FC Bayern in der Krise Ohne Plan, ohne Ideen, ohne "Wadlbeißer"

Die Heimblamage gegen Gladbach offenbart akute Schwächen beim Deutschen Meister. Welchen Anteil Trainer Kovac an der Misere hat, was der Mannschaft fehlt und welche Rolle die Klub-Bosse spielen - der Überblick.

Niko Kovac (l.), Hasan Salihamidzic, sauer, Bier
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Niko Kovac (l.), Hasan Salihamidzic, sauer, Bier

Von Florian Kinast, München


Der Witz lag nahe, als sich am Samstagabend die Nachricht verbreitete, dass Jupp Heynckes unlängst seine Handynummer gewechselt habe. Warum? Na klar, natürlich damit ihn Uli Hoeneß nicht mehr erreichen kann. Nein, Heynckes wird definitiv nicht nach München zurückkehren, außerdem hätte Hoeneß ja notfalls auch die Festnetznummer seines alten Freundes auf dessen Bauernhof am Niederrhein. Und abgesehen davon, was macht eigentlich gerade Ralph Hasenhüttl?

Nach vier sieglosen Spielen steht ganz realistisch die Frage im Raum: Wie viel Kredit hat Niko Kovac noch, wie oft darf er noch verlieren? Welchen Anteil hat er daran, dass die Auftritte dazu immer desaströser werden, die Mannschaft von Spiel zu Spiel lebloser wirkt? Und was müssen sich die Klub-Bosse Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß ankreiden lassen?

Bei genauerer Betrachtung hat die Meisterkrise drei Ursachen: Der Trainer. Die Bosse. Die Spieler.

"Ich kenne die Mechanismen im Fußball, in der Bundesliga und bei Bayern."

Nach dem Spiel wurde Kovac bei der Pressekonferenz bereits gefragt, ob er um seinen Job fürchte: "Das kann ich nicht beantworten", erwiderte er. "Ich kenne die Mechanismen im Fußball, in der Bundesliga und bei Bayern. Ich weiß, dass ich beim FC Bayern bin und die Zeit hier anders läuft als vielleicht anderswo. Wir haben es sieben Spiele gut gemacht und vier nicht. Wir haben gezeigt, dass wir es können."

Was Kovac aber bislang eben nicht gezeigt hat: Dass er die Bayern auch aus einer schlechten Phase herausführen kann. Als es gut lief, war es einfach. Ein Selbstläufer zu Saisonbeginn. Lächelnd konnte der Trainer etwa Grummeleien von Arjen Robben oder Franck Ribéry bei Auswechslungen oder Ersatzbank-Nominierungen wegmoderieren. Der Erfolg gab ihm recht. Doch jetzt? Vor und nach dem Debakel gegen Gladbach wehrte sich Kovac erneut gegen den Vorwurf, er sei ratlos. Stimmt. Statt Ratlosigkeit wirkte es gerade am Samstag vielmehr wie Planlosigkeit.

Nach dem frühen Rückstand schien auch ihm die große Idee zu fehlen, wie das Spiel noch zu drehen sei. Kovac stand eher beobachtend vor der Trainerbank, nahm immer wieder einen Schluck Wasser aus der roten Trinkflasche vor ihm, manchmal beriet er sich mit den Co-Trainern, Bruder Robert und Peter Hermann. In einigen Unterbrechungspausen hätte er auch Gelegenheit gehabt, die Spieler zu sich zu holen, sie anzufeuern und mitzureißen, stattdessen diskutierte er in diesen Momenten meist mit dem Vierten Offiziellen und dem Linienrichter.

Manchmal kommen Teams ja auch wie ausgewechselt aus der Halbzeitkabine, mit neuem Mut. Doch das war weder beim Remis gegen Ajax noch gegen Gladbach zu sehen.

Überalterter Kader

Die Frage, ob Kovac noch viel Bonus bei den Bayern-Bossen hat, befeuerte Uli Hoeneß unter der Woche, als er, angesprochen auf die Rotationen des Trainers sagte: "Das ist Sache des Trainers, der muss das entscheiden. Am Ende muss er ja auch den Kopf dafür hinhalten." Seinen Kopf muss Hoeneß freilich ebenso wie Karl-Heinz Rummenigge hinhalten, wenn es um die Kaderplanung geht.

Die vergangenen vier Partien und vor allem das Spiel gegen Gladbach haben die Schwachstellen gnadenlos offenbart. Etwa in der Offensive: Über die Flügel läuft bei den beiden Altstars gerade gar nichts mehr. Weder Arjen Robben noch Franck Ribéry können sich noch durchsetzen, und auch der junge Hoffnungsträger Serge Gnabry, zu Saisonbeginn von Leihverein Hoffenheim zurückgeholt, war gerade am Samstag völlig überfordert. Auch die Defensive schwächelt enorm.

Mats Hummels sprach am Samstag die beiden Pleiten Ende letzter Saison an, das bedeutungslose, aber unschöne 1:4 gegen Stuttgart am 34. Spieltag und eine Woche später das schmerzhafte 1:3 gegen Frankfurt im Pokalfinale. Alarmzeichen, die auch im Sommer in der Führungsetage zu Gedanken hätten führen können, ob der Kader so reicht. Ob er nicht doch zu alt wird und ein Umbruch ansteht. Doch groß investiert wurde nicht. Leon Goretzka kam aus Schalke. Gnabry und der ausgeliehene Renato Sanches. Das war's.

