Bayern-Profi Vidal Krieger auf Schleichfahrt

Arturo Vidal sucht seinen Platz beim FC Bayern: Der Chilene will eine Führungsrolle, liefert aber bislang kaum Argumente dafür. Seine Stärken kommen im System von Trainer Josep Guardiola kaum zum Tragen.

Vidal (l.): Seine Stärken sind bislang kaum gefragt
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Vidal (l.): Seine Stärken sind bislang kaum gefragt

Von Christoph Leischwitz, München


Er schieße häufig das wichtige 1:0 - dieses Lob für Arturo Vidal stammt von Matthias Sammer. Ende Juli stellte der Sportchef den Chilenen beim FC Bayern München vor, Vidals Treffsicherheit brachte Sammer als ein Argument vor, um die 37-Millionen-Euro-Ablöse zu rechtfertigen.

Doch das erste 1:0 ließ auf sich warten. Erst am vergangenen Samstag erzielte Vidal, der häufig als "Krieger" bezeichnet wird, bei Darmstadt 98 zum ersten Mal den wichtigen Führungstreffer. Er hatte aus 25 Metern abgezogen, vom Innenpfosten flog der Ball ins Netz - es war Vidals erstes Tor überhaupt für die Bayern. Sein Jubel fiel deshalb enthusiastischer aus, als man es bei einem Tor der Bayern gegen einen krassen Außenseiter erwarten durfte. Vidal wirkte erleichtert.

Dabei war sein Einstand im Sommer noch so positiv verlaufen, wie die Münchner es erhofft hatten: Gegen den VfL Wolfsburg, den Gegner im Bundesliga-Spitzenspiel am Dienstagabend (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Vier Tage nach seinem Wechsel von Juventus Turin zu den Bayern wurde Vidal im Supercup eingewechselt. Er war sofort präsent und stürzte sich in Zweikämpfe, als sei es das Schönste am Fußball, sich und anderen wehzutun.

Nach acht Minuten auf dem Platz sah er bereits seine erste Gelbe Karte. Und im Elfmeterschießen übernahm Vidal Verantwortung, trat als Erster an und verwandelte. Alles wirkte so, als bräuchte der ehemalige Leverkusener wenig Zeit, um sich in Deutschland wieder zurechtzufinden.

Der Eindruck bestätigte sich im ersten Saisonspiel gegen den Hamburger SV. Beim 5:0-Erfolg hatte Vidal 138 Ballkontakte und spielte über 90 Minuten gerade einmal sechs Fehlpässe. Doch seitdem war das Auffälligste an dem 28-Jährigen mit der Irokesen-Frisur seine Unauffälligkeit. Vor allem in seinem Kerngeschäft, der Zweikampfstärke, hat er spürbar nachgelassen. Und bislang auch noch keine weitere Gelbe Karte gesehen.

Kaum Szenen, die haften bleiben

Nach vorne zusätzliche Kreativität, nach hinten zusätzliche Härte - dafür hatte der FC Bayern Vidal geholt. Er war ein Wunschspieler von Michael Reschke, dem Kader-Mastermind des Klubs. Reschke hatte bis 2014 als Manager für Bayer Leverkusen gearbeitet und das damals 20-jährige Talent 2007 ins Rheinland geholt. Im vergangenen Sommer reiste Reschke zur Copa América und konnte Vidal erneut überzeugen.

Zwar hat Vidal noch kein einziges Mal schlecht gespielt. Abgesehen von seinem Tor in Darmstadt hat er aber bislang auch kaum Szenen gehabt, die haften bleiben oder spielentscheidend waren. Auf der Suche nach diesen Momenten begibt er sich bisweilen von der Rolle des Chefs in die Rolle eines Zuarbeiters. Beim 3:0-Sieg gegen Leverkusen vor dreieinhalb Wochen wollte er unbedingt die beiden Elfmeter schießen, die Bayern zugesprochen bekam. Und wurde von Thomas Müller und Arjen Robben abgekanzelt.

Die Zahl seiner Ballkontakte hat sich stark verringert, Vidal fehlen im Spiel nach vorne außerdem oft die Lösungen. Zudem kommen im System von Trainer Josep Guardiola einige seiner Stärken bislang nur selten zum Tragen: Wer oft bis zu 70 Prozent Ballbesitz hat, ist nicht auf Spieler angewiesen, die auf Drecksarbeit spezialisiert sind.

Kritisiert wird Vidal natürlich trotzdem, allerdings oft aus den falschen Gründen. Nach dem Champions-League-Auftakt bei Olympiakos Piräus (3:0 für Bayern) war er von Franz Beckenbauer für seinen "Standfußball" gerügt worden. Dabei war Vidal in dieser Partie in 79 Minuten 9,5 Kilometer gelaufen. Bedenklich war vielmehr seine Zweikampfquote von 36 Prozent - im ersten Spiel der Saison, in dem es wirklich auf seine eigentliche Stärke ankam.

In den kommenden Wochen, gegen Borussia Dortmund und Arsenal London etwa, werden die Anforderungen an die Bayern steigen. Es könnte dann etwas öfter darum gehen, auch einmal in der eigenen Hälfte den Ball zu erobern und schnell umzuschalten, anstatt den gegnerischen Sechzehner zu belagern und eine Lücke zu suchen. Speziell gegen Wolfsburg geht es auch darum, Julian Draxler im offensiven Mittelfeld auszuschalten. Für Vidal bedeutet das eine deutlich größere Chance auf die spielentscheidenden Momente.



insgesamt 43 Beiträge
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gandhiforever 22.09.2015
1. Keine Ueberraschung
Im Sommer (noch vor der Verpflichtung) konnte man ja Laenderspiele sehen, in denen dieser Vidal sein Koennen zeigte. Er ist ein Heisssporn, der ohne Ruecksicht auf Verluste den Gegner attackiert. Gepflegtes Fussballspiel ist ihm fremd. Deshalb bleibt er ein Fremdkoerper in Muenchen.
nummer50 22.09.2015
2. Platzhirsche
Bei einer der weltbesten Mannschaften wird sich auch ein Vidal erst seine Lorbeeren verdienen müssen, freiwillig gibt ihm da niemand etwas ab. Entweder durchsetzen oder durchgefallen.
Attila2009 22.09.2015
3.
Huch, doch nicht etwa schon die Entzauberung des Genies ? Die Vorschußlorbeeren sind jetzt schon verwelkt ?
butch82 22.09.2015
4. Was erwartet ihr denn?
Die 6er Position oder die 6er Positionen sind wahrscheinlich die am meist unterschätzten weit und breit. Fragt mal aktuell in Gladbach nach. Als der Abgang von Kramer feststand, hörte man von vielen Gladbach Anhängern: halb so wild. In der Triple Saison der Bayern war das Duo Schweinsteiger/Martinez mit einer der Gründe für diese erfolgreiche Saison. Vidal soll nicht unbedingt Tore schießen oder Aktionen haben die im Gedächtnis bleiben. Er soll abräumen und im Umschaltspiel der Erste sein der den Ball bekommt und am besten den mal schnell wieder weiterspielen und fertig.
jujo 22.09.2015
5. ...
Zuviele Häuptlinge beim FCB und zu wenig Indianer. Der FCB hat den Luxus das Personal für zwei(!) Spitzenmannschaften zu haben, der Trainer und auch einige Spieler müssen den Frust aushalten, das nur elf Leute spielen können.
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