Verletzungen beim FC Bayern Muskelspiele

Der Ausfall von Jérôme Boateng führt in München wieder zu der Frage: Schont der scheidende Trainer Guardiola verletzte Spieler nicht genug? Jetzt verdichten sich die Zeichen, dass die Bayern ihren Ex-Doktor Müller-Wohlfahrt zurückholen.

Bayern-Arzt Müller-Wohlfahrt (r.): Rückkehr im Sommer?
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Bayern-Arzt Müller-Wohlfahrt (r.): Rückkehr im Sommer?

Von Sebastian Winter, München


Nun also auch noch Jérôme Boateng, ausgerechnet. Bayern Münchens zuverlässigster Innenverteidiger - und derjenige mit dem robustesten Körper - fällt nach seinem beim Rückrunden-Auftakt in Hamburg erlittenen Muskelbündelriss im Adduktorenbereich für mehrere Monate aus, vor April dürfte er nicht mehr spielen. Boateng füllt eine Schlüsselposition beim deutschen Meister aus, die in den kommenden Monaten zu Bayerns Schwachstelle werden könnte.

Denn der ohnehin sehr verletzungsanfällige Medhi Benatia kehrt nach seinem Bündelriss nur langsam ins Team zurück. Ob Holger Badstubers und Javier Martinez' Physis nach Kreuzbandrissen und anderen Verletzungen für die monatelange Vollbelastung schon ausreicht, ist äußerst fraglich. Nicht ohne Hintergedanken warnte Bayern-Kapitän Philipp Lahm nun: "Man muss bedenken, dass unsere anderen Innenverteidiger in der Vergangenheit Rückschläge erlitten haben."

Schnelle Neuverpflichtungen noch in der Winterpause schloss Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge nun trotz der öffentlichen Einlassungen Lahms aus, weil es momentan schlichtweg keinen adäquaten Ersatz für diese Position gebe.

Die Diskussion um Boatengs schwerer Verletzung verrät auch viel über den nach der Saison scheidenden Cheftrainer Josep Guardiola. Denn Boatengs Bündelriss ist die 14. Muskelverletzung eines Bayern-Spielers in dieser Saison. Bei dieser Zahl kommt einem unweigerlich ein Satz in den Sinn, den Guardiola im April 2015 gesagt hat, in der wichtigsten Phase einer Spielzeit, die kaum ein Bayern-Spieler verletzungsfrei überstanden hatte.

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Verletzter Bayern-Star Boateng: Der spielmachende Abwehrboss
Zuvor hatte er Arjen Robben im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Dortmund nach wochenlanger Pause (Bauchmuskelriss) eingewechselt, doch Robben musste nach wenigen Minuten mit einer Wadenverletzung vom Feld, es bedeutete sein Saisonaus. Nach der verlorenen Partie sagte Guardiola: "Ich möchte nur, dass meine Spieler möglichst schnell wieder zurückkehren, wenn sie acht Wochen verletzt sind, am liebsten schon nach sieben Wochen. Bei vier Wochen Pause vielleicht nach drei. Das ist alles, was ich will."

In Guardiolas Äußerung schwang mit: Dass die vollständige Genesung eines Spielers nicht unbedingt oberste Priorität hat, sollte der Trainer ihn dringend gebrauchen. Auch am merkwürdigen Fall des so lange von einer zunächst harmlosen Sprunggelenks-Verletzung geplagten Franck Ribéry lässt sich dies ablesen. Im Dezember durfte der Franzose im bedeutungslosen Champions-League-Gruppenspiel gegen Dinamo Zagreb spielen, und zog sich schnell einen Muskelbündelriss zu.

Von einem Eklat zwischen Guardiola und dem Bayern-Doktor Volker Braun berichtete danach der "Kicker": Der Cheftrainer soll den Mannschaftsarzt aus seinem Büro geworfen haben, nachdem dieser ihm vorgeworfen hatte, Spieler zu früh wieder einzusetzen. Braun war im April 2015 auf den langjährigen Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt gefolgt, der nach einer monatelangen Auseinandersetzung mit Guardiola entnervt gekündigt hatte.

