Bayern München vor Anderlecht-Duell Vom Triple redet niemand mehr

Das Auftaktspiel in der Champions League ist für den FC Bayern richtungsweisend - auch für Carlo Ancelotti. Er hat in der Saisonvorbereitung falsch auf die Abgänge von Philipp Lahm und Xabi Alonso reagiert.

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Von Florian Kinast, München


Am Mittwochnachmittag wird es beim FC Bayern volkstümlich. In einem Münchner Filmstudio posieren die Profis für das sogenannte "Lederhosen-Shooting". Das ist die alljährliche Trachteneinkleidung für das anstehende Oktoberfest. Die Spieler, Trainer und Betreuer halten dazu ein gefülltes Weißbierglas und lachen artig in die Kamera. Ob die gute Laune dann natürlich sein wird oder eher gequält, wird besonders vom Dienstagabend abhängen. Dann bestreitet der Klub sein Auftaktspiel in der Champions League gegen den RSC Anderlecht (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Vor der Partie scheint zumindest niemand in Wiesn-Stimmung. Das zeigte auch die ungewohnt scharfe Drohung von Karl-Heinz Rummenigge gegen den seit Monaten latent und im SPIEGEL-Interview richtig stänkernden Robert Lewandowski und auch gegen den chronisch missmutigen Thomas Müller. Tatsächlich aber steht in diesen Tagen weder Lewandowski noch Müller oder ein anderer Spieler im Fokus. Sondern vor allem Trainer Carlo Ancelotti.

Konzept des Trainers nicht zu erkennen

Der uninspirierte Auftritt seiner Mannschaft beim 0:2 in Hoffenheim sowie seine Reaktion nach dem Spiel gaben zu denken. Zu keiner Zeit war zu erkennen, dass Ancelotti nach dem Rückstand einen Plan B hatte. Vorgänger Pep Guardiola hatte das taktische Gefüge während eines Spiels manchmal mehrmals umgekrempelt, zur Not mit wilden Gesten am Spielfeldrand.

Solche Szenen muss man nicht vermissen, wohl aber die Kreativität des Vorgängers. Ancelottis Ideen scheinen dagegen eher altbacken. Die 43 hohen Flanken in den Strafraum erinnerten mehr an die Spielweise der frühen Achtzigerjahre, an die Zeiten von Manni Kaltz und Horst Hrubesch.

Am Dienstag sagte er im Sky-Interview: "Viele Leute sprechen über Strategie, Taktik und Position der Spieler. Es ist zu viel. Fußball ist einfacher." Die Kritik sei zu heftig, so der Trainer, "ich bin nicht von gestern". Bemerkenswert war auch Ancelottis Analyse nach Abpfiff: "Unsere Vorstellung war nicht so schlecht, wie das Ergebnis aussagt. Wir hatten 90 Minuten totale Kontrolle über das Spiel." Angesichts all der planlosen Aktionen und Distanzschüsse oder der meist zufällig entstandenen Torchancen dürfte er diese Sichtweise weitestgehend exklusiv gehabt haben.

Mats Hummels
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Mats Hummels

Ein weiteres Problem, das sich am Samstag offenbarte, war mehr als eine fehlende Idee des Trainers, nämlich die generell fehlende Hierarchie in der Mannschaft. Nach den Abgängen von Philipp Lahm und Xabi Alonso haben die Bayern keinen Spieler mehr, der es als seine Aufgabe ansieht, Einfluss auf das Team zu nehmen.

Kapitän Manuel Neuer steht im Tor und ist zu weit weg, um ordnend einzugreifen, Müller und Lewandowski beklagen zur Zeit eigene Probleme, und Arjen Robben oder Franck Ribéry waren schon immer mehr Einzelgänger. Auch der seit Jahren in seinen Leistungen schwankende Thiago ist meist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, während Mats Hummels oft zu leise wirkt.

Das Machtgefüge innerhalb der Mannschaft im Jahr eins nach Lahm und Alonso neu zu ordnen, das hat Carlo Ancelotti noch nicht geschafft. Auch weil sich keiner von selbst aufdrängt, wäre es seine Aufgabe gewesen, einen Führungsspieler zu bestimmen, ihm das uneingeschränkte Vertrauen zu schenken. Ein Spieler, den man gerne als den verlängerten Arm des Trainers auf dem Spielfeld nennt, fehlt.

