Bayerns Remis gegen Ajax In Schockstarre

Remis im Heimspiel gegen Ajax, insgesamt drei sieglose Partien in Folge: Die Bayern sind alarmiert und suchen vergeblich nach Erklärungen für die erneut desolate Leistung. Auch Trainer Niko Kovac wirkt ratlos.

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Von Florian Kinast, München


Und dann hatte auch Louis van Gaal noch seinen Auftritt. Der Mann, der von 2009 bis 2011 Bayern-Trainer war und in dieser Zeit immer wieder Probleme mit Uli Hoeneß hatte. Wie denn sein Wiedersehen mit dem Bayern-Präsidenten gewesen sei, wurde van Gaal auf dem Weg aus dem Stadion gefragt. "Sehr warm, ich habe ihn umarmt", sagte der 67-Jährige lächelnd und schob hinterher: "Dass wir damals nicht miteinander konnten, gut, das ist das Leben."

Louis van Gaal im Interview
AFP

Louis van Gaal im Interview

Zuvor war Hoeneß mit versteinerter Miene durch den Kabinentrakt geschlichen. Das lag allerdings weniger an der Begegnung mit dem Niederländer van Gaal, der im Umgang durch ein enormes Selbstbewusstsein durchaus kompliziert sein kann. Nein, dieses Treffen konnte der Klub-Boss verschmerzen. Was Hoeneß nicht ertrug, war die desolate Darbietung des FC Bayern an diesem tristen Dienstagabend.

"Ein glückliches Unentschieden"

Das einzig Gute beim 1:1 gegen Ajax Amsterdam war, dass die Münchner das Spiel nicht verloren und zumindest einen Punkt gerettet hatten. "Ein glückliches Unentschieden", sagte Joshua Kimmich später, und auch Trainer Niko Kovac sprach von einem "gewonnenen Punkt".

Ansonsten herrschte: Ratlosigkeit, gar Fassungslosigkeit. Fast schon in einer Art Schockstarre suchten Spieler und Verantwortliche nach Erklärungen. Vergeblich. Die Bayern kennen sich gerade selbst nicht mehr. Sie sind sich fremd geworden.

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Champions League: Schon wieder sieglos

Zehn Tage zuvor hatte der deutsche Rekordmeister noch souverän auf Schalke gewonnen. 2:0, der siebte Sieg im siebten Pflichtspiel, die Bayern konnten vor Kraft kaum mehr laufen. Im Vergleich dazu humpeln sie jetzt. Nach dem 1:1 gegen Augsburg, dem 0:2 in Berlin und nun dem missratenen Heimdebüt in der Champions League kommt allmählich Alarmstimmung auf in München.

Auch die Spieler selbst verstanden es nicht, warum sie die Begegnung nach dem Kopfballtor durch Mats Hummels nach vier Minuten hergeschenkt hatten. Es gab Zeiten, da war so eine frühe Führung schon die Entscheidung. Der FCB spielte die Partie dann locker zu Ende: 3:0, 4:0, ein Sieg im Schongang. Umso unerklärlicher ist es, dass die Mannschaft gegen Ajax plötzlich zittrig wurde und nach 15 Minuten die Dominanz verlor.

Der Ausgleich war absehbar

"Wir hatten alles im Griff", sagte Kapitän Manuel Neuer später, "und dann haben wir Ajax auf einmal spielen lassen." Nichts funktionierte mehr. Gerade die defensive Viererkette wirkte verunsichert. Abstimmungsprobleme und Stellungsfehler führten zum absehbaren Ausgleich nach 22 Minuten durch Noussair Mazraoui. Auch im Aufbau klappte wenig, gerade die Pässe von Jérôme Boateng, dessen zwei Fehler am Freitag das 0:2 in Berlin mitverschuldet hatten, kamen nur selten an. Und auch Mittelfeld und Sturm waren indisponiert bis nicht vorhanden. "Wir hatten wenig Ideen", sagte Kimmich, "und wenn wir Chancen hatten, dann kamen sie aus dem Nichts."

Jérôme Boateng, Arjen Robben
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Jérôme Boateng, Arjen Robben

Bedenklich war auch, dass das Münchner Spiel nach der Pause genauso planlos blieb wie zuvor. Von einem Ruck, der in der Kabine durch die Mannschaft ging, war nichts zu spüren. "Du sprichst in der Halbzeit Sachen an, was man besser machen kann", sagte Arjen Robben verärgert. "Und dann spielen wir genauso weiter."

Am Ende konnte der Gastgeber froh sein, dass Donny van de Beek freistehend das Tor verfehlte (72.). Und dass Neuer einen Freistoß von Lasse Schöne in der Nachspielzeit noch an die Latte lenkte. "Wir sind da schleichend in diese Situation hineingerutscht", sagte Thomas Müller, "jetzt müssen wir da ganz schnell wieder rauskommen."

Kovac: "Vielleicht ging alles etwas zu einfach"

Und welchen Anteil hat Niko Kovac? Der Trainer wirkte eher ratlos: "Vielleicht ging alles etwas zu einfach", sagte er im Rückblick auf die ersten sieben Spiele. "So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich weiß, was die Stunde geschlagen hat." Der neue Bayern-Trainer muss sich zumindest hinterfragen, ob er das Rotieren nicht übertrieben hat. Noch kein einziges Mal stand in zwei aufeinanderfolgenden Spielen die gleiche Startelf auf dem Platz. Auch die Abwehr stellte er jedes Mal neu auf.

