Bayern-Präsident Hoeneß Der Steuermann

Spieler, Manager, Präsident, Wortführer: Uli Hoeneß ist seit mehr als 40 Jahren untrennbar mit dem FC Bayern München verknüpft. Er ist der FC Bayern, auch wenn er polarisiert wie kaum ein anderer. Und nun der Verdacht der Steuerhinterziehung - wie passt das zusammen?

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Am Abend des 17. Mai 1974 startete Uli Hoeneß durch. Er nahm sich den Ball im Mittelfeld und rannte los. Die Verteidiger von Atlético Madrid ließ er stehen, als ob sie gar nicht vorhanden wären. Er lief einfach immer weiter, bis er irgendwann vor dem Madrider Tor stand und das Leder unwiderstehlich ins Netz drosch. Wer diesen Wildfang, den damals 22-jährigen Hoeneß, an jenem Abend im Brüsseler Heysel-Stadion beim Endspieltriumph des FC Bayern München im Europacup der Landesmeister gegen Atlético gesehen hatte, der wusste: Da ist einer, der sich von nichts aufhalten lässt.

Am Dienstag spielt der FC Bayern wieder gegen ein spanisches Team, gegen den FC Barcelona, eine der besten Mannschaften der Welt. Es ist mindestens das Spiel des Jahres für den Münchner Verein, möglicherweise ist es noch größer. Mehr geht derzeit in Europa kaum, Bayern ist so stark wie zuletzt vielleicht 1974. Man stelle sich vor, Hoeneß wäre an diesem Abend nicht dabei, nicht bei seinem Club, nicht in seinem Stadion.

Nach den am Samstag bekanntgewordenen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Steuerhinterziehung ist noch völlig unklar, wann und wie Hoeneß sich wieder in der Öffentlichkeit zeigt. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte er am Sonntag lediglich: "Ich darf im Moment nichts sagen, ich befinde mich in einem schwebenden Verfahren." Er fügte an: "Sie können sich vorstellen, dass mir vieles auf der Zunge liegt, aber ich muss erst mit den Behörden meine Hausaufgaben machen."

Hoeneß hat die Öffentlichkeit immer gesucht

Die Öffentlichkeit und Hoeneß - das waren seit jeher zwei, die zusammengehört haben. Hoeneß hat selten der Versuchung widerstanden, vor die Mikrofone und Kameras zu treten, er hat zu vielem vieles gesagt. Hoeneß war und ist immer für einen markigen Spruch gut. Die Menschen haben ihn dafür geliebt und gehasst gleichermaßen. Wenn Hoeneß einmal geschwiegen hat, dann war allen klar: Jetzt ist es wirklich ernst. So wie im Moment.

1970, mit damals 18 Jahren, kam Hoeneß zum FC Bayern. Und seitdem, nimmt man ein zu vernachlässigendes Dreivierteljahr beim 1. FC Nürnberg am Ende seiner aktiven Karriere aus, ist sein Name untrennbar mit dem Münchner Premium-Club verbunden. Er war als Spieler erfolgreich, er war als Manager erfolgreich, er war als Präsident erfolgreich, als PR-Stratege, als Wortführer. Er wäre wohl auch als Busfahrer des Vereins erfolgreich gewesen. Er war und ist der FC Bayern, so wie der Verein heute dasteht. Bayern München ohne Uli Hoeneß - das ist so vorstellbar wie der Freistaat ohne die CSU.

"Ich muss nicht auf die Malediven"

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Von 1979 bis 2009 steuerte er als Manager die Geschicke des Vereins, er hat den Beruf des Bundesliga-Managers durch seine Art quasi neu erfunden. Es gibt so ungemein viele Geschichten, die der heute 61-Jährige seitdem geschrieben hat, weil es keinen in 50 Jahren Bundesliga gegeben hat, der so zu polarisieren versteht. Hoeneß hat immer zwei Gesichter gehabt. Mindestens zwei.

Die zwei Seiten des Uli Hoeneß

Da war der Polemiker, der aus Erregung oder aus Kalkül, das war zuweilen schwer festzustellen, die Grenzen zur Beleidigung überschritt. Er hat sich so unversöhnliche Feinde geschaffen: den früheren Werder-Manager Willi Lemke, den ehemaligen Trainerstar Christoph Daum, den Holländer Louis van Gaal. Auch Ex-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann gehört mittlerweile dazu.

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Uli Hoeneß: Ein Leben für den FC Bayern

Und da war der Patriarch, der sich um jeden Preis vor seine Spieler stellte, auch wenn sie Probleme hatten wie Sebastian Deisler oder Probleme machten wie der Brasilianer Breno. Er war der generöse Präsident, der Benefizspiele für den FC St. Pauli und Alemannia Aachen in deren Notlagen organisierte, der sich für soziale Projekte stark gemacht hat.