Der damalige Streit hatte sich an der Behandlung des langzeitverletzten Mittelfeldspielers Thiago entzündet - auch der Spanier hatte sich kurz nach seinem ersten Einsatz erneut schwer verletzt. Wie die "Sport-Bild" berichtet, soll Müller-Wohlfahrt nach dem Abschied Guardiolas als Berater zum FC Bayern zurückkehren - wie schon im Jahr 2009, als er zunächst im Streit mit Trainer Jürgen Klinsmann zurückgetreten war, nach dessen Rauswurf aber wieder zum Klub zurückkehrte. Es würde zu den Bayern passen, dass sie ihre medizinische Ikone wieder zurückholen.

Die Bayern-Verantwortlichen haben mittlerweile eine ganze Armada an Ärzten und Ernährungswissenschaftlern engagiert, 14 an der Zahl, also exakt so viele, wie es in dieser Saison bislang Muskelverletzungen bei den Profis gab.

Dass das alles an Guardiola oder dem Ärzteteam liegt, hält Rummenigge für absurd: "Bei Real Madrid hat es in der Hinrunde 16 Muskelverletzungen gegeben - 16! Die Spieler sind einfach total überfordert", sagte Bayerns Vorstandsboss am Dienstag. "Die Verbände müssen Rücksicht auf die Gesundheit der Spieler nehmen. Ich empfehle dem DFB, sich hier klar zurückzuhalten. Sonst wird es mit dem FC Bayern Stress geben."



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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
h.weidmann 26.01.2016
1.
Die brauchen mehr Spieler wie Thomas Müller. ""Wo keine Muskeln sind, kannst Du Dir auch nicht wehtun! Meine Waden sind so dünn, da kann kein Gegner die Knochen treffen, weil man sie so schlecht sieht." Thomas Müller, Juli 2010
schorri 26.01.2016
2. Pep - der große Irrtum
Pep war ein großer Irrtum. Wie der Massias empfangen - heute wartet man mehr oder weniger deutlich auf das Ende. Er hat den FCB zum FCPep verunstaltet. Den Irrtum haben auch "die Bayern" inzwischen erkannt.
eduard_horwath 26.01.2016
3. ohne vollständige Ruhestellung keine Genesung
Ein ergeiziger Trainer wird das nie verstehen aber ein Arzt braucht nicht verstehen weil er das weiss.
spon_2937981 26.01.2016
4. Boatengs Verletzung passierte beim Sturz wegen 'Foul'
Ok, ich versuche es nochmal... Die aktuelle Verletzung von Boateng ist ziemlich eindeutig auf die unfreiwillige Flugeinlage aufgrund einer Einwirkung durch seinen Gegenspieler zurückzuführen. Trotzdem gibt es natürlich eine ganze Menge weiterer Muskelverletzungen (ohne Gegnerkontakt), die hinterfragt werden sollten. Generell ist der Fußball in den vergangenen Jahren (1,5 Jahrzehnten) sehr viel dynamischer geworden, auf allen Positionen. Da nimmt es nicht Wunder, dass es mehr Muskelverletzungen gibt, als zu früheren Zeiten, in denen man auch als Stehgeiger ganz gut über die Runden kommen konnte. Aber die Häufung der Verletzungen beim einen oder anderen Verein sollte schon ergründet werden. Ich hoffe, die Bayern finden (unter Ancelotti...) den Schlüssel, das wieder abzustellen!
gabbanaflow 26.01.2016
5. Dritter
Ich finde gar nicht, dass das alles vom Trainer abhängt.. Die Spieler sind alt genug und haben genügend Selbstbewusstsein zu sagen "ich bin noch nicht fit"..
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