Amnesty-International-Expertin "Der FC Bayern sollte unbedingt hinter die Kulissen blicken"

Der FC Bayern bereitet sich auch in diesem Jahr in Katar auf die Rückrunde vor. Das umstrittene Trainingslager treibt Fans auf die Barrikaden. Amnesty-International-Expertin Regina Spöttl sagt, warum die Münchner ruhig nach Doha reisen sollen.

Ein Interview von

Bundesligist Bayern München in Katar (2013): "Sport war immer schon politisch"
DPA

Bundesligist Bayern München in Katar (2013): "Sport war immer schon politisch"


SPIEGEL ONLINE: Der FC Bayern ist erneut ins Trainingslager nach Katar gereist. Bis zum 12. Januar bereitet sich der Klub dort auf die Rückrunde vor. Viele Fans kritisieren den Schritt aufgrund der dort begangenen Menschenrechtsverletzungen. Können Sie die Anhänger verstehen?

Spöttl: Ja, durchaus. Katar hat trotz unserer Berichte und Klagen kaum für Verbesserungen der Lage gesorgt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Menschenrechtsverletzungen werden in Katar konkret begangen?

Spöttl: Es gibt immer noch falsche Versprechungen für Arbeitsmigranten. In deren Heimatländern, wie zum Beispiel Bangladesch, Nepal oder Indien, kassieren Arbeitsagenturen weiterhin Vermittlungsgebühren, für die sich viele Arbeitsmigranten hoch verschulden, noch bevor sie überhaupt angefangen haben zu arbeiten. In Katar sind die Lohnzahlungen immer noch verzögert, Pässe werden nach wie vor einbehalten. Da hat sich herzlich wenig getan. Und Katar wendet weiterhin die Todesstrafe an, was Amnesty International grundsätzlich verurteilt, in jedem Land.

Zur Person
  • Amnesty International
    Regina Spöttl, 62, ist bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International aktiv. Sie ist Sprecherin der Länder-Koordinationsgruppe Saudi-Arabien, Bahrain, Katar und Oman. Die Kulturwissenschaftlerin beobachtet die Lage in der Nahost-Region seit 1979.
SPIEGEL ONLINE: Sollten die Münchner dann nicht hinfahren?

Spöttl: Doch, die Bayern können nach Katar fahren. Amnesty ruft nicht zu Boykotts von Trainingslagern in diesen Ländern auf. Aber der FC Bayern sollte unbedingt auch hinter die Kulissen blicken. Und auch mal nachfragen, wann die Bedingungen endlich besser werden.

SPIEGEL ONLINE: Bayerns Kapitän Philipp Lahm sagt, die Mannschaft beschäftige sich mit dem, "was in Katar los ist". Man werde "die Augen nicht zumachen". Ist es überhaupt realistisch, dass die Bayern irgendetwas zu sehen bekommen?

Spöttl: Wenn man sich bemüht und mit Arbeitern spricht, dann geht das durchaus. Die Spieler werden ja auch Freizeit haben und sich frei bewegen können. Die sollen ruhig mal nachklopfen. Wer will, der sieht auch. Ich würde mir sehr wünschen, dass Lahms Aussage auch Wirklichkeit wird.

SPIEGEL ONLINE: Und dann? Was würde sich denn ändern? Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge sagt: "Ein Trainingslager ist keine politische Äußerung. Niemand sollte Dinge vermischen, die nicht zusammengehören." Kann man das so klar trennen?

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Trainingslager der Bundesligisten: Sechsmal Belek - und eine umstrittene Katar-Reise
Spöttl: Nein, auf keinen Fall! Sport war immer schon politisch. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass sich der FC Bayern auch direkt an die katarische Regierung wendet und fordert, dass die Situation vor Ort besser wird.

SPIEGEL ONLINE: Die Bayern begründen den Schritt vor allem mit den guten Bedingungen vor Ort. Man habe "die beste Trainingsanlage im Weltfußball", sagt Rummenigge, zudem ein ideales Klima und quasi keinen Zeitunterschied. Kann man angesichts der Menschenrechtsverletzungen diese Argumente gelten lassen?

Spöttl: Diese Überlegungen sind nachvollziehbar. Aber man muss sich einmischen, die Spieler, der Klub, die Sponsoren. Denn die Arbeitsmigranten, die ja auch die Stätten für die WM in 2022 bauen, werden nach wie vor ausgebeutet.

