Bayern-Aus in der Champions League "Das tut in zehn Jahren noch weh"

Niedergeschlagen und verbittert: Das Aus in der Champions League lässt die Bayern-Spieler frustriert zurück - und Thomas Müller fragt sich, warum die Mannschaft in entscheidenden Spielen stets mit individuellen Fehlern patzt.

AFP

Aus Madrid berichtet Florian Kinast


Bei der Ankunft gab es Standing Ovations. Als Jupp Heynckes und seine Spieler zum Bankett im Festsaal des Hotels Plaza España Design eintrafen, erhoben sich die geladenen Gäste und spendeten eifrig Applaus.

"Wir haben das beste Spiel der letzten fünf Jahre mit Bayern München in der Champions League gesehen", sagte Klubchef Karl-Heinz Rummenigge in seiner traditionellen Rede: "Wir hatten Real am Abgrund. Das einzig Traurige ist, dass wir es nicht geschafft haben, sie in den Abgrund hineinzustürzen."

Die Spieler saßen auch gut zwei Stunden nach Abpfiff des bitteren 2:2 (1:1) mit hängenden Köpfen an den Tischen. Thiago kaute etwas lustlos auf einem Stück Brot, Mats Hummels stierte auf seinen Teller, Thomas Müller kauerte zwischen Sandro Wagner und Sven Ulreich, irgendwo fanden sich auch die extra eingeflogenen Verletzten Arjen Robben und Jérôme Boateng wieder. Die Stimmung waberte zwischen Niedergeschlagenheit, Ernüchterung, Verbitterung. Trösten konnte die Spieler des FC Bayern in dieser Nacht nichts und niemand. Mats Hummels sagte: "Das Spiel wird in zehn Jahren noch wehtun."

Fotostrecke

11  Bilder
Champions League: Wenn zwei Tore in Madrid nicht reichen

So überlegen waren die Münchner nun auch im Rückspiel, und doch reichte es nicht. Im fünften Jahr hintereinander scheiterten die Bayern an einem Klub aus Spanien, das ist Europarekord. Viermal im Halbfinale, einmal im Viertelfinale, dreimal an Real. "Wir waren so nah dran, ins Finale einzuziehen", sagte Hummels noch vor der Abfahrt aus dem Stadion ins Hotel. "Es fühlt sich an, als hätten wir das verdient gehabt. Gefühlt haben wir auch das ganze Spiel im Sechzehner von Real verbracht. Aber wir haben zu wenig Chancen kreiert. Und die, die wir hatten, haben wir nicht genutzt."

Es kam aber noch mehr dazu als die erneut mangelhafte Abschlussschwäche. Wieder profitierte Real von einem groben individuellen Fehler: Im Hinspiel der grausame Fehlpass von Rafinha, nun im Rückspiel die verunglückte Rückgabe von Corentin Tolisso und der schlimme Aussetzer von Sven Ulreich, beide Patzer hatten jeweils das 2:1 für Madrid zur Folge. "Da kam auch Unvermögen dazu", sagte Hummels, "und wenn man solche Fehler gegen Real macht, dann ist das Unvermögen."

Und Unvermögen hatten die Bayern gerade in den entscheidenden Spielen seit 2013 immer wieder gezeigt, daran erinnerte auch Müller. Genau die Kleinigkeiten, die Duelle gleichwertiger Mannschaften entscheiden. "Immer wenn wir ausscheiden, haben wir uns individuelle Fehler geleistet. Ob verschossene Elfer oder Rote Karten oder so wie jetzt."

Thomas Müller
AFP

Thomas Müller

Müller spielte auch auf sich selbst an, als sein Strafstoß 2016 im Halbfinal-Rückspiel gegen Atlético Madrid ebenso erfolglos war wie der von Artúro Vidal 2017 im Viertelfinal-Hinspiel gegen Real. Beide Male beim Stand von 1:0. Oder Vidals Platzverweis 2017 im Rückspiel bei Real, als er zwar eine unberechtigte zweite Gelbe Karte kassierte - aber nach groben Fouls in mehreren Situationen zuvor schon vom Platz fliegen hätte können. Und nun erst Rafinha in München und dann Tolisso und Ulreich in Madrid im Doppelpack.

Ob die Bayern wirklich ein Problem haben, in diesen großen Partien mit Druck umzugehen? Die spielentscheidenden Schnitzer ziehen sich jedenfalls wie ein roter Faden durch die letzten Jahre. "Es ist schon extrem bitter, wenn man sieht, wie man gescheitert ist. Das verbessert nicht die Laune. Man fragt sich schon, warum immer in diesen Spielen diese Dinge passieren", sagte Müller.

Real Madrid nahm diese Dinge auch diesmal wieder dankend an, da konnte man wie Toni Kroos bester Laune zugeben: "Bayern war über beide Spiele die bessere Mannschaft." Auch Zinédine Zidane schwärmte: "Bayern hat fantastisch gespielt, phänomenal." Und Abwehrchef Sergio Ramos sprach von "sehr, sehr starken Bayern". Der Gegner ist leicht zu loben, wenn er sich so anstellt und einem zwei Tore schenkt.

