Bayern-Verteidiger Mats Hummels Auch Weltmeister werden älter

Schwaches Zweikampfverhalten und fehlende Geschwindigkeit: Mats Hummels steht sinnbildlich für die Bayern-Krise. Will er an frühere Leistungen anknüpfen, muss er sein Spiel verändern.

Mats Hummels
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Mats Hummels

Von Tobias Escher


Seit Saisonbeginn setzt der Sender Sky Lothar Matthäus bei Bundesliga-Spielen als Co-Kommentator ein. Bislang fiel Matthäus nicht weiter auf. Meist plapperte er noch einmal nach, was der Kommentator ohnehin schon erzählt hatte. Analysen? Meinungen? Kontroversen? Fehlanzeige.

Doch Bayern Münchens 0:3-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach erweckte Matthäus zum Leben. Nachdem Mats Hummels vor dem 0:2 Gladbach-Stürmer Lars Stindl passieren ließ, zürnte der Rekordnationalspieler: "Er hat gar nichts gemacht! Er ist einfach vorbeigelaufen! Und das im eigenen Sechzehner! In so einer Position! Das ist ein Nationalverteidiger!" Man konnte die Ausrufezeichen in seiner zornerfüllten Stimme hören.

Matthäus spricht aus, was viele Fans denken. Hummels befindet sich in seiner vielleicht größten Schaffenskrise. Passen, nach vorne stürmen, vorwärts verteidigen: All das, was ihn einst zum Weltklasse-Verteidiger gemacht hat, entpuppt sich mit zunehmendem Alter als Schwachpunkt. Im Dezember feiert der Verteidiger seinen 30. Geburtstag.

Der SPIX belegt Hummels' Formkrise. In den vergangenen beiden Saisons führte er das Ranking der besten Innenverteidiger an. Diese Saison sind seine Werte schwächer. Gerade im Bereich "Balleroberung" fielen seine Werte. Das bedeutet: Er fängt weniger gegnerische Pässe ab und erobert weniger Bälle außerhalb des defensiven Drittels des Spielfeldes. Seine Werte im Bereich "Abwehrstärke" sind ohnehin traditionell niedrig, aber auch hier verschlechterte sich Hummels. In diese Kategorie zählen geblockte Schüsse sowie gewonnene Zweikämpfe im und um den eigenen Strafraum.

Tatsächlich waren die klassischen Verteidiger-Tugenden - Gegner decken, stellen, grätschen - nie Hummels' Stärke. Sein Spiel ist vorwärtsgerichtet. Hat er den Ball, geht sein Blick nach vorne, immer auf der Suche nach einer Anspielstation in der gegnerischen Hälfte. Hat der Gegner den Ball, steht Hummels allzeit bereit für Abfangaktionen. Häufig rückt er aus der Abwehr, um den Gegenspieler zu stellen. Das erklärt die hohen Werte im Bereich "Balleroberung".

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Hummels selbst bekannte einst, dass er als Trainer den Vollgasfußball eines Jürgen Klopp bevorzugen würde. Kein Wunder: Das Gegenpressing, das direkte Jagen des Gegners nach Ballverlusten, kommt seinem fußballerischen Instinkt entgegen. Hier wird von ihm gefordert, herauszurücken und aktiv nach vorne zu verteidigen.

Seit Hummels bei den Bayern in einem ballbesitzorientierteren Team spielt, hat er seinen Stil zwar etwas angepasst. Doch auf das Verteidigen nach vorne kann und will er nicht verzichten. Das führte auch in der DFB-Elf zu Problemen. Während der Weltmeisterschaft in Russland kritisierte Hummels öffentlich Joachim Löws Taktik. Es fehle die Absicherung hinter dem Ball. Kein Wunder: Das Herausrücken wird umso gefährlicher, je weniger Spieler sich an der Defensive beteiligen. Bei der 0:1-Niederlage gegen Mexiko verschuldete er durch zu naives Herausrücken das entscheidende Gegentor.