Niko Kovac
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Niko Kovac

Experten wie Jürgen Kohler hatten bereits am Wochenende Kritik geübt. "Für mich ist das zu viel Rotation", sagte der Weltmeister von 1990. "Gerade im Defensivverbund müssen sich die Positionen einspielen, man muss sich einstimmen mit dem anderen." Die Zeit der Experimente sollte für Kovac jedenfalls vorbei sein. Nun steht er in München vor seiner ersten richtig harten Bewährungsprobe: Er muss den Spielern die Sicherheit und den Glauben wiedergeben. Nur ein Hauch von eigener Selbstüberzeugung Marke van Gaal, und die Bayern wären wieder unschlagbar.

Am Samstag kommt Gladbach nach München. Das letzte Spiel vor der Länderspielpause ist ein enorm wichtiges für die Bayern. Und für Kovac. Noch rumort es nur, noch spricht keiner offen von einer Krise in München. Gewinnen die Bayern aber auch am Samstag nicht, dann wird es unruhig.



insgesamt 74 Beiträge
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andreasm.bn 03.10.2018
1. traurig zu sehen, was aus...
Boateng geworden ist. Nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Bayern wären gut beraten gewesen, ihn vor der Saison gehen zu lassen. Auch Löw sollte sich langsam mal Gedanken machen.
m.gu 03.10.2018
2. Mit viel Glück 1 : 1. Eine 1 : 2 Niederlage wäre verdient gewesen.
Doch das Glück stand dem FC Bayern zur Seite. In einer der schwächsten Vorrundengruppe ohne eine Mannschaft aus England, Spanien oder Italien. Die Holländer waren schneller, spritziger, zielstrebiger, nur im Abschluß zu ungenau. Es ist nicht die beste niederländische Mannschaft, denn diese Mannschaft hat bereits jetzt schon 5 Punkte Rückstand auf Eindhoven, den amtierenden niederländischen Meister.
joke61 03.10.2018
3. Eigentlich habe ich diese Entwicklung
schon am ersten Spieltag auf dem Schirm gehabt. So früh in der Saison hätte ich aber nicht damit gerechnet. Der Ausfall von Comman und Tolisso ist nicht so einfach zu verkraften, insbesondere wegen dem alter der Mannschaft. Bisher zeigten die Bayern zwar Dominanz (ausser gestern), aber Ballbesitz kurz hinter der Mittellinie nutzt halt nicht viel. Die Geschwindigkeit un Frische bei einem Gegenkonter zurückzukommen fehlt. Gegnerische Mannschaften in der Bundesliga beschränken sich aufs Verteidigen, Zerstören und Konter. Das macht es den Bayern schwer nach vorne. Die Flüssigkeit des Spiels fehlt. Gestern allerdings, waren die Holländer klar die bessere Mannschaft. Schneller am Ball und mit dem Ball. Technisch gleichwertig. Vor allen Dingen jünger und schneller! Nur mit Glück konnte Bayern ein Debakel verhindern.
Frankona 03.10.2018
4. Es ist doch ganz einfach
Es spricht immer noch und weiterhin vieles dafür, dass der deutsche Meister 2019 Bayern München heißen wird, aber (nicht nur) die letzten Spiele haben eklatante Schwachstellen aufgezeigt: Robben und Ribéry sind, trotz gelegentlich gesetzter Glanzlichter, weit über ihren Zenit hinaus. Das bedeutet für die "Innenstürmer", dass sie nicht mehr im Übermaß mit Vorlagen gefüttert und dass ihre Räume enger werden, weil nicht gleich mehrere Verteidiger ständig nach außen gezogen werden. Lewandowski ist bei den Länderspielen der polnischen Nationalelf einigermaßen entzaubert worden - man weiß nun, dass es tatsächlich möglich ist, ihn so abzuschirmen, dass er in vielen Spielen kein einziges Tor erzielt. Wagner, der bekanntlich beste deutsche Stürmer, ist gegen ernstzunehmende Gegner oberhalb des Levels von San Marino hilf- und erst recht erfolglos, wenn er eng gedeckt wird. Und Müller hat schon seit vielen Monaten weder in der Nationalmannschaft noch bei Bayern München überzeugende Leistungen gezeigt. Auf ihn könnte das Bonmot von Uli Hoeneß über Özil gemünzt sein: "spielt einen Dreck". Was nützen denn seine berühmten Schleich- und unkonventionellen Laufwege, wenn sie ins Nichts führen?
kydianta 03.10.2018
5. müde Helden
Mich wunderts überhaupt, dass die Bayern-Bosse ernsthaft daran geglaubt haben, Kovac würde den Verein zu neuem Ruhm führen! Frankfurt ist eben nicht FC Bayern. Letzterer ist ein schwer manövrierbarer Tanker. Und die Bayern-Helden sind satt und müde geworden. Ständiger Erfolg hat seinen Preis. Immerhin, dadurch wird die Bundesliga interessanter.
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