Schalker Pleite in München Auf Augenhöhe

Spiel verloren, Zuversicht gewonnen: Schalke hat gezeigt, wie man den FC Bayern ärgern kann. Das hilft den Münchnern allerdings mehr als den Gelsenkirchenern - genauso wie bald der starke Leon Goretzka.

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Von Christoph Leischwitz, München


Schlusspfiff in München, diesmal aber bekam Leon Goretzka noch eine blaue Jacke gereicht. Dann klopften ihm sowohl aktuelle als auch einige künftige Mitspieler auf die Schulter. Mit offenem Reißverschluss und den Händen in den Hüften stand der Mittelfeldspieler des FC Schalke 04 noch eine Weile da und starrte ungläubig auf den Boden.

Später sagte er, es sei doch eigentlich "schön" gewesen, dass es "so gut geklappt" habe, den mutigen Plan des Trainers umzusetzen. Nur: Gepunktet hatte Schalke mit seinem erfrischend offensiven Auftritt beim FC Bayern München eben doch nicht, der Favorit gewann 2:1.

Das lag aber nicht allein an der Leistung, sondern auch am "Schicksal". Fand zumindest Bayerns Siegtorschütze Thomas Müller. Ins Tor "reingelogen" habe er den Ball nämlich in jener 36. Minute, als er den unglücklich aussehenden Schalke-Keeper Ralf Fährmann aus spitzem Winkel auf dem falschen Fuß erwischte.

Eigentlich habe er den Ball im vollen Lauf von der Grundlinie ganz normal in die Mitte legen wollen, doch seine etwas ungelenke Hüfte habe diesen Plan nicht umsetzen können. Die Bayern sind also auch dann nicht zu schlagen, wenn der scheinbar unschlagbare Trainer Jupp Heynckes wegen einer Grippe fehlt und von Co-Trainer Peter Hermann ("Ich war sehr nervös") vertreten wird.

Goretzka klang später trotzig: "Wir haben gezeigt, dass wir mit einer Weltklasse-Mannschaft mithalten können." Und das war nicht gelogen.

Die Zuschauer raunen, als Goretzka Boateng in die Knie zwingt

In der kommenden Saison wechselt der 23 Jahre alte Jung-Nationalspieler bekanntlich zur besagten Weltklasse-Mannschaft. Und aufgrund seiner Leistung knapp drei Wochen nach Bekanntwerden des Transfers lässt sich sagen, dass er selbst wohl auch gut mithalten wird, wenn er in München in den Wettbewerb um die Startelf-Einsätze einsteigt.

Goretzka strahlte trotz des hohen Spieltempos viel Ruhe aus, er war außerdem an zahlreichen Offensiv-Aktionen beteiligt. Ein Raunen ging durchs Stadion, als er den später ausgewechselten Jérôme Boateng mit einem überraschenden Haken in die Knie zwang (40. Minute). Kurz zuvor hatte er mit einem Konter das 1:1 eingeleitet (29.).

Goretzkas Leistung laut SPIX:

Schwächen zeigte Goretzka allein im Torabschluss, wie auch unmittelbar vor dem Ausgleichstor: Goretzka wollte die Flanke von rechts mit einem Seitfallzieher abschließen. Er traf den Ball aber nicht richtig, Teamkollege Franco Di Santo machte es besser. "Etwas übermotiviert" sei er da wohl gewesen, sagte Goretzka später. Er wolle auch keinen Hehl daraus machen, dass es sich diesmal "ein bisschen anders angefühlt habe" im Vergleich zu anderen Auswärtsspielen.

Sollte deshalb auf ihm ein besonderer Druck gelegen haben: Er war ihm nicht anzumerken. Goretzka war der Regisseur einer frechen Mannschaft: "Wir wollten ein bisschen den Spieß umdrehen. Ich glaube, den Münchnern gefällt es nicht allzu gut, wenn sie dem Ball hinterherlaufen, das sind sie nicht gewohnt."

Die Schalker trieben mit ihrem Auftreten einen Trend auf die Spitze, der sich seit einigen Wochen in München beobachten lässt: Die Gegner der Bayern trauen sich wieder, vermehrt Offensivkräfte aufs Feld zu schicken und mutig nach vorne zu spielen. Zwar brachte das zuletzt weder Werder Bremen (2:4) noch der TSG Hoffenheim (2:5) Punkte ein, ebenso wenig den Mainzern im Heimspiel (0:2) oder Drittligist Paderborn im DFB-Pokal (0:6).

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Schalkes Niederlage gegen Bayern: Es geht auch ohne Heynckes

Doch erstens werden die Spiele der hoffnungslos enteilten Bayern dadurch wieder ein Stück weit attraktiver. Und zweitens werden die Münchner kurz vor der K.-o.-Phase der Champions League mit ihren Schwächen konfrontiert. Zum einen zeigte sich Bayerns Abwehr gegen die fleißig anlaufenden Schalker nicht immer pressingresistent. Vor allem aber laden sie selbst oft die Gegner zu Chancen ein.