Auch bei den Bayern sorgt dieser Vorwärtsdrang für Probleme. Trainer Niko Kovac möchte, dass seine Mannschaft weit aufrückt. Die Mittelfeldspieler und die Außenverteidiger sollen in der gegnerischen Hälfte stören, die Verteidiger dahinter absichern. Den Gegner nur stellen, nicht immer aber attackieren - das ist nicht das Spiel von Hummels.

Mats Hummels, 7. Spieltag

Seine schwachen Leistungen einzig auf das taktische Umfeld zu reduzieren, griffe allerdings zu kurz. Mit den Jahren verlor er an Spritzigkeit und Geschwindigkeit. Beim Herausrücken fehlen die entscheidenden Zehntelsekunden. Hummels verpasst häufiger den richtigen Zeitpunkt für den Zweikampf - siehe sein fallender SPIX-Wert im Bereich "Balleroberung".

In der "SportBild" war zu lesen, Hummels stehe deswegen bei den Bayern intern in der Kritik. Kovac störe sich an der mangelnden Geschwindigkeit des Weltmeisters. Inwiefern solche Interna stimmen, lässt sich kaum seriös überprüfen. Die "SportBild" schreibt weiter: Schon im Pokalfinale hätte Kovac seine mangelnde Geschwindigkeit erkannt, damals noch als Frankfurter Trainer. Tatsächlich spielte seine Eintracht damals die Mehrheit ihrer langen Bälle auf die Seite von Hummels. Beim 2:0 sprintete Ante Rebic einfach an ihm vorbei.

Hummels steht vor derselben Frage wie die gesamte alternde Bayern-Mannschaft. Fehlt ihm nur die Form? Wie lange kann er seine einstigen Stärken konservieren? Oder muss er sich als Verteidiger noch einmal neu erfinden? Seine Pässe, seine Technik, seine Antizipation: Als Innenverteidiger bringt er auch jenseits der 30 alle Anlagen mit, um weiterhin auf hohem Niveau zu spielen. Doch er wird sein Spiel stärker zuschneiden müssen auf seine sinkende Geschwindigkeit.

Er wird auch nicht daran vorbeikommen, seine Verteidigungsarbeit im eigenen Sechzehner zu verbessern. Ansonsten darf er sich auf weitere Wut-Arien von Matthäus einstellen - und vielleicht auch von seinem Trainer.

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
stupsi2 09.10.2018
1. Der Loddar
erzählt zwar oft lustige Sachen, aber hier hat er recht!
stoffi 09.10.2018
2. steimmt genau
und nicht nur Hummels bewegt sich inzwischen wie ein ,, alter Mann" Besonders bei Boateng fällt das mit auf und auch andere alternde Spieler des FCB und der Nationalelf haben diese Anzeiichen.
Fackel 09.10.2018
3. Seltsam.
Da ist Mats Hummels gerade mal ein Jahr älter geworden und innerhalb dieses einen Jahres soll er aber plötzlich vom Geparden zur Schnecke mutiert sein?
werhaettedasgedacht 09.10.2018
4. nicht nur die beiden
Zitat von stoffiund nicht nur Hummels bewegt sich inzwischen wie ein ,, alter Mann" Besonders bei Boateng fällt das mit auf und auch andere alternde Spieler des FCB und der Nationalelf haben diese Anzeiichen.
Robben halte ich für gedopt der rennt mir nach 80 Minuten einfach zu schnell, Ribery rennt 10 Minuten rauf und runter legt dann 10 Minuten lang eine Verschnaufpause ein Boateng ist nur noch langsam Hummels ebenso leider haben beide nicht die Fußballerische Intelligenz um ihr Spiel EFEKTIV ZU Gestalten so wie Beckenbauer zum Beispiel oder Lothar
ptb29 09.10.2018
5. Ein selbstkritischer Hummelts
würde zugeben, dass er inzwischen zu langsam ist. Die Stürmer sind schon ein paar Meter weg, bevor er eine Drehung gemacht hat.
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