Von Sebastian Winter, München
Matthias Sammer blickt in weißem Hemd und Anzughose vom ersten Stock des Bayern-Verwaltungstraktes hinab auf den Rasen. Der neue Sportvorstand hat keine freie Sicht, ein Gerüst ist schuld. Dennoch beobachtet Sammer die 17-köpfige, in grell-orange Trikots gehüllte Rumpfmannschaft des FC Bayern München und ihren Trainer Jupp Heynckes bei ihrer ersten Übungseinheit der neuen Saison minutenlang.
"Eine hochinteressante Mannschaft mit einem sehr erfahrenen Trainer, der schon alles erlebt hat und sehr präsent ist auf dem Platz", sagt der 44-Jährige später bei seiner offiziellen Vorstellung. Sammer hatte die Spieler bereits zuvor kennengelernt, als er mit seinen Vorstandskollegen kurz in der Kabine war.
Es ist ein erstes kurzes Hallo, ein vorsichtiges Abtasten, auf und neben dem Platz. Nicht ohne Grund. Denn die Verpflichtung Sammers kommt durchaus überraschend. Für ihn muss Christian Nerlinger, der die längste Zeit seiner Karriere für den deutschen Rekordmeister aktiv war, seinen Posten räumen. Von dem Präsident Uli Hoeneß nun sagt, "dass wir nicht die Zeit haben, nach dem Ende seiner Lehrjahre den nächsten Entwicklungsschritt abzuwarten".
Sammers sechsjährige Erfahrung und seine Erfolge als DFB-Sportdirektor haben den Ausschlag gegeben. Die Bayern wollten mehr Kompetenz an der Schnittstelle zwischen den Profis und dem Trainerteam, dem Scouting und der Nachwuchsförderung haben.
Sammer muss sich als Externer integrieren
Die Personalie verändert das Räderwerk des Clubs:
Idealerweise soll die zunächst auf drei Jahre angelegte Zusammenarbeit die Bayern nach einem Jahr voller zweiter Plätze wieder an die Spitze der Bundesliga (die Pflicht) und Europas (die Kür) zurückführen. Sammer musste irgendwie geahnt haben, dass sich Hoeneß bei ihm melden würde. Jedenfalls hat er sich eine Klausel in seinen DFB-Vertrag setzen lassen, bei einer Anfrage aus München wechseln zu dürfen. "Es ist beeindruckend, wenn der FC Bayern ruft", sagt Sammer. Zugleich spürt er nun die Verantwortung, die dieser Schritt zu den Bayern mit sich bringt: "Ich sollte die neue Aufgabe demütig und mit der nötigen Bescheidenheit angehen."
Demut und Bescheidenheit, das sind Eigenschaften, die dem deutschen Nationalspieler - 51 Mal spielte er für die BRD, dazu 23 Mal im Trikot der DDR - eher nicht zugerechnet werden. Sammer gilt als ein sehr direkter, streitlustiger, mitunter unbequemer und sturköpfiger Mann mit enormem Fachwissen.
Er dozierte bei seiner Vorstellung ab und an, sprach von Leistungsentwicklung, -steuerung und dem Ist-Zustand, den er überprüfen und wissenschaftlich analysieren wolle. Dafür nahm er mit Doktor Karsten Schumann einen langjährigen DFB-Mitarbeiter mit zu den Bayern. Und Sammer stellt schon jetzt Ansprüche an die Profis: "Wir haben kein Zeitfenster mit der ersten Mannschaft und müssen den Mut haben, in aller Deutlichkeit Ziele vorzugeben."
Die Ziele, das machte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge klar, könnten nur Titel sein in der kommenden Saison. Sammer weiß, dass gerade er sich an dieser Vorgabe messen lassen muss.
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