Bayerns Remis gegen Hertha Torlos, trostlos, freudlos

Die verlorenen Punkte beim 0:0 gegen Berlin kann der FC Bayern verschmerzen. Viele solcher Auftritte sollte sich der Meister aber nicht mehr leisten. Sonst könnte es ein Problem geben - wie in den Vorjahren.

Robert Lewandowski
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Robert Lewandowski

Von Florian Kinast, München


Wie dieser Nachmittag enden würde, war schon in Minute 36 zu erahnen, als Franck Ribéry frei vor Herthas Torwart Rune Jarstein stand. Bis zum Tor waren es etwa zwölf Meter, viele Zuschauer waren in Vorfreude auf den Führungstreffer schon aufgesprungen. Dann aber schoss Ribéry drüber. Sehr weit drüber. Die Flugbahn des Balles zeigte Richtung Mittelrang Südtribüne. Und die Zuschauer setzten sich wieder hin.

Es war die größte Möglichkeit des FC Bayern - eine kläglich vergebene Großchance, die bezeichnend war für das gesamte Spiel gegen Hertha BSC, in dem einfach nichts gelingen wollte. Dieser uninspirierte Auftritt beim 0:0 war torlos, trostlos und freudlos.

Vier Tage nach dem überzeugenden 5:0 gegen Besiktas Istanbul hatte sich Müdigkeit breit gemacht. Bei den Spielern, aber auch bei den Fans. Zu Beginn des letzten Saison-Drittels ist die Meisterschaft längst entschieden, da zieht ein Liga-Kick gegen die graue Berliner Hertha aus dem Tabellenmittelfeld nicht wirklich. Offiziell war die Münchner Arena wieder ausverkauft. Aber diesmal waren mehr unbesetzte graue Sitzschalen zu erkennen als jemals zuvor bei einem Heimspiel in dieser Saison. Denn ob die Bayern am Ende mit 23, 18 oder 14 Punkten Vorsprung auf Platz zwei den Titel holen - wen interessiert's?

Die Bayern verpassen zwei Rekorde

Auch die Spieler zeigten sich unberührt. "Es gibt solche Tage, da geht der Ball eben nicht rein", sagte Arjen Robben achselzuckend. Diesmal durfte der Niederländer von Beginn an spielen. In einem Anflug von Einsicht bereute er nach der Partie seine beleidigte Reaktion vom Dienstag angesichts seiner Reservistenrolle: "Vielleicht hätte ich das nicht sagen müssen", sagte Robben, "alles kein Problem."

Ein Problem war es auch nicht, dass die Bayern durch das torlose Remis gegen Hertha zwei Rekorde verpassten. Der 15. Pflichtspielsieg in Serie glückte dem FC Bayern ebenso wenig wie Robert Lewandowski mindestens ein Treffer im zwölften Heimspiel nacheinander. Am vergangenen Spieltag hatte der Angreifer den Bestwert von Jupp Heynckes eingestellt. Wenn der FCB in der Liga nun aber allmählich ganz die Spannung verliert, dann könnte daraus ein ganz anderes Problem entstehen - hinsichtlich der Ambitionen in der Champions League.

Denn welch fatale Folgen es haben kann, zu früh und zu deutlich Meister zu werden, das hat der Verein in den vergangenen Jahren zu oft erlebt. Mit Schaudern denken sie in München etwa noch an 2014, das erste Jahr unter Trainer Pep Guardiola, als sie schon im März über die Meisterschaft jubelten - und Ende April im Halbfinale der Champions League von Real Madrid gedemütigt wurden und chancenlos rausflogen. Nach Hin- und Rückspiel hieß es damals 0:5.

Ähnlich war es in den folgenden Jahren, zu souverän dominierten die Bayern die heimische Liga. Und dann schafften sie es in den entscheidenden internationalen Spielen nicht, die Konzentration wiederherzustellen. Im vergangenen Jahr kam das Aus gegen Real sogar schon im Viertelfinale. Die Bayern sollten also vermeiden, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.

Müller: Henyckes wird "uns weiterhin in den Arsch treten"

Das sehen auch die Spieler selbst so: "Wir wissen, was die letzten Jahre passiert ist, als wir viele Punkte Vorsprung hatten", sagte kürzlich Lewandowski: "Es ist schwierig, in der Bundesliga nur mit 80 oder 90 Prozent zu spielen und wenige Tage später in der Champions League mit 100." Ob Mats Hummels oder Robben, sie alle sprachen zuletzt ähnlich.