Fotostrecke

13  Bilder
Einzelkritik FC Bayern: Wo war Lewandowski?

Hummels erzählte später, Kroos habe nach Abpfiff noch auf dem Feld zu ihm gesagt: "Nicht wir haben gewonnen, ihr habt euch das selbst zuzuschreiben." - "Und da hat er leider recht damit. Vielleicht dreht es sich ja auch mal um, und wir reden nächstes Jahr darüber, dass der Gegner 18-mal Latte und Pfosten getroffen hat, und wir nicht wissen, wie wir weitergekommen sind." Dafür bräuchten sie mal wieder den schon fast in Vergessenheit geratenen "Bayern-Dusel". Ein Begriff, der aus der Mode gekommen ist - zumindest im internationalen Geschäft der Champions League.

So beschlossen die Münchner diesen Abend zermürbt und ernüchtert. Mit der Aussicht auf die neue Saison, die quälenden Vorrunden-Gruppenspiele gegen wenig lukrative und fordernde Gegner sagte Müller trocken: "Das Bittere ist, dass jetzt der ganze Schmarrn wieder von vorn losgeht."



insgesamt 191 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
peterw 02.05.2018
1. Selbstkritik?
Über Ulreichs Fehler würde keiner mehr sprechen, hätten Lewi und Müller mal eine ihrer gefühlten 100 Chancen verwandelt. Im Sturm hatte Bayern außer Ribery keine Weltklasse.
Orthoklas 02.05.2018
2. Auf den Punkt
Müller und Hummels haben absolut recht! Vielleicht liegt das Unvermögen, solche Spiele zu gewinnen, daran, dass alle die Hosen gestrichen voll haben gegen Real. Das hemmt. Bayern braucht Kahns berühmte Eier und einen echten Leader. Das fehlt wirklich. Schade für Jupp! Mir graut es schon vor der nächsten Saison, wenn Kovac am Ruder sitzt...
Barças Superstar 02.05.2018
3. Historische Begegnung
Der Schiedsrichter war tadellos, Rummenigge schwach. Spüle dürfte sich sein WM Ticket gesichert haben. 5 vergebene Riesenchance wiegen schwerer als der Abwehrpatzer zum 2:1. Man konnte sehen, dass zwischen den beiden Mannschaften und der Bundesliga ein Klassenunterschied besteht.
joes.world 02.05.2018
4. Und wieder war Bayern die besserer Mannschaft. Wie im Hinspiel auch
Aber den Bayern fehlt ein Stürmer von Weltformat. Lewandowsky ist hervorragend für die Bundesliga. In den großen Spielen gegen die großen Mannschaften werden ihm aber dann die Grenzen aufgezeigt. Enweder stehen Müller und er sich gegenseitig im Weg, oder er ist bei schnellem Spiel, schneller als er es aus der Bundesliga gewohnt ist, einfach überfordert.Dann die größte Hoffnung auf das Herausholen eines Elfers setzen - wie erbärmlich. Es fehlt ein Weltklasse-Stürmer fürchterlich. Wäre die Philosophie der Bayern nicht, allen anderen Mannschaften in der Bundesliga die besten Spieler wegzukaufen, sondern sich international besser umzusehen - wäre in der Liga eine höhere Dichte gegeben und die Bayern würden, ähnlich in Spanien und England, hohes Niveau auch in der BL trainieren können. Das Bayern-Modell schadet nicht nur der BL international, am Ende schadet es auch ihnen selber. Bei Real ist aber auch nicht alles bestens. Ronaldo hat sich nun schon drei Championsleaguespiele abgemeldet. Gegen Bayern und das Rückspiel gegen Turin. Nur den Elfer zu verwandeln und sonst gar nichts, nicht mal Einsatz - ist für einen wie ihn mehr als mau. Schont der Portugiese sich schon für die WM? Aber dafür sprang Benzema ein. Warum Zidane ihn ausgewechselt hat, wenn er voller Selbstvertrauen ein herausragendes Spiel macht, ist für mich nicht nachvollziehbar. Und wieso bringt Bale es nicht mehr wie noch vor zwei, drei Jahren, was ist da passiert? Und hat Real wirklich niemanden, der schnelle Konter spielen kann? Auchwenn die Bayern weinen, das Mitleid hält sich mit den Multimillionärenin Grenzen. Am Ende sind sie das Tempo von Weltklassemannschaften einfach nicht gewohnt. Und für den objektiven Zuseher, der einfach guten Fußball sehen will, war das gestern ein spannendes, offensives Spiel, Werbung für den Fußball. Hoffentlich wird das Finale genau so. Dann darf es ruhig mehr als 120 Minuten dauern.
kaiservondeutschland 02.05.2018
5. Real verliert keine knappen Spiele
Der Autor ist Bayern-fixiert. Er lässt aber das Phänomen Real außer Acht. Real ist ein Monster, das noch nie ein Spiel knapp verloren hat. Warum sollte das dann gegen Bayern passieren? Ich bin Atlético Fan und kann ein Lied davon singen. Entweder man gewinnt gegen Real deutlich oder eben gar nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.