brillant.

Hertha BSC - FC Bayern 1:3 (0:2)
0:1 Kroos (6.)
0:2 Götze (14.)
1:2 Ramos (66.)
1:3 Ribéry (79.)
Berlin: Kraft - Pekarik, Brooks, Janker, van den Bergh - Kobiaschwilli (64. Niemeyer), Hosogai - Mukhtar (71. Ronny), Skjelbred, Schulz - Ramos (87. Wagner)
Bayern: Neuer - Rafinha, Boateng, Dante, Alaba - Lahm, Schweinsteiger (64. Thiago) - Götze, Kroos, Robben (54. Ribéry) - Müller (54. Mandzukic)
Schiedsrichter: Fritz
Zuschauer: 76.197 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Skjelbred (4) / -
Schüsse: 4 / 13
Zweikämpfe in Prozent: 42 / 58
Ballbesitz in Prozent: 18 / 82

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insgesamt 266 Beiträge
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Seite 1
epic_fail 26.03.2014
1.
Zitat von sysopAFPDer FC Bayern ist das Überteam der Bundesliga. Unter Josep Guardiola spielt die Mannschaft noch souveräner, in Deutschland ist sie ohne Konkurrenz. Nur in der Champions League droht noch Gefahr. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fc-bayern-die-bilanz-einer-rekordsaison-in-der-fussball-bundesliga-a-960775.html
Danke für dieses geile Jahr!
hubie 26.03.2014
2. Übermut?
"Real Madrid oder der FC Barcelona, die sich am Wochenende noch ein rauschhaftes Duell lieferten, müssten es schon sein, die den FC Bayern in seiner gegenwärtigen Form zumindest gefährden könnten." Hallo? Gefährlich wird es bei jeder Mannschaft im Viertelfinale der Championsleague...
linuxx 26.03.2014
3. Gääääähn
Gääääääähn. Diese Saison war genauso spannend wie die letzte der Formel 1. Und im kommenden Jahr wird sich das auch nicht ändern. Sollte wider Erwarten die Konkurrenz in der Bundesliga ein Talent zu Tage fördern, wird es halt wieder weggekauft und die Bayern drehen weiter ihre einsamen Runden. Manchmal frage ich mich, wie man Bayernfan sein kann. Wo ist das Mitfiebern, das Zittern um seine Mannschaft am Wochenende? Immer alles dasselbe. Sorry, aber das ist so, als wäre man Fan des Mannes mit der Maschinenpistole, der jeden Samstag gegen einen Messermann antritt.
liu1600 26.03.2014
4. typisch Deutsch: selbst wenn etwas gut oder
kann man es einfach nicht mal so sagen und sich freuen.Nein,es muss "Leider brilliant " !Es ist doch eine riesige Leistung,eine Weltmannschaft aufgebaut zu haben OHNE die Reisensummen von Oelgeldern wie bei anderen clubs.
tigerloods 26.03.2014
5. Logisch
Noch steigen die Medien groß auf diesen sogenannten "Rekord" ein, aber in ein paar Jahren wird dieser frühzeitige Titelgewinn zur Regel werden. Nächstes Ziel: 102 Punkte. Wozu überhaupt noch die Trainer vor der Saison fragen, wer Deutscher Meister wird? Kann man sich sparen. Hier fährt ein Porsche 911 Turbo ein Rennen gegen einen gelb-schwarzen BMW M3, zwei, drei Golf GTI Performance und vielen 125-PS-Ford-Focus. Und die schlechte Nachricht für die Konkurrenz: Der bayerische Porschebesitzer hat nahezu unbegrenzt Geld, um den Meister-Wagen weiter zu tunen. Und er wird es tun.
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