Bayerns Sieg gegen Hoffenheim Ärgern über die Video-Kontrolleure

Die Bundesliga erlebte das beste Eröffnungsspiel seit Jahren. Und doch dreht sich alles um das alte Streitthema: den Videobeweis. Hoffenheim zürnt und spottet. Bei den Bayern drückt die schwere Verletzung von Coman auf die Stimmung.

Diskussionsbedarf: Hoffenheims Adam Szalai, Bastian Dankert (r.)
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Diskussionsbedarf: Hoffenheims Adam Szalai, Bastian Dankert (r.)

Von Florian Kinast, München


Arjen Robben hatte es eilig. Fünf Minuten nach 23 Uhr stürmte der Holländer aus dem Kabinentrakt Richtung Ausgang, die Hektik hatte einen wichtigen Grund: "Die Kinder sind müde", sagte Robben im Vorübergehen und verließ mit Gattin Bernadien, den Söhnen Luka und Kai und Tochter Lynn hurtig das Stadion. Was Robben nicht mehr mitbekam, waren die hitzigen Diskussionen über das alte und neue Streitthema im deutschen Fußball. Kaum ist Bundesliga, sorgt der Videobeweis schon wieder für große Debatten, der Dauer-Ärger aus der vergangenen Saison setzte sich im ersten Spiel der neuen Spielzeit nahtlos fort.

Dabei hatte das 3:1 des FC Bayern gegen die TSG Hoffenheim an sich schon großen Unterhaltungswert mit reichlich Grund für Gesprächsstoff: Die überraschende Entscheidung von Niko Kovac, gleich bei seinem Debüt als Bayern-Trainer Mats Hummels und Arjen Robben auf der Bank zu lassen. Das beste Auftaktspiel einer Bundesligasaison seit vielen Jahren. Bayern, die nach dem Hoffenheimer Ausgleich zu taumeln drohten - eine Anfälligkeit, die der Liga Mut machen sollte. Der erneute Syndesmosebandriss von Kingsley Coman, der seine Mitspieler sichtlich mitnahm: "Ich war geschockt, als ich ihn sah", sagte Joshua Kimmich später, "ich hatte Tränen in den Augen."

Coman muss operiert werden und fällt nach Angaben des Vereins mehrere Wochen aus. Der 22-Jährige hatte wegen eines Syndesmosebandrisses bereits weite Teile der Rückrunde der vergangenen Saison und deshalb auch die Weltmeisterschaft verpasst. Sein letztes Bundesligaspiel hatte der Franzose im Februar bestritten.

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Bundesliga-Auftakt: Ein Elfmeter, zwei Videobeweise, vier Tore

Es gab also viele Geschichte rund um diese Partie. Und doch ging es dann am Ende wieder um jenes Thema, bei dem zumindest in der Bundesliga immer noch keiner durchblickt: Wann darf der Video-Schiedsrichter aus seinem Keller in Köln dazwischenfunken und wann nicht?

Am Freitag warfen drei strittige Situationen in der Schlussphase erneut Fragen nach Sinn und Unsinn der Bildschirm-Assistenz auf und erregten die Gemüter der Hoffenheimer. Gerade das vermeintliche Foul von Havard Nordtveit gegen den durch die Luft segelnden Franck Ribéry, das Schiedsrichter Bastian Dankert mit Elfmeter ahndete und zu dem selbst Niko Kovac später sagte: "Ich hätte ihn nicht gegeben." Warum griffen die Video-Kontrolleure Sascha Stegemann und Benedikt Kempes nicht ein? Das fragte sich auch ein sichtlich aufgebrachter Julian Nagelsmann: "Ich weiß nicht, wo die Videoassistenten in Köln da gerade waren, anscheinend waren sie nicht am Platz", zürnte der Hoffenheim-Trainer. "Warum das Zustandekommen des Elfmeters nicht kontrolliert wird, ist mir ein Rätsel."

Alles bleibt unklar - auch beim leidigen Thema Handspiel

Fall zwei: Die nach Video-Entscheid erfolgte Wiederholung des Elfmeters war zwar regelkonform, Arjen Robben war bei seinem Treffer nach Robert Lewandowskis Fehlschuss zu früh in den Strafraum gelaufen. Doch Joshua Kimmich stellte später ganz berechtigt in den Raum: "Mich würde interessieren, wenn die Hoffenheimer, die auch zu früh in den Sechzehner gelaufen sind, den Ball klären, bevor Arjen an den Ball kommt: Wird der Elfmeter dann auch wiederholt?"

Und dann Szene drei, Thomas Müller, der den Distanzschuss von Leon Goretzka mit dem Ellbogen ins Hoffenheimer Tor abfälschte. Dankert annulierte den Treffer zum 3:1 nach Kontrollblick auf den Monitor in Höhe Mittellinie. Doch auch diese Entscheidung wirkte schwammig wie fast immer beim Thema Handspiel. Später sagte Kimmich: "Uns hat man bei der Schiri-Sitzung gesagt, dass Handspiel in der Offensive eher mal geahndet wird als in der Defensive." Eher mal also. Hilft auch nicht richtig weiter.