"Wir müssen öfter den Abschluss suchen, um so auch Konter zu verhindern", sagte David Alaba. Müller sah das ähnlich: "Wir hatten vor und nach dem 1:1 selbst gute Kontermöglichkeiten, die dann durch einen fehlenden Abschluss zu Gegenkontern geführt haben."

Mit anderen Worten: Selbst schuld, dass der Gegner mit viel Tempo vors Tor kommt. In fünf Bundesligaspielen im Jahr 2018 haben die eigentlich übermächtigen Bayern auch deshalb nur einmal zu Null gewonnen. Da ist es eben auch kein Zufall, dass Torwart Sven Ulreich laut Bundestrainer Joachim Löw ins "Blickfeld" des DFB-Teams gerückt ist: Der Ersatz für den seit September verletzten Manuel Neuer bekommt genug zu tun, um aufzufallen.

Bayern München - Schalke 04 2:1 (2:1)
1:0 Lewandowski (6.)
1:1 Di Santo (29.)
2:1 Müller (36.)
FC Bayern: Ulreich - Kimmich, Boateng (71. Süle), Hummels, Alaba - Vidal - Müller, James (81. Martínez) - Robben , Ribéry (77. Coman) - Lewandowski
Schalke 04: Fährmann - Caligiuri, Stambouli, Naldo, Kehrer - Meyer (59. Oczipka), Goretzka - Schöpf, Embolo - Burgstaller (65. Harit), Di Santo (77. Konoplyanka) Zuschauer: 75.000
Schiedsrichter: Stieler
Gelbe Karten: James, Vidal - Meyer, Burgstaller

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Seite 1
Oskaraus der Tonne 11.02.2018
1. Ein erfrischendes Spiel
Es hat Spaß gemacht zuzuschauen. Leider hatten stark kämpfende Schalker neben den Münchener Spielern auch den Schiedsrichter gegen sich, der bei jedem Zweikampf mit zweierlei Maß maß. Schade drum, dass die Medien mittlerweile dermaßen auf Linie der DFL und der Schreihälse aus dem Süden sind, dass das so gar nicht zur Sprache kommt. Demgegenüber wird ein Goretzka herausgepickt, der zwar ein solides, aber beileibe kein überragendes Spiel abgeliefert hat.
Lassehoffe 11.02.2018
2.
Naja, unter ärgern verstehe ich was anderes. Aber schön, dass Bayern zumindest mal einen Sparingspartner hatte, der sich ein bisschen aufgelehnt hat gegen die Niederlage. Bis zur nächsten CL-Runde sind ja leider keine ernsthaften Gegner mehr in Sicht.
tomaraya 11.02.2018
3. Soarringspartner
Zitat von LassehoffeNaja, unter ärgern verstehe ich was anderes. Aber schön, dass Bayern zumindest mal einen Sparingspartner hatte, der sich ein bisschen aufgelehnt hat gegen die Niederlage. Bis zur nächsten CL-Runde sind ja leider keine ernsthaften Gegner mehr in Sicht.
Ja, einen ähnlichen Gedanken hatte ich auch, als ich UH gestern Abend im ZDF sportstudio Interview gehört habe. Es ist gut für die Mannschaft, wenn sie in der Bundesliga öfter gefordert wird, damit sie für die Champions Leauge die Spannung aufrecht halten könne. Anders gesagt: die Gegner in der BL sind nur noch Sparringspartner für die Bayern! Das traurige daran ist ja aber, dass er Recht hat...
mr-mucki 11.02.2018
4. bitte lasst die Euro Super Liga entstehen
Das hat doch alles keinen Sinn mehr in den Nationalen Ligen Europas. Bayern ist zwar das wohl extremste Beispiel aber auch in Frankreich, Italien, Spanien haben maximal 2 Clubs eine reelle Chance auf die Meisterschaft. und das ist schon seit mindestens 5 Jahren so. England hat wenigstens noch 4 bis 6 halbwegs gleichwertige Teams wobei , dieses auch am bröckeln ist. darum sollte die Euro Super Liga endlich eingeführt werden. dann würde der Kampf um die nationale und internationale Meisterschaft wieder spannend werden
floersche 11.02.2018
5.
Zitat von mr-muckiDas hat doch alles keinen Sinn mehr in den Nationalen Ligen Europas. Bayern ist zwar das wohl extremste Beispiel aber auch in Frankreich, Italien, Spanien haben maximal 2 Clubs eine reelle Chance auf die Meisterschaft. und das ist schon seit mindestens 5 Jahren so. England hat wenigstens noch 4 bis 6 halbwegs gleichwertige Teams wobei , dieses auch am bröckeln ist. darum sollte die Euro Super Liga endlich eingeführt werden. dann würde der Kampf um die nationale und internationale Meisterschaft wieder spannend werden
Ja, der Abgang aller "Zugpferde" aus den nationalen Ligen würde deren Spannung vermutlich gut tun. Ich befürchte aber, dass denen dann 50% der Zuschauer, des allgemeinen Interesses, der TV-Gelder und der Umsätze allgemein wegbrechen würden.
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