Bayern-Trainer in der Taktikanalyse Ancelotti verleiht Flügel

Seit Carlo Ancelotti Trainer in München ist, hat er die Taktik des FC Bayern stark verändert. Vor dem Top-Spiel gegen Leipzig wirkt der Rekordmeister schwächer als im Vorjahr. Aber ist er das wirklich?

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Im Internet kursiert ein Video, das Carlo Ancelotti wenig schmeichelt. Darin sieht man einen Zusammenschnitt aus dem jüngsten Duell zwischen Borussia Dortmund und Bayern München. Erst sieht man Thomas Tuchel dabei, wie er Anweisungen gibt; der BVB-Trainer fuchtelt mit den Armen, er korrigiert Positionen, verschiebt ganze Mannschaftsteile. Und dann sieht man im Kontrast dazu Ancelotti, der Bayern-Coach stemmt die Arme in die Hüfte, verzieht das Gesicht.

Die Collage, die Ancelottis Anweisungen ausspart, vermittelt zwei grundverschiedene Images: Tuchel, der Akribische, der permanent an den kleinsten Taktikschrauben dreht. Und Ancelotti, der träge am Feldrand steht, unfähig, ins Spiel einzugreifen wie Tuchel.

Die Partie gegen Dortmund ging 0:1 verloren, und wenn die Bayern auch am Abend im Bundesliga-Top-Spiel gegen RB Leipzig unterliegen (20 Uhr; TV: Sky; High-Liveticker SPIEGEL ONLINE), gingen sie als Tabellenzweiter in die Winterpause.

Was in den vergangenen Jahren undenkbar schien, wäre mittlerweile, nach einigen guten, aber mindestens ebenso vielen mäßigen Auftritten der Münchner, keine Sensation mehr. Was zur Frage führt: Ist der FC Bayern unter Ancelotti schwächer geworden?

Als der Italiener im Sommer die Nachfolge von Josep Guardiola antrat, stand er vor einem Problem. Wie begegnet ein Trainer einer Mannschaft, die eigentlich kaum noch besser spielen kann?

Anders als Guardiola, der als Nachfolger von Jupp Heynckes vor einer vergleichbaren Aufgabe stand und dann einen ganz eigenen Stil etablierte, wählte Ancelotti keinen radikalen Ansatz. Der 57-Jährige versucht vieles von dem zu übernehmen, was den FC Bayern zuletzt so dominant gemacht hat, nur eine Spur schneller sollte es auf dem Platz zugehen.

Bei seinem Bundesliga-Debüt gegen Bremen (6:0) wurde der Coach gefeiert. TV-Experten waren entzückt, es hieß, Ancelotti habe die Mannschaft von den Fesseln Guardiolas befreit, von dessen peniblen Positions- und Passvorgaben. Hat er?

Anteil Ballgewinne
in Gegnerhälfte
(in Relation zur Saison 2015/2016)
27,5%
29,7%
Ballbesitz
(in Relation zur Saison 2015/2016)
68%
71%

68 Prozent Ballbesitz pro Partie, 87 Prozent angekommene Pässe - die Daten der Bayern aus der aktuellen Saison gleichen jenen des Vorjahrs. Und doch unterscheiden sie sich stark von jenen bei Ancelottis Stationen in Mailand oder Madrid. Die Münchner spielen keinen Ancelotti-Fußball. Einerseits.

Andererseits hat Ancelotti Charakterzüge der Bayern verändert. Auf dem Weg in den gegnerischen Strafraum bevorzugt er den Weg über die Flügel, immer. Dabei fand während seiner ersten Monate in München oft dasselbe Muster Anwendung: Die Außenverteidiger in Ancelottis 4-3-3-System rücken im Spielaufbau vor, bis sie irgendwann am Offensivdrittel stehen, wo der Gegner eigentlich Bayerns Flügelstürmer erwartet. Diese rücken dafür einige Meter in Richtung Mitte. Der ballnahe Mittelfeldspieler soll den beiden helfen, auf dem Flügel durchzubrechen.

Anteil Steilpässe
(in Relation zur Saison 2015/2016)
27,4%
25,6%
Flanken pro 90 Min
(in Relation zur Saison 2015/2016)

Die Folge: Die Bayern schlagen mehr Flanken unter Ancelotti als in den vergangenen Jahren, aktuell sind es sogar die meisten in der Bundesliga. Sie sind dadurch berechenbarer geworden für ihre Gegner. Und anfälliger. Denn weil den Münchnern durch den Flügelfokus Spieler im Mittelfeldzentrum fehlen, sind die eigenen Angriffe in dieser Saison etwas weniger gut abgesichert.

Kassierte Schüsse
pro 90 Min
(in Relation zur Saison 2015/2016)
Kassierte Schüsse aufs
Tor pro 90 Min
(in Relation zur Saison 2015/2016)

Die Taktiktafel von SPIEGEL ONLINE zeigt einen typischen Spielzug der Bayern unter Ancelotti - mit all seinen Vor- und Nachteilen.

Und so geht's: Mit einem Klick auf den jeweiligen Pfeil rechts und links des Textes navigieren Sie sich durch die Spielszenen. Per Klick auf die Spielfiguren können Sie sich den Namen des gewünschten Akteurs anzeigen lassen.