Thomas Müller hingegen erinnerte dieser Tage an die Triple-Saison 2013, damals stand der FC Bayern schon nach dem 28. Spieltag als Meister fest und blieb dennoch gierig, holte in den verbleibenden Liga-Spielen 16 von 18 möglichen Punkten, gewann den DFB-Pokal und dazu die Champions League. Betreuer auf der Bank damals wie heute: Jupp Heynckes, weshalb sich Müller ganz beruhigt gab: "Der Trainer handhabt das sehr gut bisher und wird uns weiterhin in den Arsch treten, wenn er irgendwelche Spannungsabfälle erkennt."

Hier wird Heynckes gerade in den kommenden fünf Wochen gefordert sein, damit das Spiel gegen Berlin ein einmaliger Ausrutscher nach unten war - und kein Vorgeschmack auf den Rest der noch quälend langen Bundesligasaison. Es folgen nun Spiele gegen Freiburg, Hamburg und Leipzig, dazwischen ein Betriebsausflug nach Istanbul, bei dem es bei Besiktas den 5:0-Vorsprung zu verwalten gilt.

Möglicherweise können die Münchner dann am 31. März mit einem Sieg gegen Dortmund die Meisterschaft feiern. Aber nur wenige Tage später steht schon das Viertelfinal-Hinspiel in der Champions League an. Eine Woche danach das Rückspiel. Die Bayern sollten gewarnt sein.



insgesamt 27 Beiträge
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ge1234 24.02.2018
1. Ach Gottchen...
... jetzt hat der FCB gegen sehr stark verteidigende Berliner Unentschieden gespielt. Schön bzw. aus meiner Sicht: nicht schön! Und? Am Ausgang der Meisterschaft wird dieses Unentschieden vermutlich nichts ändern; dafür, dass die Spannung in der CL hoch bleibt, sorgt Heynckes Erfahrung und der Konkurrenzdruck innerhalb der Mannschaft! So what? Was die angeblich so zahlreichen freien Plätze im Stadion anbelangt, wobei mir die nicht aufgefallen sind, so war wohl eher die Sa.kälte der Grund und nicht mangelndes Interesse!
derdude57 24.02.2018
2. Keinen Interressiert`s
wie die Bayern spielen, zum wievielten Mal die Bazis Meister werden, wann der Titel im Sack ist und mit wie vielen Punkten Vorsprung. Bayern verliert ohne ernsthafte Konkurrenz in der Bundesliga auf Dauer auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Die Bundesliga hat ein ernsthaftes strukurelles Problem mit der Dauerdominanz der Bayern. Das Niveau in der Bundesliga ist auch erschreckend schwach geworden. Schon jetzt leeren sich merklich die Sitzreihen in den Stadien.
ACrispyHobo 24.02.2018
3.
Uninspirierter Auftritt? Die Bayern haben gestürmt, sich eine Vielzahl an hervorragenden Chancen gegen mauernde Berliner herausgespielt, teilweise schön kombiniert. Der Ball ist halt nicht im Tor gelandet, aber unmotiviert waren sie sicher nicht. Wenn es drauf ankommt sind sie da und treffen auch wieder. Aber wenn Sie das glücklich macht, die Zukunft im Wettbewerb des einzigen, verbleibenden, deutschen CL-Teilnehmer schon jetzt nach einem 5:0 im Achtelfinalhinspiel Schwarzzumalen...bidde. In den anderen vier Partien des Tages sind auch nur fünf Tore geschossen worden.
briancornway 25.02.2018
4. Untrostlos
Ganz so schlimm war's nicht, die Bayern hatten selbst gegen diesen superdefensiven Block einige Chancen, aber manchmal ist eben immer noch ein Bein dazwischen oder es fehlen Zentimeter oder Meter. Ich weiß nicht, ob man die Spannung bis Mai hoch halten kann ... vielleicht ist es gar nicht so dumm, in der Liga mehr und mehr mit B-Elf anzutreten und sich auf die CL-Spiele heiß zu machen. Und für den Pokal, hrm. Denn selbst mit nur noch Unentschieden wird der FCB Meister, wenn Dortmund mehr als eines der restlichen Spiele nicht gewinnt. Da muss man viel Kurbeln, um noch Spannung aufzubauen.
vincentaurelius 25.02.2018
5. Man...
gähnt sich durch die Liga. Als Zuschauer sowieso. Frage mich wie ein so auf Unterhaltung ausgerichteter Sport so langweilig werden konnte. Wissen denn die PR- Profis nicht, das Umsatz nur durch Spannung generiert werden kann? Am Anfang werden die Zahlen nur minimal Rückläufig sein. Aber dann wird es bereits zu spät sein.
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