Bayerns Unentschieden in Liverpool Herrlich langweilig

Erstmals im Jahr 2019 blieb der FC Bayern ohne Gegentor, und das ausgerechnet in Liverpool. Taktik, Disziplin, Defensive - es war ein Niko-Kovac-Spiel. Im Rückspiel wird die Aufgabe aber eine ganz andere sein.

Mats Hummels
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Mats Hummels

Aus Liverpool berichtet Christoph Leischwitz


Karl-Heinz Rummenigge war in jeder Hinsicht zufrieden. Sogar damit, dass alle anderen nicht so zufrieden waren. In der Kabine herrsche "keine Partystimmung", sagte der Vorstandschef des FC Bayern nach dem überraschenden 0:0 beim FC Liverpool. "Und das finde ich auch gut so." Kurz wurde er nach diesem Fußball-Gipfeltreffen noch einmal zum Mahner: Er selbst hatte mit den Bayern anno 1981 auch schon 0:0 an der Anfield Road gespielt, dann war man aber mit einem 1:1 im Rückspiel ausgeschieden. "Diesen Fehler dürfen wir nicht wiederholen", sagte der 63 Jahre alte frühere Stürmer.

Zunächst einmal war das, was sie auf der schweren Etappe Hinspiel erreicht haben, in vielerlei Hinsicht beachtlich. Noch am vergangenen Freitag hatten sie beim FC Augsburg zwei Gegentore kassiert (Endstand 3:2 für Bayern), sie hatten im Jahr 2019 in sechs Pflichtspielen bei insgesamt acht Gegentreffern noch kein einziges Mal zu null gespielt. Und jetzt schafften sie das ausgerechnet auswärts beim vermeintlich besten Angriff der Welt.

Außerdem konnte in der Europapokal-Geschichte noch nie eine deutsche Mannschaft bei den Reds gewinnen, außer den Bayern kam niemand über ein Remis hinaus. "Die Erkenntnis lautet: Unterschätze niemals Bayern München", freute sich Rummenigge; denn die Mannschaft war als Außenseiter in die Partie gegangen. "Wir haben bewiesen, dass wir es können", so fasste Torwart Manuel Neuer die Defensivleistung zusammen. Als die Spieler zurückfuhren ins drei Kilometer entfernte Titanic Hotel, da war ihnen schon die Freude darüber anzumerken, dass sie beim FC Liverpool nicht untergegangen waren.

Die Stimmen der Trainer im Video:

Er habe die Mannschaft "taktisch hervorragend eingestellt", sagte Rummenigge über Trainer Niko Kovac, es sei ja ein "wichtiges Spiel" für den neuen Trainer gewesen. Die Bayern hatten deutlich anders gespielt als sonst, bedächtiger, mit weniger Offensiv-Ausflügen der Außenverteidiger, sodass sich immer wieder eine "richtige Viererkette" bildete, wie Hummels sagte. Ein wenig Stolz schwang in seiner Stimme mit, als er erzählte: "Auch das Publikum kam gar nicht so richtig rein, wir haben ihr Pressing ausgespielt und den Ball hinten rumlaufen lassen." Das nahm Liverpool oft den Wind aus den Segeln.

Niko Kovac
Getty Images

Niko Kovac

Kovacs Aussagen nach dem Spiel hörten sich so an, als ob er sagen wollte: Ihr müsst euch ja nur mal zusammenreißen und tun, was ich sage, dann klappt es auch.

Dem Gegner den Wind aus den Segeln nehmen, das liegt Kovac. Einen Gegner 90 Minuten dominieren - nicht ganz so sehr. Deshalb war Liverpool das Beste, was ihm passieren konnte: Endlich war er mal wieder der Underdog. Das von vielen antizipierte Offensivspektakel blieb aus. Verglichen mit dem, was andere Mannschaften zuletzt an der Anfield Road erlebt haben, war es diesmal geradezu herrlich langweilig.

Schon kurz nach der Auslosung im Dezember hatte Kovac den Entschluss gefasst, "Persönlichkeiten auf den Platz zu bringen", auf Bayerisch würde man sagen: gestandene Mannsbilder. Dass diesmal wieder Javi Martínez aufopferungsvoll vor der Abwehr spielte, sei durchaus Teil des Plans gewesen, auch wenn sich Leon Goretzka nicht verletzt hätte. Wohl deshalb, weil ältere Spieler bisweilen disziplinierter zu Werke gehen.

Kovac sagte dann auch, dass in der Bundesliga der eine oder andere mal "einen Gang spart", um dem Mitspieler zu helfen, das sei jetzt auch gar nicht despektierlich gemeint. Aber in der Champions League sei "der Fokus noch einmal ein ganz anderer", dozierte er. Und plötzlich klappt es auch mit der defensiven Disziplin, die gegen Gegner wie etwa Augsburg oder Fortuna Düsseldorf fehlte. "Es ist gut zu sehen, dass wir diese verschiedenen Arten zu spielen beherrschen", sagte Hummels. Wenn man dieses "defensive Denken" habe, dann gehe es womöglich auch in der Bundesliga bald besser. Manuel Neuer fand allerdings, dass diesmal "vorne die Körner gefehlt" haben. Er klang mit der Ausrichtung nicht komplett zufrieden. Außerdem wird in Joshua Kimmich ein wichtiger Teil der Viererkette am 13. März gelbgesperrt fehlen.

