Bayern-Jahreshauptversammlung Pfeifkonzert im eigenen Wohnzimmer

Die Stimmung beim FC Bayern kippt: Die Jahreshauptversammlung, einst eine Feierveranstaltung für den Präsidenten, endet in Buhrufen und Schmähungen gegen Präsident Uli Hoeneß.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß
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Bayern-Präsident Uli Hoeneß

Von Florian Kinast, München


Es hätte wie jedes Jahr ein gemütlicher Abend werden können für Uli Hoeneß. Auf der Jahreshauptversammlung gab es beeindruckende Umsatzzahlen zu verkünden und neue Rekordfinanzen, und, na gut, der sportliche Durchhänger in der Bundesliga, eine kleine Delle, nicht mehr.

Jahreshauptversammlungen waren in den letzten Jahren meist ein harmonisches Familientreffen, ein Heimspiel für Uli Hoeneß, dem die Basis uneingeschränkt huldigte. Doch an diesem Freitagabend war alles anders. Denn zum Schluss wuchs in Teilen des Publikums der Unmut - bis es laute Pfiffe gab für den Präsidenten. Buhrufe, Attacken, wie man sie an dieser Stelle noch nicht gehört hatte.

Die Stimmung dreht sich allmählich. Ob er sich nun im kommenden Jahr der Wiederwahl stellen wird, ist nach diesem denkwürdigen Abend offener denn je. Vielleicht war es schon der Anfang vom Abschied der Ära Hoeneß.

Eine eigenartige Atmosphäre herrschte schon zu Beginn beim Einmarsch von Hoeneß: reduziert höflicher Beifall, keine Spur von euphorischen Huldigungen wie 2016 bei der Krönungsmesse, bei seiner Wiederwahl zum Präsidenten nach seiner Haftstrafe. Wer damals zu den wenigen gehörte, die es gewagt hatten, gegen Hoeneß zu stimmen, wurde von anderen Mitgliedern bedroht, beschimpft.

Nordkorea-Fahne auf der Tribüne

Diesmal war das anders. Über Block B1 hing eine Nordkorea-Fahne mit der Aufschrift "Not my president". Ein leiser Protest, gegen den Kim Jong Uli von der Säbener Straße? Das Plakat hing dort bis zum Schluss. Vor zwei Jahren unvorstellbar.

Dabei gab sich Hoeneß erst friedlich. In seiner viertelstündigen Rede sprach er nicht wie Uli Hoeneß, sondern sachlich, ruhig, bescheiden. Delegation Demut statt Abteilung Attacke. Friede, Freude, Bayernkuchen.

Uli Hoeneß
Bongarts/Getty Images

Uli Hoeneß

Hoeneß stellte sich demonstrativ hinter Trainer Niko Kovac. Nannte ihn "einen sehr guten jungen Trainer, dem wir all unsere Unterstützung geben sollten". Beschwor die Einheit im Team: "Es kam zum Schulterschluss zwischen Mannschaft und Trainer." Thematisierte die missliche Lage in der Bundesliga mit neun Punkten Rückstand auf Dortmund: "Das wird ein schweres Jahr, obwohl die Messe nicht gesungen ist."

Er kam dann auf die Zukunft in der Führungsebene, erklärte, dass Karl-Heinz Rummenigge noch zwei weitere Jahre als Klubboss verlängern werde. Und konterte damit den Spekulationen über die Installation eines früheren Welttorhüters in den Vorstand. "Ich kann versichern, dass der Name Oliver Kahn in unseren Überlegungen eine Rolle spielt. Das ist aber kein Thema für heute und morgen. Ich denke, es ist besser, wenn wir da im stillen Kämmerlein darüber nachdenken."

Beim TOP Verschiedenes kippte die Stimmung

Reuig gab er sich für sein Verhalten in der Pressebeschimpfungskonferenz, und so verlief die Veranstaltung bei den ersten sieben Tagesordnungspunkten weitgehend unaufgeregt. Bis zum finalen TOP 8: "Verschiedenes." Das sind dann immer die Wortmeldungen der Mitglieder. Und da kippte die Stimmung.

