Bayern gegen Sevilla "So ein souveränes 0:0 ist mehr wert, als manche denken"

Spektakel in Manchester, Sensation in Rom, Drama in Madrid: Das Viertelfinale der Champions League war Werbung für den Fußball. Nur die Bayern boten gegen Sevilla Langeweile. Und das spricht für sie.

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Von Florian Kinast, München


Nur ein kleines bisschen ging es sogar noch um das Spiel selbst. Einige Profis des FC Bayern thematisierten etwa die erfolglose Offensivarbeit während der 90 Minuten. Dass man zu wenig Torchancen kreiert, aber doch couragiert gekämpft habe. Dann war die Begegnung gegen den FC Sevilla aber schnell abgehakt. Denn weitaus mehr Gesprächsstoff als die eigene Partie lieferten auch in den Gängen der Münchner Arena die Geschehnisse auf den anderen Plätzen an diesen zwei denkwürdigen Abenden in der Champions League.

Im Vergleich zu den fußballerischen Dramen, die sich am Vortag in Manchester, in Rom und am Mittwoch in der atemberaubenden Parallel-Partie in Madrid abspielten, war das 0:0 zwischen dem FC Bayern und dem Gast aus Andalusien zwar die mit Abstand unaufgeregteste und wohl auch langweiligste Begegnung - aber es war am Ende auch ein Spiel, in dem die Mannschaft von Jupp Heynckes genau deswegen alles richtiggemacht hatte. Weil sie sich nicht so übertölpeln ließ wie der FC Barcelona, der trotz eines 4:1-Siegs im Hinspiel nun in Rom noch ausschied (0:3), und beinahe auch Real Madrid von Juventus (1:3 nach 3:0 im Hinspiel).

Sachlich, souverän und undramatisch, an diesem epochalen Viertelfinal-Spieltag war das das beste Mittel für den Einzug ins Halbfinale.

Viele der Münchner Akteure berichteten noch lange nach Abpfiff, wie auch sie am Vorabend die Sensation in Rom verfolgt hatten - und wie sehr dieses Spiel sie darin bestärkte, nach dem 2:1 in Sevilla das Rückspiel auch nicht mit dem leisesten Anflug von Überheblichkeit anzugehen. "Natürlich war das Spiel in Rom eine Warnung auch für uns, dass im Fußball alles passieren kann", sagte Arjen Robben. Ähnliches gab Mats Hummels von sich: "Das war ein Warnschuss für heute."

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Bayern vs. Sevilla: Viele Fouls, keine Tore

Thomas Müller kam schließlich als einer der letzten aus der Kabine, er wusste das Geschehen sehr gut einzuordnen. "So ein 0:0 ist vielleicht kein richtiger Leckerbissen. Aber wenn man sieht, was auf den anderen Plätzen passiert ist, dann ist so ein souveränes 0:0 mehr wert, als manche denken. Man hat gesehen, wie verrückt der Fußball sein kann." Außer in München eben.

Verrückt war etwa das Spiel in Madrid, das auch während der Partie in der Münchner Arena für Wirbel sorgte. Immer lauter wurde der Jubel im Publikum, bei jedem der drei Juventus-Tore, die auf den großen Anzeigetafeln eingeblendet wurden. Und bei jedem neuen Zwischenstand schien zumindest für einen kurzen Moment auch durch das Team des FC Sevilla ein Ruck zu gehen. Das sensationelle Aufbäumen der schon vermeintlich aussichtslos abgeschlagenen Außenseiter schien auch ihnen Mut zu machen. Aber nicht lange. Denn da war schon wieder der völlig unbeeindruckte FC Bayern, der humorlos jeglichen Hoffnungsschimmer der Gäste im Keim erstickte.

Sensationen? Sehr gerne. Nur nicht bei uns in München.

Bemerkenswert waren auch die Szenen in den letzten Minuten. Auf der Tribüne und auf den Presserängen verfolgten viele Beobachter die letzten Live-Minuten der magischen Nacht aus Madrid via Handy oder Tablet. Die Rote Karte gegen Buffon, der Elfmetertreffer von Cristiano Ronaldo, die Turiner Trauer, Reals Erlösung. Dass unterdessen wenige Meter weiter auf dem Rasen Joaquin Correa nach einem brutalen Tritt gegen Javi Martínez vom Platz flog, ging fast unter.

Das Publikum nahm beim Abpfiff die später folgende Einschätzung von Müller schon voraus, es gab Ovationen für dieses 0:0, das vehementer bejubelt wurde als manch ein 3:0 an einem Samstagnachmittag in der Bundesliga - und lauter gefeiert als der jährliche Kantersieg gegen den HSV.

