Niederlage gegen Gladbach Bayerisches Kollektivversagen

Der bedenkliche Auftritt bei der 0:3-Pleite gegen Gladbach stürzt die Bayern in eine große Krise. Innerhalb von zwei Wochen geriet die Welt in München aus den Fugen. Thomas Müller spricht von einer "brutalen Situation".

Franck Ribery
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Franck Ribery

Von Florian Kinast, München


Am Sonntag steht für den FC Bayern ein alljährlicher Pflichttermin an. Der Besuch auf dem Oktoberfest. Es ist der letzte Tag der Wiesn, normalerweise immer ein fröhliches Beisammensein, es gibt Fotos samt Familie, Tracht und Maßkrug. Im Stadionmagazin am Samstag gab es dazu einen Rückblick auf die vergangenen fünf Jahrzehnte, man sah lustige Bilder aus früheren Zeiten. Gerd Müller, Oliver Kahn, Luca Toni, alle blendend gelaunt.

Dass die Laune nun ähnlich ausgelassen sein würde wie früher, war für Joshua Kimmich schon am Vorabend der Festvisite undenkbar: "Ich kann mir nicht vorstellen", sagte der Rechtsverteidiger, "dass wir da viele lachende Gesichter sehen werden". Seit Samstagabend, nach dem blamablen 0:3 gegen Borussia Mönchengladbach, lacht beim FC Bayern jedenfalls keiner mehr.

Eine Situation, wie sie undenkbar schien, als das Oktoberfest am Samstag vor zwei Wochen begann. Die Bayern schenkten ihren Gegnern nach Belieben kräftig ein und gewannen am ersten Wiesn-Tag auf Schalke 2:0. Es war der siebte Sieg im siebten Pflichtspiel. Doch danach geriet die Welt aus den Fugen, niemand konnte erahnen, was in den vier Partien danach passierte. So blass und so gezeichnet, wie die Spieler nun durch die Stadiongänge schlichen, wirkten sie, als durchlebten sie auf der Wiesn gerade eine gruselige und - noch viel schlimmer - nicht enden wollende Fahrt mit der Geisterbahn.

Spätestens nach dem glücklichen 1:1 gegen Ajax Amsterdam in der Champions League hätte man gegen Gladbach eine Trotzreaktion erwarten können. Doch stattdessen gerieten die Bayern frühzeitig erneut völlig aus dem Konzept. Zwei individuelle Fehler durch Niklas Süle und Thiago führten zu den zwei Gegentoren durch Alassane Pléa (10.) und Lars Stindl (16.). Doch selbst da wäre noch genug Zeit gewesen, das Spiel zu drehen. Eine ähnliche Situation gab es im Heimspiel Ende Januar, als es gegen Hoffenheim schon nach zwölf Minuten 0:2 stand. Die Bayern schüttelten sich kurz und spielten den Gegner wütend an die Wand, am Ende stand es 5:2 für den Meister, Hoffenheim war damit gut bedient.

"Wir haben nicht reihenweise Chancen versemmelt. Wir haben ja keine"

Gegen Gladbach nun sah das ganz anders aus: hängende Köpfe, Resignation, kein Aufbäumen. Wie gelähmt wirkten die Münchner, es gab reihenweise Fehlpässe, keinen druckvollen Spielaufbau, weshalb das Team von Trainer Dieter Hecking die Partie recht entspannt zu Ende spielen konnte.

Ob die Bayern an dem Abend ein dankbarer Gegner gewesen seien, wurde Matthias Ginter später gefragt. Der Gladbacher Nationalspieler lächelte nur, aus Höflichkeit gegenüber dem Gastgeber verweigerte er einen Kommentar. Natürlich waren sie ein dankbarer Gegner. Weil sie einfach nicht mehr gefährlich wurden. Auch wenn die Bayern Chancen hatten, es waren wie schon in den Spielen gegen Berlin und Ajax reine Zufallsprodukte.

"Wir müssen uns schon Gedanken machen, wie wir Chancen kreieren können", sagte Joshua Kimmich und ergänzte trocken: "Es war ja nicht so, dass wir reihenweise Chancen versemmelt haben. Wir hatten ja keine." Der Rechtsverteidiger schob dann noch einen schönen Satz hinterher, als er sagte: "Die Defensive ist gar nicht das Hauptproblem, nur ist gerade jeder Schuss gegen uns ein Treffer."

Zusammengefasst: Vorne gelingt gar nichts, hinten misslingt alles. Ein bayerisches Kollektivversagen.

