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Bayern München: Alle fanden es toll - außer Guardiola

Von Christoph Leischwitz, München

Getty Images

Rückstand aufholen, kämpfen, siegen: Was für ein Spiel gegen Juventus, selten war die Stimmung im Münchner Stadion so mitreißend. Trainer Josep Guardiola aber ärgerte sich.

Josep Guardiola hörte sich auf dieser Pressekonferenz ganz zufrieden an, doch er sah nicht so aus - eigentlich hätte man denken können, man blickte in das übel gelaunte Gesicht eines Ausgeschiedenen.

Immer wieder legte der Trainer des FC Bayern die Stirn in Falten, senkte den Kopf und starrte das Pult an. Auch als er sagte: "Vier Tore gegen eine italienische Mannschaft - wow."

Dann ordnete er das spektakuläre 4:2 seiner Mannschaft im Achtelfinal-Rückspiel gegen Juventus Turin auch gleich noch in einen fußballhistorischen Kontext ein: "Ich kenne die Geschichte, deutsche gegen italienische Mannschaften." Meistens beißen sich deutsche Teams an defensiven italienischen Teams die Zähne aus, meinte er wohl damit. Doch sein Ausdruck, noch düsterer als sonst, wollte nicht so recht zum Gesagten passen.

Es gab einiges, worauf Guardiola hätte stolz sein können. Zum Beispiel auf seine Entscheidung, den 34-jährigen Weltmeister Xabi Alonso nach einer Stunde durch einen 19-jährigen jungen Wilden zu ersetzen. Kingsley Coman war an beiden Aufhol-Toren in der regulären Spielzeit beteiligt, in der Verlängerung erzielte der Ex-Juve-Spieler auch noch das 4:2.

Guardiola hatte mit Comans Einwechslung endlich ein erdrückendes Übergewicht am gegnerischen Strafraum erzwungen, mit dem sich die Mannschaft den Sieg gleichermaßen erspielte wie erkämpfte.

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Bayern in der Einzelkritik: Helden von der Bank
Doch das war es auch, was Guardiola so wurmte, und was er zugleich nicht ansprechen wollte: Seine Mannschaft hatte nicht mit den für ihn typischen Tugenden gewonnen, also nicht mit Überlegenheitsfußball und dem Verhindern von Kontern. Sondern dank Kampfgeist und - noch schlimmer - mit ein bisschen Glück.

Das sah auch Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der zudem anmerkte: "Juve hat auch taktisch gut gespielt, mit Pressing, sie sind sehr hoch gestanden - das hat uns überrascht." Überraschungen mag Guardiola überhaupt nicht. Seine Mannschaft war in der ersten Halbzeit überrumpelt worden.

Doch genau das hatte letztlich zu einem rauschenden Fußballabend geführt, dessen Nachricht lautete: Der FC Bayern kann auch spannend. Und das nicht erst in einem Halbfinale oder Finale, sondern schon deutlich früher. "Es war eine unglaubliche Stimmung. Die Fans haben uns nach vorne gepusht", sagte Kapitän Philipp Lahm. Selbst auf der sonst oft geruhsamen Gegengerade hüpften gegen Ende die Menschen und schrien mit, schon lange hatte es kein Bayern-Heimspiel mehr mit solch einer Atmosphäre gegeben.

Im Video: Die Stimmen zum Spiel

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Das Spiel hatte so einen viel originelleren Spannungsbogen als sonst, wenn die Bayern nach Belieben dominieren: Der Favorit stand nach zwei Gegentoren in der 28. Minute vor dem Aus und musste sich zurückkämpfen. Phasenweise wirkte die Mannschaft dabei ratlos, somit aber auch verletzlich und menschlich. Plötzlich war der Ausgang des Spiels nicht mehr vorhersehbar. Deshalb waren die Zuschauer nach dem Sieg zufriedener als sonst - und Guardiola nicht.

Womöglich hat die Entwicklung hin zum Dominanzfußball in München ein wenig vergessen gemacht, wie gemein das sein kann, mitfiebern zu müssen, gegen einen frechen Gegner zu spielen. Mit Spielern wie Sami Khedira, der schon in der ersten Halbzeit Zeit schindet. Oder wie Paul Pogba, der mit seiner Lässigkeit und seinem Tor ein wenig an den demütigenden Italiener Mario Balotelli im EM-Halbfinale 2012 gegen Deutschland erinnerte.