Als ein Fan Hoeneß vehement kritisierte, für sein Gebaren der vergangenen zwei Jahre, für seine Selbstherrlichkeit und die verbalen Fettnäpfchen, seine Pressebeschimpfungskonferenz und zuletzt die Verbannung von Paul Breitner von der Ehrentribüne, bekam der Redner massive Unterstützung aus dem Publikum. Erst aus Block E3, wo sich eine Anti-Hoeneß-Fraktion versammelt hatte. Doch der Unmut wuchs, breitete sich auch auf die anderen Plätze aus.

Die Situation drohte zu eskalieren, als Hoeneß nach Ende der Rede das Mikro vor ihm am Tisch anschaltete und sagte: "Da waren so viele Unwahrheiten drin, dass wir drei Stunden bräuchten, um das zu diskutieren. Ich lehne eine Diskussion auf dem Niveau total ab." Ein gellendes Pfeifkonzert schallte durch die alte Rudi-Sedlmayer-Halle, Schmähungen, Beschimpfungen.

"Wie ich mir den FC Bayern nicht wünsche"

Und dann stimmten die Fans auch noch lautstark höhnend ein: "Wir haben alles im Griff, oh oh, auf dem sinkenden Schiff, oh oh." Das Ende eines Abends, wie ihn sich Uli Hoeneß wohl in seinen schlimmsten Befürchtungen nicht ausgemalt hatte. "Das sind Ansätze, wie ich mir den FC Bayern nicht wünsche", rief Hoeneß ins Publikum, bevor er nach gut vier Stunden die Versammlung beendete. Gezeichnet und mitgenommen wirkte Hoeneß später, als er noch vor die Kameras trat. Ob ihn die Zwischenfälle getroffen hätten, wurde er gefragt. "Sehr, sehr."

Hoeneß sprach noch über den zuletzt wegen seines zaudernden Auftretens seltsam agierenden Sportdirektor Hasan Salihamidzic und nahm ihn hörbar in die Pflicht: "Hasan ist ein junger Mann, der sich hineinarbeiten muss. Da muss er sich daran gewöhnen. Das wird er noch lernen müssen, das ist ein großes Stahlbad, das er durchmacht. Aber wenn er ein Großer werden will, muss er da durch."

Sein eigenes Stahlbad hatte Uli Hoeneß an diesem Abend schon hinter sich. Auf seiner vielleicht letzten Jahreshauptversammlung, die er als Präsident des FC Bayern verließ.



insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
claudio_im_osten 01.12.2018
1. Wer immer wieder maßlos austeilt...
...muss auch mal einstecken können. Dass allerdings sind die Jungs von der Bayern-Führungsriege schon seit Jahren nicht mehr gewohnt - ebenso wie die Fußball-Millionäre, die sich's unter ihrer Führung wohl ergehen lassen. Es tut gut, dass unter dem süddeutschen Himmel der Teppich wieder näher kommt.
jujo 01.12.2018
2. ...
Herr Hoeneß da habenSie recht. Die Jungen müssen (?) durch das Stahlbad. Dazu gehört aber auch, das man sie machen läßt sich zurücknimmt. Hinter den Kulissen kann man sie kritisieren. der öffentliche Umgang mit Ihnen ist aber etwas anderes. Ihr Sportdirektor wurde von Beginn an als Witzfigur vorgeführt. Führung sieht für mich anders aus!
Charlie Whiting 01.12.2018
3. Wenn er sich so sehr
hinter den Trainer stellen muss ist das ein schlechtes Zeichen. Wenn er zum Sportdirektor was von lernen müssen erzählt ist das furchtbar, ist der 18 oder wie? Da passiert bestimmt bald was.
freeforever 01.12.2018
4. Abwahl wäre die richtige Antwort gewesen
Liebe FC Bayern-Mitglieder, warum habt ihr Uli Hoeneß nicht endlich abgewählt ? So werden wir alle noch mindestens ein Jahr lang von arroganten Sprüchen gequält.
tom2strong 01.12.2018
5. Nicht zu beneiden
Welche Freiräume Hasan hat ist fraglich. Er müsste sie sich wohl erkämpfen. Er ist nicht zu beneiden.
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