Abschied eines Bayern-Fans Das war's

Seit 38 Jahren ist Marco Fuchs Fan des FC Bayern. Besser gesagt: Er war Fan. Denn auch wenn unser Autor leidensfähig ist - die jüngste Pressekonferenz der Klubchefs war ihm zu viel.

Bayern-Fans (Symbolbild, unser Autor ist nicht dabei)
REUTERS

Bayern-Fans (Symbolbild, unser Autor ist nicht dabei)


Es gibt Dinge, die kann man anderen Menschen schwer erklären, ohne direkt eine Wagenladung Kontext mitzuliefern. In meinem Fall: Ich bin wegen Karl-Heinz Rummenigge Bayern-Fan geworden.

Das klingt aus heutiger Sicht seltsam, womöglich sehr, sehr seltsam. Zu meiner Rechtfertigung: 1980 war Rummenigge ein toller Fußballer und der FC Bayern einer von fünf bis sechs Vereinen, die sich Favoritenrolle und Aufmerksamkeit teilten. Das ging also in Ordnung und den Lieblingsverein kriegt man ja auch nicht mehr aus einem raus.

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Die Anfeindungen ließen sich immer leicht wegbügeln. Der Neid führt die Feder und überhaupt: Was ist das nicht für ein wunderbar solidarischer Verein, der so viel Gutes tut. Hier ein Kredit, da ein Benefizspiel, von Dortmund bis St. Pauli wurde die helfende Hand gereicht. Dieser Ex-Spieler wurde finanziell unterstützt, weil die Karriere im Eimer war, jener Jungstar bei Eheproblemen durch schwere Phasen begleitet.

Arrogant? Klar, aber auch mit Herzpunkten.

Dann kam das Alter, der Journalistenberuf, der ohnehin zur Distanz erzieht. Vom Fan wurde ich zum Sympathisanten. Hoeneß-Wiederwahl, Katar-Engagement: Sich noch guten Gewissens über Siege zu freuen und über Niederlagen zu ärgern, fiel zunehmend schwerer und erforderte schon ein gerütteltes Maß an "Bauch schlägt Kopf".

Die heutige Pressekonferenz habe ich zufällig bei einem Elternbesuch gesehen. Im alten Kinderzimmer, wo noch der Bayern-Bochum-Freundschaftsschal über dem Sitz hängt, der alte Teddybär eine FCB-Fanmütze trägt.

Nach 30 Minuten Hoeneß, Rummenigge, Salihamidzic konnte ich meine Jugend jetzt endgültig abräumen. Kritik kontern mit dem Hinweis auf die Menschenwürde, auf Artikel 1 des Grundgesetzes? Wie weit möchte sich der Fußball noch überhöhen?

Vorwärtsverteidigung zwischen Beleidigtsein und Wagenburgbau

Da wurde Respekt gegenüber den Spielern eingefordert, nur um zwei Minuten später den spanischen Fußballspieler Juan Bernat an die Wand zu nageln. So wie man bereits zig Spielern und Trainern in den vergangenen Jahren nur Schlechtes nachsagte. Bayerische Königsdisziplin Nachtreten.

Befremden und Fassungslosigkeit wechselten sich ab beim Betrachten dieses unwürdigen Spektakels. Statt "Dreck" habe er lieber sagen sollen, dass Mesut Özil "Mist" gespielt habe, höhnte Hoeneß vom Podium herunter. Eine Vorwärtsverteidigung zwischen Beleidigtsein und Wagenburgbau - das sollen meine Farben, das soll der Klub sein, den ich mir im Freundeskreis und Büro zuordnen lasse?

Für die Fans aller anderen Vereine mag das ein köstliches Kopfschüttelvergnügen gewesen sein, pures Comedygold. Für mich bedeutete dies ein durchaus auch wehmütiges: "Das war's."

Als Fußballinfizierter drückt man viele Dinge weg. Das ist ja auch keine Exklusivhaltung von Bayern-Sympathisanten.

Aber bei aller Liebe, bei allen bejubelten und verfluchten Spielen in den vergangenen 38 Jahren: Irgendwann ist es eben zu viel.

Im Video: Die Bayern-PK der anderen Art



insgesamt 192 Beiträge
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Jochen2002 19.10.2018
1. Hybris
Die Arroganz von so manchen Steuerhinterziehern ist einfach beispiellos. Und ja, der Verweis auf Art 1 GG ist so verfehlt, da bleiben einem die Worte weg. Dann lieber auf einen Spitzenverein in der CL verzichten. Ist eh ein fragwürdiges, hoch-kommerzielles Produkt. Mittlerweile frage ich mich schon mal, ob Minigolf nicht einfach die bessere Alternative ist
ichliebeeuchdochalle 19.10.2018
2.
Lieber Ex-Fan, das, was beim FCB seit vielen vielen Jahren abläuft, nennt man Feudalherrentum. Die drei haben dies heute coram publikum aufgeführt. Benehmen wie der Adel (hier: Geld-Adel) von vor 200 Jahren. Nicht jede Resozialisierung hinter Gittern klappt. Manchmal endet die gespielte Demut-Heuchelei bereits eine Minute nach der Entlassung.
mons_francorum 19.10.2018
3. Du suchst Dir nicht Deinen Verein aus...
... dein Verein sucht dich aus. Das schrieb schon Nick Hornby. Kopf hoch, Ex-Bayer. Es gibt noch viele andere tolle Vereine für dich: Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg, Leverkusen. Schöner Fußball und garantiert frei von Emotion und Drama. Ich bleib lieber bei meiner Borussia, steig ab und zu mal ab und auf mit ihr, aber feiere, wenn wir die ... zum Oktoberfest mit 3:0 aus dem eigenen Stadion schießen.
keinfandesfcb 19.10.2018
4.
Was bildet sich dieser verurteilte Steuerhinterzieher eigentlich ein. Statt demütig im Hintergrund zu agieren tritt er als Moralapostel auf. Seine Überheblichkeit , die er schon immer an den Tag legte wenn „sein“ FCB kritisiert wurde , zeigt wie weit er und seine FCB Riege von der Wirklichkeit entfernt sind. Deswegen mein Spruch an die FCB Bosse: Gewinnen kann jeder - verlieren muss man können
gagavi 19.10.2018
5.
Zitat von ichliebeeuchdochalleLieber Ex-Fan, das, was beim FCB seit vielen vielen Jahren abläuft, nennt man Feudalherrentum. Die drei haben dies heute coram publikum aufgeführt. Benehmen wie der Adel (hier: Geld-Adel) von vor 200 Jahren. Nicht jede Resozialisierung hinter Gittern klappt. Manchmal endet die gespielte Demut-Heuchelei bereits eine Minute nach der Entlassung.
Oder nach der Genesung, wenn man der einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes ist. http://www.haz.de/Umland/Garbsen/Nachrichten/Vor-30-Jahren-ueberlebte-Uli-Hoeness-Flugzeugabsturz
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