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Krise des FC Bayern

Mehr als nur ein paar Abwehrschnitzer

Nach Bayern Münchens 3:3 gegen Aufsteiger Düsseldorf war die Kritik an der Abwehrleistung groß. Doch hinter den Gegentoren verbergen sich systematische Schwächen. Gerade das Mittelfeld überzeugt nicht.

Von Tobias Escher

RONALD WITTEK/EPA-EFE/REX

Bayern Münchens Javi Martínez

Montag, 26.11.2018   15:56 Uhr

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Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Trainer seine eigenen Spieler in der Öffentlichkeit kritisiert. Dass ein Trainer jedoch Fehler gegnerischer Verteidiger schonungslos benennt - das kommt selten vor.

Fortuna Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel tat genau das nach dem überraschenden 3:3 gegen Bayern München. "(Vor dem 2:3 geht Jérôme Boateng) zwei Schritte nach vorne und will dem Laufduell mit Lukebakio aus dem Weg gehen. Einem solchen Weltklassespieler darf so etwas nicht passieren." Funkel setzte den Ton: Fortan bekamen die Verteidiger in der Öffentlichkeit die Schuld zugesprochen, mit ihren krassen Fehlern die Münchener 3:1-Führung hergeschenkt zu haben.

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Es klingt einleuchtend: Drei Gegentore fing der Rekordmeister, zweimal lief Fortuna-Stürmer Dodi Lukebakio den Innenverteidigern in der Schlussphase davon. In der Bundesliga hat sich mittlerweile herumgesprochen: Boateng, 30, und auch sein Nationalelfkollege Mats Hummels, 29, verlieren von Jahr zu Jahr an Geschwindigkeit. Doch wenn das Tempo der Bayern-Abwehr tatsächlich die Schwachstelle des Teams ist - wie kann es sein, dass Boateng und seine Mitstreiter immer wieder Sprintduelle eingehen müssen?

Die Antwort: Das Mittelfeld verhindert die Zuspiele hinter die Abwehr nicht. Beispiel Düsseldorf: Vor dem 2:3 darf Kenan Karaman durch das Zentrum spazieren. Weder der aufgerückte Joshua Kimmich noch Leon Goretzka stören ihn. Und Sechser Javi Martínez? Er rückt ebenfalls weit auf, ohne den Ball unter Kontrolle zu bekommen. Auch beim dritten Treffer sieht Martínez nicht gut aus. Obwohl er in der Situation Düsseldorfs Stürmer Rouwen Hennings manndeckt, gelangt er in der entscheidenden Situation nicht in den Zweikampf. Hennings kann den entscheidenden Pass auf Lukebakio spielen.

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Nicht nur in der Defensive häufen sich die Fehler des Bayern-Mittelfelds. In der Vergangenheit wusste jeder Gegner: Sobald die Bayern führen, kommen wir nur noch schwer an den Ball. Noch ein Rückpass, noch ein Querpass, noch eine Spielverlagerung: Der Rekordmeister ließ Ball und Gegner laufen.

Und gegen Düsseldorf? Spielte Joshua Kimmich vor dem 2:3 einen Pass auf Robert Lewandowski, der von vier Düsseldorfern umzingelt ist. Ballverlust. In der Nachspielzeit wollte Mats Hummels mit einem Pass auf Arjen Robben das Spiel beschleunigen, Robben ging gegen zwei Gegenspieler ins Dribbling. Ballverlust. Solche Fehleinschätzungen sind den Bayern in der Vergangenheit selten unterlaufen.

Nicht nur bei den Gegentreffern fehlte den Bayern die Kontrolle über das Mittelfeld. Schnelle Spielzüge durch die Zentrale? Fehlanzeige. Gerade bei der 2:3-Niederlage gegen den BVB lief fast jeder Angriff über die Außenspieler, wie die Taktiktafel des SPIEGEL zeigt. Das erleichtert dem Gegner, auf die Seiten zu verschieben und dort Bälle zu gewinnen.

Dass die Bayern derzeit Probleme haben, das Mittelfeld zu dominieren, hat auch mit der Verletztenmisere zu tun. Martínez fremdelt mit seiner Rolle als spielgestaltender Sechser. Er brillierte stets dann, wenn er an der Seite eines spielstarken Kollegen den Abräumer geben durfte; so etwa im Tandem mit Bastian Schweinsteiger beim Champions-League-Sieg 2013. Als Alleinunterhalter fehlt ihm die Übersicht im Spielaufbau. Mit ihm als alleinigem Sechser verwaist das Mittelfeldzentrum.

Das belegen auch seine SPIX-Werte: Gegen Düsseldorf kam er gerade einmal auf einen Wert von 42. Der aktuell verletzte Thiago, ansonsten unter Kovac gesetzt auf der Sechs, erreicht einen durchschnittlichen Wert von 89. Mit den Langzeitverletzten Corentin Tolisso (89) und James Rodríguez (80) fehlen den Bayern zwei weitere Mittelfeldspieler, die für Ballkontrolle stehen.

Thiago wiederum ist auch nicht unumstritten. Der häufigste Vorwurf: Der Spanier spiele nur simple Querpässe, die das Spiel nicht verändern. Der Spanier passt allerdings so präzise wie kaum ein zweiter Bundesliga-Spieler. Selbst wenn seine Pässe mal keine Torchancen kreieren, sie verhindern zumindest, dass der Gegner an den Ball kommt. Die Rechnung ist simpel: Keine Ballverluste, keine Konter. Insofern ist es eine gute Nachricht für die Bayern, dass Thiago wieder auf dem Trainingsplatz steht.

Am Dienstag gegen Benfica Lissabon (21 Uhr, live im SPIEGEL-Ticker) muss Trainer Niko Kovac allerdings weiter improvisieren. Gut möglich, dass er Kimmich wieder ins Mittelfeld beruft, vielleicht auch als zweiter Sechser neben Martínez. Die Bayern benötigen einen Punkt, um sich für das Achtelfinale zu qualifizieren. Dann darf es im Mittelfeld aber keine einfachen Ballverluste geben wie gegen Düsseldorf. Denn wenn Benfica mit ähnlich viel Tempo auf Bayerns Abwehr zuläuft, dürfte dieses Mal nicht die Abwehr die Schuld erhalten - sondern allein der Trainer.

Kovac im Video: "Verhältnis zu den Spielern ist sehr gut"

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