Krise des FC Bayern Mehr als nur ein paar Abwehrschnitzer

Nach Bayern Münchens 3:3 gegen Aufsteiger Düsseldorf war die Kritik an der Abwehrleistung groß. Doch hinter den Gegentoren verbergen sich systematische Schwächen. Gerade das Mittelfeld überzeugt nicht.

Bayern Münchens Javi Martínez
RONALD WITTEK/EPA-EFE/REX

Bayern Münchens Javi Martínez

Von Tobias Escher


Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Trainer seine eigenen Spieler in der Öffentlichkeit kritisiert. Dass ein Trainer jedoch Fehler gegnerischer Verteidiger schonungslos benennt - das kommt selten vor.

Fortuna Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel tat genau das nach dem überraschenden 3:3 gegen Bayern München. "(Vor dem 2:3 geht Jérôme Boateng) zwei Schritte nach vorne und will dem Laufduell mit Lukebakio aus dem Weg gehen. Einem solchen Weltklassespieler darf so etwas nicht passieren." Funkel setzte den Ton: Fortan bekamen die Verteidiger in der Öffentlichkeit die Schuld zugesprochen, mit ihren krassen Fehlern die Münchener 3:1-Führung hergeschenkt zu haben.

Es klingt einleuchtend: Drei Gegentore fing der Rekordmeister, zweimal lief Fortuna-Stürmer Dodi Lukebakio den Innenverteidigern in der Schlussphase davon. In der Bundesliga hat sich mittlerweile herumgesprochen: Boateng, 30, und auch sein Nationalelfkollege Mats Hummels, 29, verlieren von Jahr zu Jahr an Geschwindigkeit. Doch wenn das Tempo der Bayern-Abwehr tatsächlich die Schwachstelle des Teams ist - wie kann es sein, dass Boateng und seine Mitstreiter immer wieder Sprintduelle eingehen müssen?

Die Antwort: Das Mittelfeld verhindert die Zuspiele hinter die Abwehr nicht. Beispiel Düsseldorf: Vor dem 2:3 darf Kenan Karaman durch das Zentrum spazieren. Weder der aufgerückte Joshua Kimmich noch Leon Goretzka stören ihn. Und Sechser Javi Martínez? Er rückt ebenfalls weit auf, ohne den Ball unter Kontrolle zu bekommen. Auch beim dritten Treffer sieht Martínez nicht gut aus. Obwohl er in der Situation Düsseldorfs Stürmer Rouwen Hennings manndeckt, gelangt er in der entscheidenden Situation nicht in den Zweikampf. Hennings kann den entscheidenden Pass auf Lukebakio spielen.

Nicht nur in der Defensive häufen sich die Fehler des Bayern-Mittelfelds. In der Vergangenheit wusste jeder Gegner: Sobald die Bayern führen, kommen wir nur noch schwer an den Ball. Noch ein Rückpass, noch ein Querpass, noch eine Spielverlagerung: Der Rekordmeister ließ Ball und Gegner laufen.

Was ist der SPIX?
    SPIEGEL ONLINE hat ein Instrument entwickelt, um die Leistung von Fußballern auch jenseits von persönlichen Eindrücken zu bewerten: den SPIX. Er basiert allein auf Spieldaten. In die Berechnung fließen die individuelle Leistung sowie die seiner Mannschaft ein. Das Besondere: Der SPIX erfasst Daten nicht einfach nur, er beurteilt ihre Relevanz und Qualität direkt mit. Details zum Modell finden Sie hier:
  • Neue Spielernoten bei SPIEGEL ONLINE: Die Vermessung der Bundesliga

Und gegen Düsseldorf? Spielte Joshua Kimmich vor dem 2:3 einen Pass auf Robert Lewandowski, der von vier Düsseldorfern umzingelt ist. Ballverlust. In der Nachspielzeit wollte Mats Hummels mit einem Pass auf Arjen Robben das Spiel beschleunigen, Robben ging gegen zwei Gegenspieler ins Dribbling. Ballverlust. Solche Fehleinschätzungen sind den Bayern in der Vergangenheit selten unterlaufen.

Nicht nur bei den Gegentreffern fehlte den Bayern die Kontrolle über das Mittelfeld. Schnelle Spielzüge durch die Zentrale? Fehlanzeige. Gerade bei der 2:3-Niederlage gegen den BVB lief fast jeder Angriff über die Außenspieler, wie die Taktiktafel des SPIEGEL zeigt. Das erleichtert dem Gegner, auf die Seiten zu verschieben und dort Bälle zu gewinnen.

Bayerns Pässe im Spiel gegen Borussia Dortmund

Dass die Bayern derzeit Probleme haben, das Mittelfeld zu dominieren, hat auch mit der Verletztenmisere zu tun. Martínez fremdelt mit seiner Rolle als spielgestaltender Sechser. Er brillierte stets dann, wenn er an der Seite eines spielstarken Kollegen den Abräumer geben durfte; so etwa im Tandem mit Bastian Schweinsteiger beim Champions-League-Sieg 2013. Als Alleinunterhalter fehlt ihm die Übersicht im Spielaufbau. Mit ihm als alleinigem Sechser verwaist das Mittelfeldzentrum.

Das belegen auch seine SPIX-Werte: Gegen Düsseldorf kam er gerade einmal auf einen Wert von 42. Der aktuell verletzte Thiago, ansonsten unter Kovac gesetzt auf der Sechs, erreicht einen durchschnittlichen Wert von 89. Mit den Langzeitverletzten Corentin Tolisso (89) und James Rodríguez (80) fehlen den Bayern zwei weitere Mittelfeldspieler, die für Ballkontrolle stehen.