SPIEGEL ONLINE: Der FC Bayern komme "immer mit der Botschaft von Integration und freier Lebensgestaltung", sagt Rummenigge. Und Lahm fragt: "Was ist besser? Man bleibt einfach zu Hause. Oder fährt man hin und spricht darüber?" Werden solche Botschaften von den Machthabern überhaupt wahrgenommen?

Spöttl: Ich denke schon. Die Katarer wollen ja auch vor der Weltöffentlichkeit gut da stehen. Wenn man nicht aufhört, die Menschenrechtsverletzungen anzuprangern, dann kann man etwas erreichen. Es ist ganz wichtig, dass die Fußballer, die ja bei der WM auch unmittelbar davon betroffen sein werden, das zu einem Thema machen und sich für die Ausgebeuteten stark machen - und nicht nur Politiker oder Amnesty. Sie können dazu beitragen, dass die Missstände noch bekannter werden.

SPIEGEL ONLINE: Auch im vergangenen Jahr waren die Bayern in Katar unterwegs. Damals besuchten die Bayern zudem ein Testspiel in Saudi Arabien, während dieser Zeit wurde der Blogger Raif Badawi zu 1000 Peitschenhieben verurteilt. Bayern-Boss Rummenigge räumte zwar Fehler ein, doch er wies auch darauf hin, dass in vielen Ländern gegen Menschenrechte verstoßen werde. "Unter anderem bei einem Verbündeten, den USA. Ich sage nur Guantánamo oder Todesstrafe." Ist dieser Vergleich zulässig?

Spöttl: Uns werden solche Vergleiche auch immer wieder vorgehalten. Gerade die Todesstrafe in den USA bringt uns bei Debatten immer ins Hintertreffen. Doch die Tatsache, dass die USA gegen die Menschenrechte verstoßen, ist kein Freifahrtschein für Länder wie Katar oder Saudi-Arabien, selbst Menschenrechtsverletzungen zu begehen, und sollte auch nicht als Ausrede dafür herhalten, Menschenrechtsverletzungen gar nicht anzusprechen.

Im Video: Die Bayern rechtfertigen sich



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
baba01 07.01.2016
1. Hallo
Pep lässt grüßen. Hat super Kontakte in Katar, dieser glorreiche Freiheitskämpfer ...
mbak19 07.01.2016
2. So ganz...
verstehe ich das Problem hier nicht. Einerseits schreit das Volk und die Politik danach, Sport und Politik zu trennen, andrerseits darf Bayern nicht nach Katar (Dortmund aber nach Dubai?!). Und nebenbei hat sich noch niemand in der Politik wirklich für eine absoluten Boykott der kommenden Weltmeisterschaften und damit auch für deren Qualifikation ausgesprochen. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen!
kranich05 07.01.2016
3. Arbeiten in Katar
Erlebnisbericht des Nepali Bakram D. aus Kathmandu: http://opablog.net/2016/01/07/arbeiten-in-katar-bericht-von-bakram-d-kathmandu-nepal/
Athlonpower 07.01.2016
4. Die Vereinsführung ist blind und taub gegenüber den dortigen Verhältnissen.
Auch als Bayernfan kann und muß ich nur noch den Kopf schütteln, über so viel und so ausgedehnte Dummheit der Vereinsoberen, wer jetzt noch, nach all den bekannten Mißständen hier ein wochenlanges Trainingslager aufschlägt, der ist blind, taub und völlig beratungsresistent gegenüber allem, was die sogenannten westlichen Werte gegenüber dem Totalismus der in Arabien herrschenden Despoten hervorhebt, könnte natürlich auch sein, daß sich im Geheim inzwischen einer der dort herrschenden Scheichs am FC Bayern beteiligt hat und damit mit seinem Geld das vorschreibt, was der Verein zu tun bzw. zu lassen hat.
FerrisBueller 07.01.2016
5. Wer guckt schon genau hin
Ach, wer guckt da schon genau hin, wenn er als Dankeschön für die kostenlose Werbung durch den FC-Bayern mit ebenfalls kostenlosen Luxusuhren versorgt wird...nicht wahr, Herr Rummenigge?
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