"Diesen Verlauf hat das Spiel nicht verdient"

Es war eine gute Stunde nach Abpiff, da kam plötzlich Alexander Rosen des Wegs, und was Hoffenheims Sportdirektor zu sagen hatte, war voller Zorn und Spott: "Wir hatten eine Fußball-WM, da gab es einen leitenden Schiedsrichter aus Zimbabwe, einen vierten Offiziellen aus Saudi-Arabien, und im Videoraum sitzt einer aus Uruguay. Keine Testphase, und der Videobeweis wird zu etwas gemacht, was er sein sollte: Eine wunderbare, gerechte, sinnvolle Einrichtung. Und dann haben wir das, was wir hier heute haben: Der Gegensatz zu dem, was er sein sollte."

Rosen meinte damit vor allem die Szene, die zum Elfmeter führte: "Das muss man überprüfen, sonst macht das alles keinen Sinn. Das war ein tolles Spiel, beide Mannschaften waren bis zur 80. Minute voll da und haben gelauert. Und dann kommt das. Diesen Verlauf hat das Spiel nicht verdient."

Bleibt festzuhalten, dass sich auch in drei Monaten Sommerpause nichts geändert hat, und die Bundesliga Videobeweis in etwa so gut kann wie Berlin Flughafen. Das Gute daran: Es dürfte in der Liga unterhaltsam bleiben, mit großen Emotionen und großen Diskussionen. Mögen die Bayern auch sportlich wieder für Monotonie sorgen: Mit dem Videobeweis wird die Liga garantiert nicht langweilig.

Bayern München - 1899 Hoffenheim 3:1 (1:0)
1:0 Müller (23.)
1:1 Szalai (57.)
2:1 Lewandowski (82. Foulelfmeter)
3:1 Robben (90.)
München: Neuer - Kimmich, Boateng, Süle, Alaba - Martinez (66. Goretzka) - Coman (45. Robben), Müller, Thiago, Ribéry (83. James) - Lewandowski
Hoffenheim: Baumann - Adams (66. Akpoguma), Vogt (73. Nordtveit), Bicakcic - Kaderabek, Grillitsch, Schulz - Grifo (46. Zuber), Bittencourt - Szalai, Joelinton
Schiedsrichter: Dankert
Zuschauer: 75.000
Gelbe Karten: Schulz, Adams, Bittencourt, Kaderabek / Müller



insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
schorri 25.08.2018
1. Desaster
Ein Desaster. Für den DFB und die Schiedsrichterzunft. Hat man den Verantwortlichen Akteuren in der VAR-Zentrale nich tgesagt, dass der VAR höchst umstritten ist? Dass in der letzten Saison, obowhl von DFB und Schiedrichterobleuten schöngeredet, überwiegend Mist produziert wurde? Dass bei der WM, obwohl auch hier schöngerdet, überwiegend Mist ... Dass jetzt, bei der Bundesliage-Eröffnung (wenigstgens jetzt!) kein Fehler passieren dürfe? Und dann so ein kapitaler Bock. Unglaublich!
pommesbay 25.08.2018
2. Unterhaltsam...
und spannend war es allemal, dieses Spiel. Die in meinen Augen übertriebene Härte der Hoffenheimer war unangebracht. Fast schien es, als ob das die Bayern etwas aus dem Tritt gebracht hätte.
D.Bachetzly 25.08.2018
3. Nach der 11er-Wiederholungs-Entscheidung...
müsste man dann doch jetzt als strafstoßende Manschaft jedes mal zu früh in den Strafraum laufen!? Geht der Ball daneben, wird der Strafstoß wiederholt, geht er rein hat es bislang ja eigentlich nie einen Schiri interessiert, ob jemand zu früh reingelaufen ist... So hätte man dann fast die 100%ige 11er-Tor-Garantie (außer man schießt daneben natürlich! ;))
Ultras 25.08.2018
4. Unterhaltsam?
Das hat auch der Kollege Ahrens schon geschrieben. Was bitte ist denn daran unterhaltsam, wenn durch hanebüchene Entscheidungen sowohl auf dem Platz, als auch in Köln massivst Einfluß auf den Ausgang eines Spiels genommen wird. Mir fallen viele Beschreibungen dafür ein, einige sicher völlig ungeeignet für das SPON-Forum, aber "unterhaltsam" ist bestimmt keins davon! Traurig für den deutschen Fußball wäre richtiger, wie Vieles dieser Tage, das hat der Sportkamerad Rosen schon sehr richtig festgestellt.
hans-rai 25.08.2018
5. Zu viele schwere Fouls...
Die drei strittigen Situationen haben die Freude an dem Spiel völlig verdorben. Aber zuvor war das Spiel zu sehr dominiert durch die harten Fouls der Hoffenheimer an den Bayern-Spieler. Wenn diese harte Gangart symptomatisch wird für die neue Bundesligasaison - dann steht uns nichts wirklich Gutes bevor.
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