Thiago wiederum ist auch nicht unumstritten. Der häufigste Vorwurf: Der Spanier spiele nur simple Querpässe, die das Spiel nicht verändern. Der Spanier passt allerdings so präzise wie kaum ein zweiter Bundesliga-Spieler. Selbst wenn seine Pässe mal keine Torchancen kreieren, sie verhindern zumindest, dass der Gegner an den Ball kommt. Die Rechnung ist simpel: Keine Ballverluste, keine Konter. Insofern ist es eine gute Nachricht für die Bayern, dass Thiago wieder auf dem Trainingsplatz steht.

Am Dienstag gegen Benfica Lissabon (21 Uhr, live im SPIEGEL-Ticker) muss Trainer Niko Kovac allerdings weiter improvisieren. Gut möglich, dass er Kimmich wieder ins Mittelfeld beruft, vielleicht auch als zweiter Sechser neben Martínez. Die Bayern benötigen einen Punkt, um sich für das Achtelfinale zu qualifizieren. Dann darf es im Mittelfeld aber keine einfachen Ballverluste geben wie gegen Düsseldorf. Denn wenn Benfica mit ähnlich viel Tempo auf Bayerns Abwehr zuläuft, dürfte dieses Mal nicht die Abwehr die Schuld erhalten - sondern allein der Trainer.

Kovac im Video: "Verhältnis zu den Spielern ist sehr gut"



insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Papazaca 26.11.2018
1. Die Analyse scheint schlüssig zu sein.
Die Probleme der Bayern jetzt auf die Abwehr zu beschränken ist sicher falsch. Oder auf Robben, weil dessen Fehlpass zu einem Tor führte. Oder Kovac für alles verantwortlich zu machen. Die Wahrheit ist: es eine Summe verschiedenster Punkte. Von Pech durch Verletzungen bis zu einer unterbesetzten Bank. Von einem freundlichen aber ziemlich unsichtbaren Sportdirektor bis zu unterlassenen Neueinkäufen. Von Spielern, die nicht auf Kovac hören. Und weil das so ist, scheint eine relative Stabilisierung in nächster Zeit gut möglich. Nur von dem eigenen Anspruch wie dem guten Spielen in der CL ist der Verein weit entfernt. Um da wieder hinzukommen muß viel passieren. Wird spannend, wie die Bayern das angehen. Mit Kahn, wie kolportiert wird? Vieles scheint möglich
Pela1961 26.11.2018
2. Kann man so sehen,
dass der Ausfall von Tolisso, James und Thiago im Mittelfeld zu Problem führt. Kann man auch so sehen, dass der Ausfall von Coman dazu führt, dass doch wieder nur Robben und Ribery die Alleinunterhalter spielen müssen. Würde man wahrscheinlich auch bei jedem anderen Verein als Erklärung (NICHT als Entschuldigung) gelten lassen. Aber ich bitte Euch - wir reden über den FC Bayern München. Der muss in den Augen der Medien und Experten natürlich einen Kader vorhalten, der die Ausfälle solcher Spieler ohne Probleme ausgleichen kann. Dann allerdings wird eifrig versucht, Feuerchen zu legen und Unruhe zu verbreiten, dass der ein oder andere auf der Bank oder Tribüne sitzt. Nein, es ist nicht alles gut gelaufen und auch nicht alles gut gemacht worden beim FC Bayern. Ganz klar sind da Fehler gemacht worden. Aber vielleicht, nur vielleicht, sollten sich alle Journalisten noch mal die Prognosen vom Anfang der Saison angucken, wo wieder Langeweile befürchtet wurde, wo der Alleingang der Bayern schon abgemachte Sache war. Ich weiß auch nicht, ob man ahnen konnte, dass die IV Boateng / Hummels auf einmal so eklatante Schwächen zeigen würde.
PARLIAMENT 26.11.2018
3. Change Back Up
Wenn man sich die SPIX – Werte anschaut so gehören die von Sandro Wagner zu den schlechtesten. Wenn also die Führung alle Spieler hinterfragen will so wäre er einer der ersten auf die man verzichten kann. Die Position des Lewandowski Backups müsste neu und hochkarätiger besetzt werden. Das wäre mal ein erster Schritt.
heinrich.busch 26.11.2018
4. Das Problem der Bayern
konnte man schon in Russland sehen und deshalb ist auch Löw eine Fehlbesetzung. Die Jungens, Kimmich, Neuer, Boateng und Hummels sind in die Jahre gekommen bzw. war noch nie wirklich erste Wahl. Währen Kovac zunächst mit denen klar kommen muß fällt Löw als uneinsichtig Wiederholungstäter auf. Dad bedeutet. Die Bayern bekommen die Kurve und mit Löw gibt es den Abstieg in die C Klasse.
pefete 26.11.2018
5. Als Ullreich
beim VfB Stuttgart war, hielt ich Ihn für einen Fliegenfänger und konnte nicht verstehen, dass die Bayern Ihn haben wollten. Dann hatte sich Neuer verletzt und Ullreich kam ins Tor. Er hat den Bayern machen Sieg gerettet und ich habe meine Meinung gerettet. Nur, warum musste er wieder Platz machen für Neuer, offensichtlich noch nicht wieder fit ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.