Vor einem Jahr vor dem ersten Champions-League-Spiel war viel vom Triple die Rede. Nach den teilweise knappen Halbfinal-Niederlagen in den drei Jahren unter Guardiola sollte Ancelotti den Klub endlich wieder zu drei Titeln führen. Vom Triple spricht derzeit kaum jemand in München, dafür umso mehr über das schon richtungsweisende Spiel gegen Anderlecht. Eine Niederlage gegen den belgischen Meister wäre mit Blick auf die ausstehenden Gruppenduelle gegen Paris St. Germain mit Superstar Neymar und Kylian Mbappé fatal.

Carlo Ancelotti steht wohl so früh wie noch nie in einer Saison unter Zugzwang. Er ist gefordert, und die Mannschaft benötigt dringend Selbstvertrauen, eine Spielidee und vor allem Struktur. Vor dem Lederhosen-Shooting ist noch viel zu tun.

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Nonvaio01 12.09.2017
1. passt schon
die analyse, nur als ergenzung vom FCB hat letztes jahr auch keiner vom Tripple geredet, das war immer die Presse.
carinanavis 12.09.2017
2. Ja, Bayern gewinnt das Triple!
Letztes Jahr schrieb ständig der SPIEGEL vom Triple und viele Journalisten fragten immer wieder danach. Hätte Ancelotti auf die Frage, ober er das Triple gewinnen will, antworten sollen: Nein wir wollen NICHT! Das ganze wurde also von den Journalisten inszeniert und aufgebauscht, insbesondere von den FCB-feindlichen, die nun einen ständigen Tripleanspruch der Bayern unterstellen. Da Ancelotti dieses Jahr schon mit dem DFL-Supercup den ersten Titel gewonnen hat, kann es schon noch ein Triple werden, fragt sich nur welches. Der SPON-Analyse ist nur teilweise zuzustimmen. Aus einem Spiel mit etwas vielen unpräzisen Flanken etwas Tiefsinnigeres abzuleiten ist lächerlich. Den Bayern fehlen noch die Automatismen, etwas mehr Genauigkeit. Einfluss auf das Team soll her, also eine Führerfigur, die laut herumschreit und befiehlt? Alonso war eher weniger ein "Leader", zumal er in internationalen Spielen doch etwas zu langsam war, jedenfalls keine Idealbesetzung im defensiven Mittelfeld. Lahm war eher der ruhige Führungsspieler, der aber in seine Rolle über die Jahre hineingewachsen ist und durch beständige Höchstleistung diesen Status erhielt. Der SPON-Analytiker vergisst, dass Boateng sehr wohl eine solche Rolle spielt, aber eben in Hoffenheim nicht auf dem Platz stand, ebensowenig wie Vidal, der durchaus das gleiche kann. Ancelotti hat hier also keine grundsätzlichen Fehler gemacht. Einzig das Fehlen eines zweiten torgefährlichen Angreifers im Kader bleibt wohl ein Manko. Als Müller noch regelmässig Tore schoss, war das kein Problem. Die Frage ist ob James Rodriguez diese Rolle übernehmen kann, obwohl er nominell ein Mittelfeldspieler ist. Übrigens sehr putzig, wie man eine Niederlage gegen Anderlecht herbeischreiben will. Das mindert die Seriosität der SPON-Artikel wie schon häufig zuvor.
rexromanus 12.09.2017
3. Vom Triple redet niemand mehr
Und das ist auch gut so.
volucer 12.09.2017
4. ancelotti hat bis zum ende des jahres zeit
die deadline bei ancelotti läuft. sollte das überleben der gruppenphase in gefahr sein, ist er weg. ancelotti findet bei bayern keinen anschluss. eine verbesserung seit seinem amtsantritt ist nicht in sicht. sollte es in bundesliga nicht laufen, wird bayern früh die reißleine ziehen. thomas tuchel wär bestimmt nicht abgeneigt und kann junge spieler integrieren wie dembele und pulisic.
gottseidank.de 12.09.2017
5. "Ergenzung"
Super Schreibweise, sollte man in den Duden aufnehmen! :)) Ich möchte gerne "Ergenzen", das nach meiner Auffassung der Trainer nicht nach Bayern passt. Bayern brauchen einen Jungen, einen frischen Trainer, der den Lifestyle und die Denkweise der neuen Top-Spieler versteht. Und des Weiteren, Lewandowski liegt mit seinen Interview-Aussagen absolut richtig! Ohne die internationalen Top-Player wird's eng. Das Geld sollten die Bayern schnell aufbringen!
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