FC Bayerns Titelgewinn "Wie ein Kreisklassen-Aufstieg - nur gedämpfter"

Die Bayern sind Meister, von Euphorie war trotzdem wenig zu spüren. Mannschaft und Trainer schworen sich lieber auf die kommenden Wochen ein. Der Titel soll nur ein Vorgeschmack gewesen sein.

Bayerns Sandro Wagner (l.), Sebastian Rudy, Thomas Müller (r.)
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Bayerns Sandro Wagner (l.), Sebastian Rudy, Thomas Müller (r.)

Von Florian Kinast, Augsburg


Gegen 17.45 Uhr wurde es dann doch laut in der Kabine des FC Bayern. Zumindest für wenige Augenblicke. Die spanischsprachige Fraktion um Artúro Vidal, James Rodríguez und Co. stimmte das berühmte "Campeones, Campeones" an, der Refrain ertönte viermal, vielleicht fünfmal. Dann wurde es wieder ruhiger. Man hörte etwas Hip Hop, zwischendrin Michael Jacksons "Billie Jean". Kurz nach 18 Uhr wurde die Musik abgestellt, die Spieler stiegen in den Bus und fuhren heim nach München. So wurde sie gefeiert, die 28. Meisterschaft, die sechste davon in Folge.

Der Titel kam ja auch wenig überraschend und soll nur der Auftakt sein - für zwei weitere Triumphe, um eine bisher große Saison dann wirklich zu krönen. So war die Meisterschaft schnell abgehakt.

Lange hatten sich die Bayern in Augsburg schwergetan, nach einer halben Stunde und einem 0:1-Rückstand drehten sie das Spiel und gewannen 4:1. Spätestens beim dritten Tor durch Arjen Robben nach rund einer Stunde stand der Titel fest. Auf der Tribüne dachte man zurück an Meisterschaften, die die Bayern an einem letzten Spieltag entschieden. 2000 etwa, als Leverkusen im Münchner Vorort Unterhaching verlor. Oder 2001, als sich Schalke als Meister wähnte, und Patrik Andersson in letzter Minute in Hamburg traf.

Von dieser Dramatik war man in Augsburg weit entfernt. Nach Abpfiff herrschte weniger Euphorie, mehr Erleichterung darüber, auch nicht vom Resultat des Abendspiels zwischen Hamburg und Schalke (3:2) abhängig zu sein.

Jupp Heynckes (r.), Franck Ribery
DPA

Jupp Heynckes (r.), Franck Ribery

Natürlich feierten vor allem die Fans im Gästeblock. Die Zuschauer skandierten "Jupp, Jupp", der gerufene Heynckes stand da noch immer in seiner Coaching Zone vor der Trainerbank, erst nach einigem Zögern ging er in die Kurve und nahm die Ovationen entgegen. Erst allein, bevor er plötzlich in einem bemerkenswerten Moment zwei sehr spezielle Spieler mitnahm und die Fans aufforderte, die beiden zu feiern. Es waren Franck Ribéry, 35, und Arjen Robben, 34.

War das ein Signal, dass die beiden wie er, Heynckes, nach der Saison, aufhören? Eine Art Abschied von den Fans also? Oder eine Aufforderung an den Vorstand, mit den beiden Altstars, deren Verträge im Sommer auslaufen, doch ein weiteres Jahr zu verlängern?

Heynckes selbst sprach später nur von einer "Anerkennung für das, was sie über all die Jahre geleistet haben" - und was sie wohl nun doch noch eine weitere Saison zeigen können, wie es Karl-Heinz Rummenigge nach Abpfiff erstmals andeutete. Ob etwas gegen eine Vertragsverlängerung bei den beiden spreche, wurde er gefragt. "Nicht viel", erwiderte der Klub-Boss.

Heynckes' Geste in Richtung Ancelotti

Rummenigge sprach auch noch vom "ein oder anderen Glas Rotwein", das er sich zu Hause am Abend gönnen werde, dazu eine Zigarre - und er würdigte die große Leistung von Heynckes, der nach einem mäßigen Saisonstart unter Carlo Ancelotti einsprang und die Bayern auf Kurs brachte. Gerade für seinen Vorgänger Ancelotti wiederum fand Heynckes in der Stunde des Erfolgs in einer großen Geste auch noch lobende Worte: "Herzlichen Glückwunsch zur Deutschen Meisterschaft, auch wenn er nur die ersten Spiele gemacht hat. Ich halte ihn nicht nur für einen großartigen Trainer, sondern auch für einen großartigen Menschen."

Ob die Spieler nicht doch noch feiern dürfen, wurde Heynckes noch gefragt: "Nein, das sollen sie nicht. Natürlich darf sich jeder freuen, für einige ist es schon die fünfte, sechste oder siebte Meisterschaft." Für Ribéry, der am Samstag 35 wurde, war es gar die achte. Für andere wie Niklas Süle dagegen die erste.