Lange hat es Hoeneß seinen Gegnern leichtgemacht, ihn als Lieblingsfeind auszumachen, als die personifizierte Bayern-Arroganz, als Der-da-oben, der auf alle übrigen mit Geringschätzung herabschaut. Dass er auch immer eine ganz andere, ruhige und geradezu weiche Seite hatte, haben viele erst in den vergangenen Jahren begriffen. Er hat diese Seite allerdings auch erst spät offenbart. Sein soziales Engagement wuchs im vergangenen Jahrzehnt, es sind ausgerechnet jene Jahre, denen jetzt die Finanzbehörden hinterherspüren.

1999 wurde er zum "Manager des Jahres" gekürt

Mittlerweile gilt der 61-Jährige als hoch anerkannt, mit seinen Sprüchen ist er vielen eine Art Kultfigur der Bundesliga geworden. Dass er zudem als gesellschaftlich-moralische Instanz wahrgenommen wurde, hat er mehr als billigend in Kauf genommen. Sein Werk als Baumeister des Weltclubs FC Bayern steht ohnehin jenseits jeder Debatte.

Dass er zusätzlich auf ganz anderem Feld, nämlich als Unternehmer, reüssierte, mehrte seinen Ruf, dass Hoeneß anpacken kann, was er will: Alles wird zu Geld. Der Metzgersohn Hoeneß gründete 1985 die HoWe Wurstfabrik. Damals war das eine kleine Nummer, heute sind unter anderem Aldi, McDonalds und das Münchner Oktoberfest seine Kunden. Die Zeitschrift "Horizont" kürte ihn 1999 gar zum Manager des Jahres.

Als Hoeneß im Vorjahr seinen 60. Geburtstag feierte, war das ein gesellschaftliches Ereignis, weit über den Horizont des Fußballs hinaus. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat damals in seiner Festrede den sprachlich etwas verquasten Satz gesagt: "Uli ist der Vater Teresa vom Tegernsee, der Nelson Mandela von der Säbener Straße und die Mutter aller Manager."

Genau deswegen wäre ein Steuersünder Hoeneß eine so tiefe Enttäuschung.

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insgesamt 381 Beiträge
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ötsch 21.04.2013
1. Och Hoeneß
mein Hoeneß, was machst du nur? Wenn es wirklich diese unglaublichen Beträge sind weiß ich nicht wie es hier weiter geht. Soweit ich weiß verjährt Steuerhinterziehung nach 5 Jahren, zumindest teilweise. Ich hoffe dass die Presse das nur künstlich aufbauscht und es nicht so dramatisch ist. Und vorallem beunruhigt das die Spieler nicht allzusehr vor dem soo wichtigen Halbfinale.
bergrecht 21.04.2013
2. optional
uli dat machste juet! keine sau redet mehr über das anstehende spiel gegen barcelona, so wie er sich immer vorstellt. vor wichtigen dingen springt er immer vor die mannschaft und mit diesen halben aussagen würde es mich nicht wundern wenn er es am dienstag oder mittwoch wieder relativieren würde. steuerhinterziehung im großen ausmaß? ich denke nicht :-)
zehwa 21.04.2013
3. :)
Jeden anderen hætten die hiesigen Sittenwæchter schon vorverurteilt und gevierteilt... Wie gut, wenn man Volkstribun ist;) Das mit den Steuern wird sich schon irgendwie regeln nach der Selbstanzeige. Aber ueber den verschossenen Elfer von 76 muessen wir nochmal reden.
zynik 21.04.2013
4.
Dann soll der Hinterzieher bitte so nett sein und seinerseiits auf Partizipation an dieser Gesellschaft verzichten. Es soll ja schöne Inseln im Nirgendwo geben. Da können die Steuerkriminellen es sich dann auf ihren Geldscheinchen gemütlich machen. Sofern sie die Infrastruktur dieses Landes in Anspruch nehmen, macht sie das jedoch zu einem bigotten Haufen von Schmarotzern.
stevowitsch 21.04.2013
5. Traurig
Zitat von sysopGetty ImagesSpieler, Manager, Präsident, Wortführer: Uli Hoeneß ist seit mehr als 40 Jahren untrennbar mit dem FC Bayern München verknüpft. Er ist der FC Bayern, auch wenn er polarisiert wie kaum ein anderer. Und nun der Verdacht der Steuerhinterziehung - wie passt das zusammen? http://www.spiegel.de/sport/fussball/fc-bayern-ermittlungen-gegen-hoeness-wegen-steuerhinterziehung-a-895618.html
Wie nicht wenige bin ich kein Bayernfan, habe aber immer Achtung vor Ulli Hoeneß und seiner Leistung gehabt. Und jetzt sowas. Schade, daß sich die Gier - nichts anderes ist es doch wohl - auch bei Menschen findet die es a.) nicht nötig hätten und b.) oft dann doch sympatisch daherkamen. Zu a.) : Wahrscheinlich ist das normal. Zu b.) : Schade Ulli. Jetzt gewinnt die CL und dann zieh dich zurück.
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