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Bayern-Spieler in der Einzelkritik: Solide statt brillant

"Man kann nicht immer brillant und den Gegner an die Wand spielen", erklärte Heynckes, "aber ich bin sehr zufrieden, es war ganz wichtig, dass wir zu Null gespielt haben." Auch er sprach noch von der Erkenntnis des Vortags: "Schauen sie Barcelona an. Die sind nach Rom gereist und haben gesagt: Das machen wir ganz locker. Sie sehen ja, was dabei rausgekommen ist."

Und wohin reist der FC Bayern jetzt? Am Freitag ist Halbfinalauslosung, die meisten hielten sich bei der Nennung eines Wunschgegners bedeckt. Außer Mats Hummels, der immer noch entgeistert wirkte und von "ganz krassen Ergebnissen" sprach und zum Lieblingslos aus den drei anderen Kugeln Freitagmittag meinte: "Ich habe schon 100.000 Mal gegen Real Madrid gespielt", rechnete der Innenverteidiger hoch, "gegen Liverpool erst einmal und gegen Rom noch nie. Vielleicht wird das ja was."

Dass die Bayern spätestens nach der am Samstag errungenen Meisterschaft nun das erneute Triple wie 2013 anpeilen, ließ Thomas Müller erkennen: "Wir sind gierig. Wir wollen das jetzt durchziehen." Am besten ganz nüchtern und undramatisch. Das können sie ganz gut.

FC Bayern München - FC Sevilla 0:0 (0:0)
Bayern: Ulreich - Kimmich, Boateng, Hummels, Rafinha (86. Süle) - Javi Martínez - Müller, James - Robben, Ribéry (71. Thiago) - Lewandowski (77. Wagner)
Sevilla: Soria - Jesus Navas, Mercado, Lenglet, Escudero - N'Zonzi, Banega - Sarabia (70. Sandro Ramírez), Vazquez (81. Nolito), Correa - Ben Yedder (65. Muriel)
Schiedsrichter: Collum (Schottland)
Gelbe Karten: Wagner - Banega, Mercado, N'Zonzi
Rote Karte: Correa
Zuschauer: 70.000

insgesamt 150 Beiträge
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mother_sky 12.04.2018
1. Ohne Brillanz, aber mit kühlem Kopf
Gerackert haben sie alle, nicht nur Rafinha, Martinez und Jamez. Und ja, es war ein Spiel ohne Brillanz, aber mit Dominanz der Bayern, wenngleich ohne Torerfolg. Heynckes, der alte Fuchs, wusste, wie unberechenbar diese spanische Mannschaft ist und hat sein Team optimal eingestellt, nach der Devise: Nur ja kein (frühes) Tor kassieren und sich selbst in Bedrängnis bringen! - Allerdings hätte ich viel früher Lewandowski, der ein ums andere Mal rüde attackiert wurde, durch den robusten, bulligen Sandro Wagner ersetzt. Vermisst habe ich auch Thiago (kam erst in der 71. Minute für Ribery), der gleich seine überragende Technik aufblitzen ließ, und Tolisso, und zwar für Müller, der leider nicht wie gewohnt überzeugen konnte, vielleicht auch weil es Robben immer wieder in die Mitte zog und dadurch Müllers Raum und Entfaltungsmöglichkeit eingeengt war. - Fazit: "Wohltemperierte" Bayern liefern eine geschlossene Mannschaftsleistung ab und sind damit auf dem besten Weg die CL zu gewinnen.
jujo 12.04.2018
2. ...
Der FCB hat alles richtig gemacht. Souverän das 0:0 über die Zeit gebracht. Ein Sieg wäre nicht unverdient gewesen. Kein Spieler für das Halbfinale gesperrt. Bin gespannt auf die Halbfinals. Was ist dieses Jahr anders? Ich glaube das gab es noch nicht, das lockere Auswärtserfolge ( 3:0 ) nicht reichen, weil man im Heimspiel nichts mehr auf die Reihe bekommt. Der Gegner, weil es nichts mehr zu verlieren aber alles zu gewinnen, locker und entspannt alles oder nichts spielt und alles gewinnt.
romeov 12.04.2018
3. Da waren es nur noch Vier
...noch alles drin, es wird jetzt richtig spannend und die anderen kochen auch nur mit Wasser.
doppelnass 12.04.2018
4. Gut so.
Nüchtern erfolgreich. So geht das. Was Rafinha gestern abgeliefert hat, war Weltklasse. Der Mann ist Gold wert, egal wo man ihn spielen lässt. Offensiv wie defensiv bockstark. Und was Robben läuft, ist der Wahnsinn.
johnsnow 12.04.2018
5. Naja .......
wenn man ehrlich ist, sollte Bayern dankbar sein das Man City & Barca raus sind und beten das Ihnen Rom zugelost wird! Fakt ist gegen Liverpool oder Real wird das nichts. Gegen Rom sehe ich den FCB im vorteil! aber wenn wir ehrlich sind, der fcb hatte bis jetzt echt Losgück! vielleicht ist es auch besser für die WM wenn Bayern im 1/2 Finale rausfleigt!
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