Wie sehr ihn, Süle, das bewegte, war an seiner Ergriffenheit zu sehen und zu hören. Er sprach von "Gänsehaut", und dass er es "als Privileg" sehe, "mit Spielern wie Arjen und Franck jeden Tag zusammenzuarbeiten." Und dass die Meisterschaft aber nicht der einzige Titel in dieser Saison bleiben solle. "Das wäre schon eine Riesenstory, wenn ich gleich im ersten Jahr das Triple hole", sagte er.

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Meisterfeier des FC Bayern: Maßvoll statt Maß voll

Auch deswegen blieb die Begeisterung überschaubar. Es gibt noch große Ziele. Am Mittwoch steht im Viertelfinale der Champions League das Rückspiel gegen den FC Sevilla an (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, Hinspiel: 2:1 für Bayern), eine Woche später das Pokal-Halbfinale in Leverkusen. "Wir haben noch bissl was vor", sagte Thomas Müller, "wir wollen erst im Mai feiern." Am besten Ende Mai, am Abend des 26., nach dem Finalsieg in Kiew. Heynckes sagte noch vor dem Spiel: "Wenn sich die Gelegenheit zum Feiern gibt, kann man auch mal die Sau rauslassen." Am Samstag in Augsburg blieb die Sau noch drin.

Im Gespräch mit Müller ging es noch um die Lautstärke der Musik auf der Rückfahrt, Heynckes hatte eine Playlist mit Bruce Springsteen und Elvis ins Spiel gebracht, vermutlich zum Entsetzen von Freunden zeitgemäßerer Töne wie Jérôme Boateng oder Javi Martínez, die sicherheitshalber schon mit großen Kopfhörern in den Bus einstiegen. Müller sagte: "Es wird sicher ein paar Dezibel lauter als sonst. In der Kabine haben wir schon Getränkeflaschen aufgemacht und getanzt. So wie wenn man in die Kreisklasse aufsteigt. Nur doch ein bisschen gedämpfter. Jedenfalls ist unser Hunger auf mehr noch sehr groß."

Der Meistertitel war erst der Vorgeschmack. Das erste Triple-Drittel.

FC Augsburg - FC Bayern München 1:4 (1:2)
1:0 Süle (18., Eigentor)
1:1 Tolisso (32.)
1:2 James (38.)
1:3 Robben (62.)
1:4 Wagner (87.)
Augsburg: Hitz - Schmid, Gouweleeuw, Hinteregger, Max - Khedira, Baier (89. Janker) - Koo, Gregoritsch (80. Moravek), Caiuby - Cordova (62. Richter). - Trainer: Baum
FC Bayern: Ulreich - Kimmich, Jerome Boateng, Süle, Rafinha - Rudy, Tolisso - Robben (83. Thomas Müller), James (64. Martinez), Bernat (82. Ribery) - Wagner. - Trainer: Heynckes
Schiedsrichter: Schmidt
Gelbe Karten: Gregoritsch, Khedira / Boateng
Zuschauer: 306.60 (ausverkauft)



insgesamt 44 Beiträge
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kortumsonne 07.04.2018
1. Lapidar
Das wohl passende Attribut für die soundsovielte DM der Bayern. Wie lange noch...? Bezeichnend, dass die eigenen Spieler sich darüber lustig machen und die Freude lediglich sekundiert. Aber nächstes Jahr wird's bestimmt spannend - da kommt der designierte Vizemeister S04 bestimmt schwer ins Rollen...
hermann2013 07.04.2018
2. Schade
Das die meisten Trainer dann wie auch Herr Baum ihrer Mannschaft noch ein Kompliment machen wenn man das Ergebnis einigermaßen im Rahmen gehalten hat. Das darf nicht der Anspruch sein wenn man aufläuft. So Ergebnisse kann man dann ja gleich ausknobeln. Der Fehler liegt m. E. in der Psyche, sinngemäß bei 34 Spieltagen verlieren die Anderen auch 2 x gegen München....Unsinn: zum einen rotieren auch die Bayern da Sie in 3 Wettbewerben sind und daher stark belastete Spieler haben. Zweitens sollte man da mal richtig was auf die Socken geben, das mag kein Starensemble. Und drittens erinnere mich an DFB Pokalspiele, wo durch den K.O. Charakter unterklassige Mannschaften den Münchnern Paroli geboten bzw sogar gewonnen haben. Gegen die Bayern muss man K.O. Psyche mitbringen. Ansonsten gleich mit 11 Mann aus dem B Kader im Strafraum verschanzen und den Vereinsbus vors Tor fahren. Ich bin's satt das jedes Wochenende zu sehen. Einfach erbärmlich. Eier, wir brauchen Eier,.....
achterhoeker 07.04.2018
3. Gratuliere FCB
und weckt mich wenn ihr mal nicht Meister seid.
seniorfd 07.04.2018
4. Wow!
Voll spannend die Bundesliga.Wer wohl nächstes Jahr Meister wird,steht ja wohl auch völlig in den Sternen. Ist Irgendwie die Luft raus aus dem Game. Schade.
chuckal 07.04.2018
5. Das ist nur noch
Laaaangweilig. Und wenn jetzt die Stellinger nicht endlich absteigen, dann war es das für mich mit Fußball.
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