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Dafür wurden Spieler verkauft. Wie beispielsweise Arturo Vidal. Der Chilene war gewiss sehr launisch in seinem Auftreten und lieferte viel Durchschnitt ab und oft nicht mal das. Doch Vidal war ein Typ, der ein Spiel alleine drehen konnte, wenn es nicht lief. Einer, der die Kollegen auf dem Platz mitriss. Ein Einpeitscher, ein Wadlbeißer.

Und genauso ein Spieler fehlt gerade. Einer, der auch mal dreckig kann, den Gegner einschüchtert. Einer wie früher auch Effenberg oder Ballack. Aber jetzt? Müller? Thiago? James? Hummels oder Boateng? Wer denn? Sie haben keinen.

Für Rummenigge und Hoeneß sollten die vergangenen zwei Wochen ein mahnender Hinweis sein, in der nächsten Transferperiode im Winter doch mal wieder ans Festgeldkonto zu gehen und ordentlich einzukaufen. Bis dahin, am besten gleich nach der Länderspielpause, muss Kovac schleunigst liefern und schnell die Wende schaffen. Und wenn nicht? Kovac weiß ja, dass die Zeit in München anders läuft. Und seine dann bald ab.



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wolleb 07.10.2018
1.
Sehe ich auch so. Wenn man International in der Spitze mitspielen will, muss man auch jedes Jahr ein oder Zwei Weltstars kaufen, und keinen Goretzka. Wenn man das nicht will, muss man sich eben damit abfinden, dass man auf höchster Eben nicht mehr mithalten kann. Dann ist es auch egal wer Trainer ist. Selbst gegen eine Durchschnittsmannschaft wie Ajax reicht es dann nicht mehr. Geld auf der Bank gewinnt nun mal keine Spiele.
ge1234 07.10.2018
2. Alles richtig...
... jedoch ist Kovac der Trainer, also der, der den Takt und die Richtung vorgibt, der seinen Kaderwunsch äußert und seine Spielidee formuliert. Offensichtlich kam/kommt da aber nichts. Deutlicher als Hummels, Kimmich und auch Robben kann man es nicht mehr formulieren, dass Kovac weder einen Plan noch irgendwelche Ideen hat. Alleine wenn ich schon wieder höre, dass sich Spieler über die niedrige Trainingsintensität beschweren.Davon abgesehen konnte man es gegen Ajax und sehr deutlich auch gestern gegen Gladbach sehen, im zentralen Mittelfeld, dort, wo eigentlich Ideen geboren werden, wo die Offensive gelenkt wird, herrscht bei den Bayern wie schon unter Ancelotti ein großes Loch. Warum spielt nicht ein Martinez als Abräumer vor der Abwehr, wodurch ein Thiago für die Kreativaufgaben frei wird? Was hat ein James auf Linksaußen zu suchen, wo er doch bisher im zentralen Mittelfeld hinter den Spitzen DIE kongeniale Schnittstelle im Spiel der Bayern nach vorne war? Warum werden bei einem 0:2 Rückstand (!) zur Halbzeit (!) zwei Stürmer (!) ausgewechselt? Warum bleibt stattdessen ein Goretzka, der erkennbar nicht mit dem Niveau seiner Mitspieler mithalten kann und gestern mal wieder heillos überfordert war, stattdessen weiterhin im Spiel? Warum beginnt ein Gnabry nicht von Anfang an? Mangels Klasse? Warum hat man dann nicht vor der Saison andere Alternativen für die Außenbahn verpflichtet? Wie kann man in eine Saison mit drei Wettbewerben mit nur drei Spielern für beide Außenverteidigerpositionen gehen? All diese Fragen hat alleine Kovac zu ver- und beantworten und sonst niemand!
hefe21 07.10.2018
3. Pfeffriger Wadlbeisser
"Bis dahin, am besten gleich nach der Länderspielpause, muss Kovac schleunigst liefern und schnell die Wende schaffen. Und wenn nicht? Kovac weiß ja, dass die Zeit in München anders läuft. Und seine dann bald ab." Heisst Kinast jetzt Django und nicht mehr Florian? Und ist er jetzt kein Sportschurnalist mehr sondern Analyst bei Lieferandoo oder gar Wadlbeisser-Vereinsvorsitzender? Auf jeden Fall liest es sich wie: he, du Berliner Frankfurter, du weisst nicht worauf du dich hier eingelassen hast, dann wirds Zeit, dass Dir das ein Münchner Wadlbeisser mal in das Selbige zwickt! Und bange Frage, ist das noch der Flori aus AZ-Zeiten oder haben wir überhaupt neue Zeiten? Das wirds wohl sein.
charly2708 07.10.2018
4. Das Erschreckende ...
... aus Bayernsicht ist wohl, dass Gladbach das ganz locker runterspielen konnte ohne viel investieren zu müssen. Die Gladbacher sahen nicht so aus, als hätten sie sich wer weiß wie verausgaben müssen. Wie auch immer. Mich als Gladbach-Fan freut es um so mehr, dass es kein glücklicher Duselsieg war, sondern hochverdient...
Schlaflöwe 07.10.2018
5. Tayfun Korkut ist gerade frei geworden
und der hat mit dem VfB in der letzten Saison eine grandiose Rückrunde geliefert.
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