Auch die Höhe, ab wann die Bayern den gegnerischen Spielaufbau stören, hat sich verändert. Statt stets so früh wie möglich zu attackieren, um dann sofort den eigenen Angriff vorzubereiten, lässt sich die Mannschaft häufiger zurückfallen. Vollgas gibt es unter Ancelotti nur bei eigenem Ballbesitz. Die Gegner des FC Bayern dürfen wieder mitspielen.

Passquote
(in Relation zur Saison 2015/2016)
87,1%
88,1%
Passquote des Gegners
(in Relation zur Saison 2015/2016)
70,7%
67,7%

Das gelassenere Pressing verändert das eigene Angriffsverhalten. Denn Balleroberungen in der eigenen Hälfte statt in der des Gegners führen zu Spielzügen, die in München lange nur von den Gästeteams gezeigt wurden: Die Bayern haben das Kontern wiederentdeckt.

In seiner Autobiografie werden immer wieder Situationen beschrieben, in denen Ancelotti von Klubpräsidenten und Managern Spieler vorgesetzt wurden, die er doch bitte schön aufstellen solle. Ihm ist das meist sehr gut gelungen. Einen Satz wie "Thiago oder nix" würde man von ihm nie hören. Thiago? Na klar. Jemand anderes? Auch gut. Ancelotti versteht es, für jeden Spielertypen ein funktionierendes System zu finden. Er ist ein Problemlöser erster Güte. Auch deshalb hat er das Image, dass weniger das Spielverständnis, sondern das Spielerverständnis seine große Stärke sei.

Schüsse
pro 90 Min
(in Relation zur Saison 2015/2016)
Schüsse aufs Tor
pro 90 Min
(in Relation zur Saison 2015/2016)

Beispiel Franck Ribéry. Der Franzose soll sich einst gesträubt haben, seine angestammte linke Außenbahn zu verlassen, als Pep Guardiola ihn ins Zentrum beordern wollte. Unter Ancelotti verlässt er die Seite immer wieder, und zwar ohne zu murren.

Oder Thomas Müller. Als dessen Torflaute Anfang Dezember zu einem ernsthaften Problem heranzuwachsen drohte, stellte Ancelotti das System um. Aus dem 4-3-3 wurde ein 4-2-3-1. Der große Unterschied: Die Position hinter dem Sturm wurde nun besetzt, und zwar von Müller. Wenig später gelang Müller die Torpremiere.

Taktikänderungen erfolgen beim FC Bayern nun nicht mehr im 15-Minuten-, sondern im 15-Spiele-Takt. Sie dienen weniger der Anpassung an Stärken und Schwächen des Gegners, sondern sollen die eigenen Profis stärken. Das ist das Ancelotti-Prinzip.

Damit schafft der Trainer einen Rahmen für die Spieler, in dem sie sich auskennen und wohlfühlen. Am Abend, im Top-Spiel gegen Leipzig, weiß er genau, was er von seiner Mannschaft erwarten kann und umgekehrt.

Nur: Der Gegner weiß es ebenfalls.



insgesamt 8 Beiträge
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axelmueller1976 21.12.2016
1. Bayern spielt hinten wie unter Heynkeß
Bayern wird erst in der Rückrunde voll aufspielen und auch das Training so forcieren. Selbst wenn man heute nicht gewinnen sollte ist das kein Beinbruch. Meister wird man so wie so. Bei RB wird man heute evtl . 125 und mehr Km laufen aber diese vielen nicht erklärbaren Lauf-Km wird man nicht bis Saison-Ende durchhalten können. Herr Rangnick hat das schon einmal bei Hoffenheim erleben müssen.
ge1234 21.12.2016
2. Der Schein trügt!
"Im Internet kursiert ein Video, das....der BVB-Trainer fuchtelt mit den Armen ..... der Bayern-Coach stemmt die Arme in die Hüfte" Nun der eine ist angesichts seiner hoffnungslosen Situation mit 10 Punkte Rückstand auf die Tabellenspitze nervös und hysterisch, der andere kann als Tabellenführer relativ ruhig und gelassen sein. Allerdings gebe ich dem Autor Recht, das Problem ist nicht der Angriff, sondern das mitunter große Loch, dass im Mittelfeld zwischen Offensive und Defensive klafft. Gefühlte 90% der Gegentore fielen durch schnelle Konter, ausgehend von der Mitte. Und was den Ballbesitz anbelangt: Ein Gegner, der den Ball nicht hat, kann keine Tore schießen. Klingt einfach, ist es auch!
sonntag500 21.12.2016
3. Tolle Tabellen und Graphiken ...
... der Heiland ist gefunden. Alles besser! Nur Müller scheint weiter zu versagen. Letztlich werden wir heute Abend sehen, wenn es gegen die Brausetruppe geht, was die Graphiken und Tabellen Wert sind/waren.
stoffi 21.12.2016
4.
Die Spieler kommen mit Angelottis System nicht zurecht. Wenn sie nicht auf das bewährte Guadiolasystem umschalten, werden sie heute verlieren. LEIDER
twan 21.12.2016
5.
Na dann mal beiden Teams viel Glück, möge RB gewinnen.
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