Bayern-Abwehr Vier für die Vier

In der Innenverteidigung hatte Bayern-Trainer Carlo Ancelotti bisher wenig Auswahl. Das ändert sich: Vier Spieler bewerben sich künftig um die zwei Plätze in der Zentrale, und nur einer kann sich derzeit sicher sein.

AFP

Von


Das Spiel bei 1899 Hoffenheim wird Niklas Süle wohl so schnell nicht vergessen. Es ist das rasche Wiedersehen mit dem Verein, den er im Sommer in Richtung Bayern München verlassen hat, dem Verein, in dem er zum Nationalspieler wurde. Süle dürfte den Wechsel bisher nicht bereut haben, er machte beide Ligaspiele von Beginn an mit, im ersten Spiel gegen Bayer Leverkusen erzielte er gleich ein Tor, es war auch noch das erste der Bundesligasaison. Es lief gut für den Neubayern seit seinem Wechsel - und: Beim Rekordmeister darf er die Nummer vier tragen, die traditionelle Rückennummer der Innenverteidiger.

Doch jetzt geht es gegen Hoffenheim (Samstag 18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky), und die Partie gegen seinen Ex-Klub könnte das letzte Spiel des Startelfspielers Süle sein.

Bislang hat er in der Abwehrzentrale gemeinsam mit Mats Hummels verteidigt, beide haben gut harmoniert, das Duo hat sich allerdings auch selbst aufgestellt, da die Konkurrenz angeschlagen fehlte. Das wird künftig anders: Sowohl Javi Martínez als auch Jérôme Boateng kehren wieder in den Kader zurück, Martinez jetzt schon, Boateng in der kommenden Woche. Wenn es normal läuft, dürfte Süle dann den Status bekommen, den ihm ohnehin die meisten vor der Saison zugeschrieben haben: Ergänzungsspieler.

Boateng muss um seinen Status bangen

Boateng und Hummels - das ist das Duo, das man aus der Nationalmannschaft mittlerweile seit Jahren gewohnt ist, es ist immerhin die Innenverteidigung, die in Brasilien den WM-Titel geholt hat. Beim Weltmeister Deutschland sind die beiden folgerichtig gesetzt. Aber dies ist der FC Bayern.

Der Kader des Meisters ist groß und opulent, es gibt für Trainer Carlo Ancelotti unterschiedliche Optionen für die meisten Positionen, und das gilt auch für die Vier. Wenn man ein Ranking für das aktuelle Innenverteidiger-Quartett aufstellen sollte, dann gäbe es derzeit nur Klarheit über die Nummer eins. Mats Hummels steht aktuell jenseits jeglicher Diskussion: Zu souverän, zu selbstverständlich dominant ist der frühere Dortmunder in die Spielzeit gestartet. Hummels hat bei den Bayern nach einem Jahr fast schon das Standing erreicht, das er beim BVB hatte. Einer, der führt. Er hat das in der Vorwoche eindrucksvoll bei der Nationalmannschaft bewiesen.

Dahinter aber herrscht purer Wettbewerb. Und Boateng ist unter Ancelotti längst nicht mehr so unangreifbar wie in den Spielzeiten zuvor. Boateng, der Coole, der Stylische, den nichts in der Abwehr aus der Ruhe bringt, der seine Beine überall hat - kurz, der Boateng der Jahre 2014 bis 2016, hat in der Vorsaison ein bisschen die Linie verloren. Es gab den Rüffel von Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der den Nationalspieler "back to earth" wünschte. Es gab ein paar unglückliche Abwehraktionen, plötzlich war sein Stammplatz nicht mehr naturgegeben, im Pokalhalbfinale gegen Dortmund saß er eine Stunde lang nur auf der Bank, nach seiner Einwechslung drehte der BVB die Partie.

Fotostrecke

7  Bilder
Fotostrecke: Unbestechlich: Der neue Spielerindex für die Bundesliga

Im Sommer waberten Gerüchte, der Nationalspieler erwäge einen Wechsel nach England. Das war zwar am Ende nur eine Nebelkerze. Das Bemerkenswerte daran war aber, dass man sich überhaupt vorstellen konnte, Boateng könnte die Bayern verlassen. Ein Jahr zuvor undenkbar.

Fotostrecke

5  Bilder
Fotostrecke: Vierer mit Steuermann

Martinez genießt hohe Wertschätzung

Martinez hingegen genießt auch unter dem neuen Coach höchste Wertschätzung. Der Spanier ist allerdings verletzungsanfällig, immer wieder seit seiner Verpflichtung 2012 muss er Zwangspausen einlegen. Damals kam er für 40 Millionen Euro aus Bilbao, das war 2012 eine Rekordsumme. Fünf Jahre ist er jetzt schon bei den Bayern, und er hat erst 87 Ligaspiele gemacht, maximal möglich gewesen wären 172. Wenn er fit ist, ist er ein Muster an Zuverlässigkeit, ein leiser Profi, der seine Arbeit verrichtet, ob im defensiven Mittelfeld oder eben eine Stufe dahinter, in der Deckung. Martinez muss niemand zurück auf die Erde schicken.

