Bayern-Trainer Kovac Und plötzlich Mann der Stunde

Er drohte zu scheitern - doch jetzt erlebt Niko Kovac seine beste Zeit beim FC Bayern. Selbst ein Aus gegen Liverpool würde ihn nicht beschädigen. Was ist passiert?

Niko Kovac vom FC Bayern
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Niko Kovac vom FC Bayern

Von Florian Kinast, München


Am Tag vor dem großen Spiel blieb Niko Kovac unverbindlich. Welche zwei Innenverteidiger auflaufen? Ob hinten rechts Rafinha spielen wird und vorne links Franck Ribéry? Kovac blieb vage.

"Wir müssen einfach die Balance finden", sagte der Trainer des FC Bayern vor dem Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen den FC Liverpool (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) und fügte hinzu, "wir können nicht die Maske abreißen und Holla die Waldfee nach vorne spielen." Kovac wirkte gelöst. Ganz anders als vor dreieinhalb Monaten an gleicher Stelle, Ende November war das, vor dem Vorrundenspiel gegen Benfica Lissabon, als er geradezu verkrampfte.

Damals wäre es beinahe die letzte Pressekonferenz für den Kroaten in München geworden, Kovac stand vor dem Rauswurf. Eine Niederlage im Gruppenspiel gegen Benfica, und der Trainer wäre wohl nicht mehr zu halten gewesen. Aber jetzt ist alles anders, selbst wenn der FC Bayern im Achtelfinale (Hinspiel: 0:0) rausfliegt, so früh wie seit 2011 nicht mehr: Die Position des Trainers würde nicht hinterfragt, sein Job ist derzeit sicher.

Im Herbst noch schien der FC Bayern aber doch ein wenig zu groß für den 47-Jährigen. In der Mannschaft rumorte es, Profis wie Leon Goretzka gingen auf Distanz zum Trainer, James Rodríguez murrte über seine Reservistenrolle, die Kontrolle über die Kabine drohte ihm zu entgleiten. Auch das Verhältnis zu den Klub-Bossen war unterkühlt. Präsident Uli Hoeneß sagte öffentlich vor dem Benfica-Spiel und nach einem 3:3 gegen Düsseldorf: "Wir müssen alles überdenken." Und dann ätzte auch noch Spielerfrau Lisa Müller mit einem Instagram-Post gegen den Trainer, der in jener Zeit immer mehr an Autorität verlor.

Kovac war bereit, zu lernen und sich zu korrigieren

Dann schlugen die Bayern Benfica 5:1, verloren seitdem nur eines der folgenden 16 Pflichtspiele, und trotz zwischenzeitlich neun Punkten Rückstand in der Bundesliga ist der FC Bayern wieder Erster. Wie das gelang?

Die Entwicklung hängt stark mit Niko Kovac zusammen. Im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger war er bereit, seine Arbeit zu hinterfragen und zu korrigieren. Anders als Trainertypen wie Louis van Gaal, Pep Guardiola oder Carlo Ancelotti, die sich von ihrem unerschütterlichen Ego getrieben über jegliche Selbstzweifel erhaben wähnen, hinterfragt Kovac sich.

Gut herauszuhören war das in der Winterpause: "Wir hatten uns als Trainerteam sehr viele Gedanken gemacht: wieso, weshalb, warum", sagte Kovac in einem Interview über die Krise im Herbst. "Vielleicht haben wir uns ein bisschen zu sehr von dem beeinflussen lassen, was uns suggeriert wurde: Dass wir unschlagbar seien. Das schleicht sich ins Bewusstsein ein."

Kovac erkannte seine Fehler, wie etwa das anfangs von ihm schon fast manisch praktizierte Rotationsprinzip, in jedem Spiel eine andere Startelf aufs Feld zu schicken. Sein Resümee Ende Dezember: "Die Entscheidung, Richtung Winterpause pro Spiel nicht mehr ganz so viele Startelf-Wechsel vorzunehmen, war sicherlich von Vorteil. Die Mannschaft hat sich gefunden." Nicht nur die Mannschaft, auch Kovac fand sich und seinen Weg: in der richtigen Mischung aus starkem Selbstbewusstsein und der nötigen Dosis Demut.

Kovac hat ein gutes Gespür für Personalentscheidungen

Souverän moderierte er die vergangenen Wochen, und immer wieder bewies er auch das richtige Gespür für den Moment, wann er unter welchen Bedingungen bestimmte Spieler einsetzen muss. Renato Sanches etwa schon im September beim Gastspiel bei dessen Heimatklub Benfica, Stabilisator Javi Martínez beim Hinspiel in Liverpool oder erst jetzt die drei ausgebooteten Nationalspieler Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng beim 6:0-Erfolg gegen Wolfsburg. Und immer liefen alle zu Höchstform auf.

Ein Weiterkommen gegen Liverpool wäre für Kovac die erste bestandene Meisterprüfung. Ein Aus hingegen wäre zwar eine große Enttäuschung, aber auch kein Desaster, nicht gegen diesen Topverein. Derzeit spürt der Trainer den Rückhalt der Klubführung, nur Kovac trauen die Bosse zu, den im Sommer anstehenden Umbruch zu gestalten. Mehr noch: Sie hoffen auf eine neue Trainer-Ära beim FC Bayern. Eine verblüffende Erkenntnis angesichts der Tatsache, dass Kovac nach dem vergeblichen Werben von Uli Hoeneß um einen Verbleib von Jupp Heynckes und nach der Absage von Thomas Tuchel nur noch als Plan C nach München gekommen war. Jetzt ist Kovac die A-Lösung.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
MarkusW77 13.03.2019
1.
wie viele Bayern Fans (auch hier im Forum) haben ihn dahin gewünscht, wo der Pfeffer wächst? Kovac ist der einzige bei dem Verein, dem ich die möglichen Titel gönnen würde. Und befürchte leider das es mindestens 2 werden, heute Abend wird über den 3. vorentscheidend.
Weltfinanzexperte 13.03.2019
2. Mal abwarten...
Genauso schnell, wie er jetzt in den Himmel gelobt wird, kann er auch wieder auf dem Boden landen. Heute das Aus gegen Liverpool, dann noch das nächste Heimspiel und das Spiel gegen Dortmund verlieren, dann wird der Rückhalt sicher nicht mehr so riesig sein.
Trollflüsterer 13.03.2019
3.
Klopp der alte Fuchs kocht gerade die Bayern sauber ab. 0 - 1! Und Neuer meint, er müsste am 16er den Fußballgott spielen uns wird gnadenlos vernascht. Seine Zeit ist eh vorbei, ter Stegen ist der Mann der Stunde. Hoffentlich gewinnen die Reds sowas von.
lattenkracher11 13.03.2019
4. Derzeit
Derzeit ist sein job sicher, mehr nicht. Fliegen die Bayern aus der CL und werden nicht Meister, wird Kovac nächste Runde sofort unter Druck stehen. Gut, mit den Granaten, die Hoeneß für nächstes Jahr schon an der Hand hat, kann ja nichts schiefgehen.
Trollflüsterer 13.03.2019
5.
James macht eine Tätlichkeit, Bodycheck, bekommt trotzdem den Freistoß und daraus das 1 : 1. Bayern Dusel.
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