Aushilfsverteidiger Kimmich Bayerns Kampfzwerg

Joshua Kimmich soll die Abwehrprobleme des FC Bayern lösen. Dabei ist der 21-Jährige eigentlich Mittelfeldspieler. Gegen Juventus steht er vor seiner bislang größten Aufgabe: Er muss Turins Riesen stoppen.

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Aus Turin berichtet Sebastian Winter


Joshua Kimmich ist nur 176 Zentimeter groß, das ist schon sehr klein für einen Innenverteidiger, und genau auf dieser Position hat der 21-Jährige zuletzt beim FC Bayern München gespielt.

Am vergangen Samstag hat Kimmich dort erneut gezeigt, dass er trotz seiner Jugend über ein sehr solides Selbstbewusstsein verfügt.

Nach dem mühsamen 3:1-Erfolg gegen Darmstadt, bei dem Kimmich eine wesentlich bessere Figur gemacht hatte als sein debütierender Kollege Serdar Tasci, kam er wohlgeföhnt aus der Bayern-Umkleidekabine und sagte bezüglich des Achtelfinalhinspiels in der Champions League bei Juventus Turin am Dienstagabend (20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE): "Ich hoffe, dass ich gegen Juve ran darf."

Joshua Kimmich ist so etwas wie der neue kleine Stern im Bayern-Kosmos. Im vergangenen Sommer wechselte er vom VfB Stuttgart, der Kimmich zuvor an den Zweitligaklub RB Leipzig ausgeliehen hatte, für angeblich 8,5 Millionen Euro nach München. Nicht wenig Geld für einen, der zuvor nie in der ersten Liga gespielt hatte. Doch seither hat er 22 Pflichtspiele für die Münchner absolviert. In fünf von sechs Champions-League-Partien stand er auf dem Feld, aber nie als Innenverteidiger. Erst in den jüngsten vier Bundesligaspielen ließ Bayern-Trainer Josep Guardiola Kimmich die kompletten 90 Minuten als Abwehrspieler auf dem Platz, obwohl dieser am liebsten im defensiven Mittelfeld aufläuft.

"Kopfzerbrechen macht mir nichts"

Gegen Juventus steht Kimmich vor seiner bislang größten Bewährungsprobe im Bayern-Dress - wenn er denn spielt. Er muss in einem K.o.-Duell der Königsklasse die kopfballstarken Spieler Turins bremsen, die alle an die 1,90 Meter heranreichen, ob nun Mario Mandzukic oder Álvaro Morata; Sami Khedira, Paul Pogba und Leonardo Bonucci sind ähnlich groß. Dem kleinen Kimmich, der im 3000-Seelen-Ort Bösingen im Neckartal aufwuchs und dort das Fußballspielen lernte, flößen sie aber offenbar nur wenig Angst ein: "Kopfzerbrechen macht mir nichts", sagte er am Samstag.

Viel war zuletzt von der "Zwergenabwehr" die Rede, die die Bayern gegen Juventus aufbieten müssen. Es ist in jedem Fall eine notdürftig zusammengeflickte Defensive, ohne die verletzten Holger Badstuber, Jérôme Boateng und Javier Martínez. "Wir haben Tasci und Medhi Benatia, aber der eine ist gerade erst angekommen, der andere trainiert seit drei oder vier Tagen", sagte Guardiola am Montag. Der Winterzugang Tasci hat sich bei seinem Debüt am Samstag gegen Darmstadt auch nicht wirklich empfohlen für die schwierige Aufgabe in Turin - vor dem Führungstreffer der Gäste war er zu schlafmützig im Zweikampf.

Ein Attribut, das sicher nicht zu Kimmichs bisherigen Auftritten passt, wie auch Bayern-Kapitän Philipp Lahm fand, der gegen Turin zu seinem 100. Champions-League-Einsatz kommen dürfte. "Er macht seine Sache sehr, sehr gut. Sein Zweikampfverhalten und seine Aggressivität zeichnen ihn aus, die man auf jeden Fall braucht als Innenverteidiger. Er hat auch das Stellungsspiel sehr gut im Griff."

Bei Kopfbällen sind die Bayern im Nachteil

Guardiola hat am Montag angedeutet, dass er eine überraschende Formation aufbietet. "Wir wollen etwas Neues probieren, wir haben uns etwas anderes ausgedacht. Wegen der Qualität des Gegners, wegen unserer Abwehr." Vidal könne auch Innenverteidiger spielen, "er ist eine Option in der Abwehr", sagte Guardiola noch. Vidal neben Kimmich, das wäre denkbar, oder gar Alonso und Vidal als Innenverteidiger und Kimmich weiter vorne auf der Sechs. Oder aber Benatia kommt, allein schon wegen seiner Größe, doch noch als Innenverteidiger ins Spiel.

"Klar, wenn es um Kopfballduelle geht, um Freistöße und Ecken, haben wir ein bisschen Nachteile", sagt auch FCB-Kapitän Philipp Lahm, "aber man kann alles verteidigen. Und dann haben wir hinter uns einen, der größer als 1,80 ist, ich glaube sogar über 1,85." Er meinte Keeper Manuel Neuer und dessen 1,93 Meter.

Guardiola möchte gegen Turin offensiv spielen, viel pressen, auch, um gegnerische Standards zu verhindern. "Vielleicht ist Juventus dort die beste Mannschaft Europas", sagte der Bayern-Trainer, der dennoch Kimmich zurzeit offenbar am meisten Vertrauen schenkt in der zentralen Defensive. Kimmich muss nur aufpassen, dass er nicht ganz so forsch ist wie bei seiner Vorstellung im vergangen Juli. Da sagte er: "Ich finde es sehr schade, dass Bastian Schweinsteiger weg ist, ich denke, dass ich sehr viel von ihm hätte lernen können." Eigentlich wollte FCB-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge Schweinsteigers Wechsel nach England offiziell verkünden, doch er stand im Stau. Und Kimmich verplapperte sich dann einfach. Wie man sich eben verplappert, wenn man sich gerade ziemlich gut fühlt.

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insgesamt 20 Beiträge
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33dd 23.02.2016
1. Fabio
Cannavaro war auch nur 1,76 cm groß, hat ihm nicht geschadet.
piccolo-mini 23.02.2016
2. Ich bin sehr gespannt
wie Pep aufstellt. Wird sicher eine interessante Begegnung. Neben dem anderen heutigen Spiel, der Beginn des Ernstes in der aktuellen Champions League. Die Vorrunde ist ja ähnlich uninteressant wie die EM-Qualifikation.
nummer50 23.02.2016
3. Nationalspieler
Für mich spielt Kimmich demnächst in der N11 und wird mit zur Euro reisen.
aegtocas1992 23.02.2016
4. Juventus wird Bayern dominieren
Bayerns Zeit ist vorbei. Pep hat den Verein zerstört. Es sind nur wegen seiner Trainingsmethoden so viele Spieler verletzt. Pogba und Dybala sind bereit, Bayern eine Lektion zu erteilen.
ginotico 23.02.2016
5.
Zitat von nummer50Für mich spielt Kimmich demnächst in der N11 und wird mit zur Euro reisen.
Ähnliches wurde letztes Jahr auch zu Sebastian Rode gesagt. Fakt ist immer noch, dass Kimmich nur wegen der Verletzten spielt. Wenn die zurückkommen, sitzt er auf der Bank und spielt für die N11 keine Rolle. Auch der genannte Rode ist einer der besten deutschen Fussballer. Aber er spielt halt nicht.
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