Ein 1:1 im Rückspiel, so wie vor 38 Jahren, will Kovac unbedingt verhindern. Die Frage ist, ob die Mannschaft es mit seinem bevorzugten Fußball schafft, mehr Chancen herauszuspielen als am Dienstag. "Wir müssen das Rückspiel gewinnen", hielt Hummels fest, ein zweites Unentschieden reicht bestenfalls zum Elfmeterschießen. Ergo: etwas mehr Risiko gehen. Es würde sowieso nicht zum FC Bayern passen, sich in der eigenen Arena in der Abwehr einzuigeln. Aber vielleicht sieht Kovac das tatsächlich anders. Fürs Erste haben die Bayern allerdings mal wieder gezeigt, dass sie manchmal einfach höhere Hürden brauchen, um vernünftig abzuspringen.

FC Liverpool - Bayern München 0:0
Liverpool: Alisson - Alexander-Arnold, Matip, Fabinho, Robertson - Wijnaldum, Henderson, Keita (76. Milner) - Salah, Firmino (76. Origi), Mané.
München: Neuer - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Martínez, Thiago - Gnabry (90+1. Rafinha), James (88. Sanches), Coman (81. Ribéry) - Lewandowski.
Schiedsrichter: Rocchi (Italien)
Gelbe Karten: Henderson / Kimmich
Zuschauer: 50.000 (ausverkauft)

insgesamt 32 Beiträge
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doppelnass 20.02.2019
1. Langweilig?
Langweilig? Stimmt! Ich fand das Tottenham Spiel letztens auch sehr viel unterhaltsamer. Ansonsten fand ich das gestern - wenn man taktische Spiele mag und nicht nur wie bei Fifa19 - ein ziemlich ansehnliches und spannendes 0:0
Brandolino 20.02.2019
2. Liverpool war taktisch enttäuschend
Mehr als stupides Pressing über 90 Minuten brachten die Scousers nicht zustande und Manuel Neuer war gestern der 11. Feldspieler, den Liverpool nicht hatte. Die drei roten Duracell-Hasen im Sturm konnten noch so oft anrennen, Neuer verteilte die Bälle wie er wollte. Stellte Klopp um? Nein, das Pressing ist seine Hauptwaffe, ansonsten ist taktisch bei ihm nicht viel los.
Nonvaio01 20.02.2019
3.
In der BL spielt der FCB zu 90% ohne einen defensiven 6er weil man den einfach nicht braucht. Auch in spielen in der CL gruppenphase kann der FCB daraf teilweise verzichten. Unter den letzten 16 in der CL natuerlich nicht, vor allem nicht gegen Liverpool. Goretzka ist ein offensiov spieler, der haette niemals von anfang an gespielt, es war klar das Martinez als abraeumer spielt. gegen Augsburg 2 Tore zu kriegen ist kein problem da man davon ausgehen kann das man mehr schiesst. (Bremer mentalitaet unter Schaaf). Kovac laesst so spielen wie es noetig ist.... Auswaerts hat Liverpool noch nicht gewonnen in der CL....da sind die extrem schlecht....
tucson58 20.02.2019
4. Es muss schon schlimm sein .....
... wenn der FC Bayern so gar nicht das macht was man so vorher gesagt hat und auch noch in Liverpool mit den "Reds" auf Augenhöhe war und ein 0:0 holte anstatt zu verlieren . Liebe SPON, ihr könnt hier noch so viele Schlagzeilen liefern die alles negativ darstellen , es ändert aber nichts das der FC Bayern gestern einer seiner besten Leistungen in der laufenden Saison bot und nun große Chancen hat die nächste Runde zu erreichen.
revi1234 20.02.2019
5. FCB nur noch 2. Wahl in Europa
Man hat gesehen, dass die Bayern alle Mittel aufbringen mussten, um das Spiel halbwegs ausgeglichen gestalten zu können. Eine vielversprechende gute Torchance haben sich die Bayern in 90 Minuten sowieso nicht erspielen können. Von LFC wurde da offensiv schon einiges mehr gezeigt. Mit viel Glück und dem Ziel das Spiel des Gegners zu unterbinden, konnte das Unentschieden gehalten werden. Bärenstark war Martinez (den besten Transfer der Bayern in den letzten Jahren). Ohne Martinez und dem desolaten Schiri hätten die Bayern das CL-Finale gegen Dortmund niemals gewonnen. Totalausfall war, wie immer bei großen Spielen, der meist nur gestikulierende Spieler Lewandowski. Die Chefs der Bayern wissen genau, dass ein Verkauf von Lewandowksi mehr als überfällig ist aber welcher Spitzenclub kauft diesen Spieler? Die Hoffnung ist letztlich eh nur der chinesische Markt. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Bayern in keiner einzigen Minuten die Überlegenheit der vergangenen Jahr bei einem CL-Spiel auf die Wiese gebracht haben und Sie nur noch 2. Wahl in Europa sind. Sie mussten immens viel laufen und konnten überwiegend nur den reagierenden Part im Spiel übernehmen. Für das Rückspiel sehe ich LFC im Vorteil. Die Bayern müssen vor heimischer Kulisse die Offensive verstärken und da wird LFC Ihre schnellen Konter bestimmt des ein oder andere mal erfolgreich abschließen.
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