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Für Thomas Müller ist es gerade "eine Mischung aus Fehlern und Unvermögen. Wir schießen akut zu wenig Tore, da kommt Verunsicherung auf. Wir haben gerade einen Anti-Lauf. Die Situation ist für uns brutal." Weil sie es so nicht kennen, weil sie es nicht gewohnt sind, vorgeführt zu werden von einem Gegner in der heimischen Arena. "Null drei in München", sagte Arjen Robben, "so was passiert nicht oft."

Irgendwie hatten sie es ja immer geschafft, sich nach kleinen Rückschlägen aufzuraffen und das alte Mia-san-mia-Gefühl zu reaktivieren, doch genau dieses Selbstverständnis suchen sie jetzt, als durchlebten sie eine große Identitätskrise. Weniger mia san mia als vielmehr die Frage: Wer san mia?

Es gab kaum griffige Erklärungen für die anhaltende Misere und für den desaströsen Auftritt am Samstag. Immerhin Mats Hummels hielt kurz inne und analysierte: "Wir sind mit zu vielen Spielern in den ungefährlichen Räumen. Das heißt, wir haben zu wenig Leute da, wo es dem Gegner wehtut." Im Strafraum etwa, wo erfahrungsgemäß die größte Torgefahr entsteht. Doch auch am Samstag stand Robert Lewandowski einmal wieder einsam und verloren dort, ohne Bindung zu den Mitspielern kam er gerade auf ganze zwölf Ballkontakte in der gesamten Partie.

Niklas Süle sprach von einer "schwarzen Woche" und von einem "Strudel", in dem man sich gerade befinde. Nach der Wiesn am Sonntag geht es für viele Spieler zur Nationalmannschaft. Früher klagten die Bayern bei Länderspielpausen immer, das würde den Lauf, den sie gerade hätten, nur unterbrechen. Jetzt ist genau das gerade die große Hoffnung. Dass sie nach dem Ausflug zum DFB rauskommen aus dem Strudel. Und die Horrorfahrt in der Geisterbahn doch schnell zu Ende geht.



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tommit 07.10.2018
1. Oh jehmine
Katastrophenalarm auslösen.. aber sofort .. Was mach ich jetzt bloss --.. so ziel und sinnlos ist das Leben geworden...
jujo 07.10.2018
2. ....
In einem anderen thread schrieb ich, das der HSV als Aufbaugegner für den FCB nicht mehr zur Verfügung steht. Obwohl der auch gegen die Altherrentruppe des FCB gegenwärtig nicht chancenlos wäre. Der FCB sollte die Saison abhaken, den Kadern von den "Altlasten" befreien. Geld zur Auffrischnung mit jungen "hungrigen" Spielern dürfte genug dasein.
Bueckstueck 07.10.2018
3. Grosse Krise?
Quatsch, grosse Krise. Es ist eine Krisensituation aber sicher keine grosse Krise - wie sollte man denn das nennen was Schalke hat? Apokalypse?
Turbo 07.10.2018
4.
Kaum läuft es nicht bei den Bayern, schon kann man die SPON Artikel lesen. Schreibt sich einfach authentischer, wenn man nichts negatives hinzu dichten muss. Was dem noch hinzuzufügen ist: vielmehr als die schlechte Leistung gegen Ajax und Gladbach überrascht die plötzliche Unsicherheit innerhalb von 2 Wochen, die sich nach dem 1:1 gegen Augsburg langsam breit gemacht hat. In der Vergangenheit überbrückte man kleinere Durststrecken entweder mit Ergebnis-Fußball oder einer Trotzreaktion. Von beidem scheint die Mannschaft gerade weit entfernt. Der einzige Gewinner ist aktuell für Südkurve. Deren Support nach dem Spiel zeigt, dass nach Jahren des Höhenflugs auch schlechte Zeiten erlaubt sein dürfen. Nur die richtigen Schlüsse muss man nun ziehen.
nonsense_forever 07.10.2018
5. Die dummen Sprüche aus Volkes Mund
wie "Alles hat ein Ende nur die Wurst die hat zwei" oder "Der Fisch stinkt zuerst am Kopf" kommen da in den Sinn. Alles geht mal zu Ende. Na ja in Deutschland ist gerade Pharaonentum, Ägyptisches Reich 2.0 angesagt. Mal schauen wie lange noch. DFB und FCB sind untrennbar verbunden. Beide erstarrt und reformunfähig. Die greise Führungsebene der Bayern das Comeback eines Herrn Höhnes die längst erreichte international Zweitklassigkeit, passt alles zusammen. Zwischen Müllverbrennung und Kläranlage im Autobahnkreuz passend gelegen. Wen interessiert das noch? Für die Liga ist deren Niedergang wohl mehr ein Segen.
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