Was die Verantwortlichen des Klubs nach dem Spiel zu sagen hatten, stand dann aber doch im krassen Gegensatz zum Fan-Jubel. Matthias Sammer etwa sah nicht zufrieden aus, er sorgte sich sogleich über die hohen Erwartungen, die das Weiterkommen mit sich bringen werden.

Der Sportchef hatte schon vor dem Spiel einen der bekanntesten Fans des Vereins in die Schranken gewiesen. Dieser hatte es gewagt, das Wort "Triple" in den Mund zu nehmen, das der Trainer doch so gerne gewinnen wolle. Gesagt hatte das: Uli Hoeneß. "Uli ist super, Uli ist FC Bayern, aber wenn die Dinge korrigiert werden müssen, dann müssen sie korrigiert werden. Dass wir das Triple gewinnen müssen, ist dummes Zeug, nicht mehr und nicht weniger." Spannung ist jetzt wieder erlaubt beim FC Bayern, Träumen noch nicht.

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insgesamt 71 Beiträge
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1. Armutszeugnis
genaumeinding 17.03.2016
Im Jahre drei des Trainers Guardiola zwei solche Spiele sehen zu muessen ist ein Armutszeugnis. Der Anspruch die CL gewinnen zu wollen kann in Anbetracht der Leistungen bestenfalls als frommer Wunsch bezeichnet werden. So wird das nix. Guardiola hat einmal mehr gezeigt, dass er der falsche ist. Drei Jahre hintereinander das gleiche Muster. Kommen Gegner die ernst oder jetzt halbwegs ernst zu nehmen sind, werden Grenzen aufgezeigt. Auch dass staendig in der Rueckrunde Schluesselspieler verletzungsbedingt fehlen ist ein Muster, dass unter Guardiola auftritt. Bin ich fro wenn er abtritt.
2. Was war daran toll?
EricCartman 17.03.2016
Ohne die zwei Einzelleistungen in der regulären Spielzeit wäre Supapeppi aber mal grandios gescheitert. Bayern war bis zur 60. Minute absolut hilflos. Wenn das falsche Abseits nicht gegeben wird und/oder Neuer bei dem einen Ding so klasse hält, wäre es ein Debakel geworden. Wie man alleine einen Coman oder Thiago draußen lassen kann...ohne Worte. Mit der teuersten Truppe aller Zeiten holt Supapeppi maximal das Double.
3. FCB kann auch spannend?
ge1234 17.03.2016
Vielleicht liegt's daran, dass er endlich mal einen Gegner auf Augenhöhe hatte! Ansonsten ist es wieder mal bezeichnend, wie hier krampfhaft versucht wird, Stimmung gegen Guardiola zu machen.
4. Präzision und Physis
briancornway 17.03.2016
Kein Wunder, dass es dem Trainer nicht gefällt, wenn sein Team über lange Zeit nicht die totale Kontrolle über das Spiel hat und sogar noch seltene Fehler einstreut. Aber hätte irgendein Zuschauer es besser gefunden, wenn die Bayern zur Pause 2:0 geführt hätten und kurz danach 3:0 ? Die Trainer sollten nicht vergessen, dass es noch etwas Wichtigeres gibt, als durch Perfektion zum Erfolg zu kommen: Es muss auch Spaß machen, zuzuschauen, mitzufiebern, zu bangen und zu jubeln.
5. Ja...
ge1234 17.03.2016
Zitat von briancornwayKein Wunder, dass es dem Trainer nicht gefällt, wenn sein Team über lange Zeit nicht die totale Kontrolle über das Spiel hat und sogar noch seltene Fehler einstreut. Aber hätte irgendein Zuschauer es besser gefunden, wenn die Bayern zur Pause 2:0 geführt hätten und kurz danach 3:0 ? Die Trainer sollten nicht vergessen, dass es noch etwas Wichtigeres gibt, als durch Perfektion zum Erfolg zu kommen: Es muss auch Spaß machen, zuzuschauen, mitzufiebern, zu bangen und zu jubeln.
... ich tippe mal allein im Stadion ca. 65.000 (bei geschätzten 5.000 Juvefans)!
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