In diesem Konkurrenzkampf hatte Holger Badstuber, über Jahre Hoffnungsträger und verletzungsgeplagter Pechvogel gleichermaßen bei den Bayern, keine Chance mehr. Er hat den Verein mittlerweile verlassen, spielt jetzt beim VfB Stuttgart, an seiner Stelle ist nun Süle da und nimmt den Wettbewerb auf. Der 21 Jahre alte Nationalspieler hat einen Trumpf in der Hand: Er ist jung. Das ist nicht unbedingt das Argument, das Ancelotti überzeugt, für den eher Erfahrung ein Wert ist. Aber der Italiener wird nicht ewig bei den Bayern bleiben, und Süle hat die Zeit auf seiner Seite.

Hummels, Martinez, Süle, Boateng - vier Top-Leute für nur zwei Positionen. Man kann das natürlich als ein Problem für den FC Bayern beschreiben. Aber es ist in Wirklichkeit ein weiteres Problem für den Rest der Liga.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mister Stone 09.09.2017
1.
Ich sehe Martinez nicht in der Startelf. Er ist im Defensiv-Zweikampf sehr stark, aber im Passspiel nicht so sicher wie seine Konkurrenten. Ein Unsicherheitsfaktor, wenn die Mannschaft "hoch steht" - und das tut sie fast immer.
schwaebischehausfrau 09.09.2017
2. Klare Hierarchie..
Ein Boateng in Normalform ist eigentlich gesetzt - auch aufgrund der millimetergenauen langen Pässe in die Spitze, die er schlagen kann. Daneben sollte auch Mats Hummels unstrittig sein. Javi Martinez sollte erste Wahl sein als zentraler Mittelfeldspieler, wenn man eine defensivere taktische Variante wählt (was leider schon seit Beginn der Guardiola-Jahre fast nicht mehr der Fall ist). Dann ist Martinez als Abräumer eher noch wertvoller als Vidal (Tolisso lässt sich noch schwer einschätzen).
DerDifferenzierteBlick 09.09.2017
3. @schwaebichehausfrau: Ihnen stimme ich zu, dem Artikel nicht!
Boateng steht in der Startelf - wenn er fit ist. Dass über ihn überhaupt eine Diskussion stattfindet, ist schon erstaunlich. Boateng war von 2014-16 einer der besten - wenn nicht der beste - Innenverteidiger der Welt. Dann hat er sich im Sommer 2016 einen Muskelbündelriss zugezogen und fiel mehrere Monate aus. Insgesamt hat er sich seit letztem Sommer 8x verschiedene Verletzungen zugezogen - darunter 3x schwere - und hat daher große Teile der Saison verpasst. Dass er dann jeweils nicht sofort wieder in Topform ist, ist vollkommen klar. Wenn ein Weltklassespieler als klare Nummer 1 auf seiner Position eine Zeit lang verletzt war und er aktuell noch nicht (!) wieder spielt, dann finde ich eine Diskussion darüber (in den Medien), ob dieser Spieler überhaupt wieder in der Startelf stehen sollte, völlig abwegig. Vor allem, wenn seine Konkurrenten Martinez und Süle heißen. Wie wäre es, mal ein paar Wochen zu warten und zu sehen, wie er sich wieder einspielt? Auch die Diskussion über einen Wechsel gab es nie - außer in den Medien. Weder von Seiten des Spielers, noch des Vereins. Hätte auch keinen Sinn gemacht. Und vorstellbar war es schon gar nicht. Die Äußerung von Rummenigge im letzten Jahr war natürlich dämlich, ist aber auch aus dem Zusammenhang gerissen (es ging um Marketingtermine) und völlig überbewertet worden (davon leben natürlich die Medien). +++ Hummels hat eine sehr starke Saison gespielt und ist daher natürlich gesetzt. Martinez ist zwar physisch und als Abräumer sehr stark, hat dafür aber deutliche Schwächen in der Spieleröffnung (Boateng kann man da wohl als Weltklasse bezeichnen) und ist ziemlich langsam, was gegen Topmannschaften ein ernstes Problem darstellt (Boateng ist dagegen einer der schnellsten IVs der Welt). Zudem hat Martinez sich zuletzt in jedem Jahr in wichtigen Spielen schwere Abwehrfehler geleistet (zuletzt im Pokal im April gegen Dortmund, wo er den Führungstreffer der Dortmunder verschuldete). Süle ist noch sehr jung und recht unerfahren, aber dafür schon erstaunlich stark - auch in der Spieleröffnung. +++ Ich sehe Martinez ebenfalls eher als Abräumer im defensiven Mittelfeld, wo sein Geschwindigkeitsdefizit nicht ganz so auffällt. In der Innenverteidigung würde ich aktuell hinter Hummels und Boateng lieber Süle sehen, auch weil der sich natürlich noch weiterentwickeln kann und soll.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.