Bayern-Remis in Turin Super, aber...

Eine Stunde lang dominierte der FC Bayern den italienischen Rekordmeister nach Belieben. Trotz der späten Gegentore zeigten sich die Münchner zufrieden - und wollen im Rückspiel am eigenen Auftreten wenig ändern.

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Aus Turin berichtet Sebastian Winter


Es war kurz nach Mitternacht, Karl-Heinz Rummenigge hatte beim traditionellen Bankett des FC Bayern München gerade das Mikrofon in die Hand genommen. Da betrat Trainer Josep Guardiola den Saal - unter großem Applaus. Rummenigges übliche Rede wurde dann zu einer Eloge an die Mannschaft und ihren Trainer. "Es war eines der besten Champions-League-Achtelfinals, die ich je gesehen habe", sagte der 60-Jährige, der schon sehr viele Champions-League-Achtelfinals gesehen hat. Wichtiger war aber ein anderer Satz von ihm: "Wir sollten jetzt nicht den Fehler machen, mit dem Ergebnis zu hadern. Es hat das Tor geöffnet."

Rummenigge meinte das Tor zum Viertelfinale. Und Guardiola äußerte sich zufrieden: "Es war eines meiner besten Spiele als Trainer", sagte der Spanier. Allerdings mit zwei wuchtigen Schönheitsfehlern: Denn die Bayern vergaben die durch Thomas Müller (43. Minute) und Arjen Robben (55.) herausgespielte 2:0-Führung, Juventus Turin gelang vor 41.332 Zuschauern im eigenen Stadion noch der 2:2-Endstand, Paulo Dybala (63.) und Stefano Sturaro (76.) trafen. Und so bekam dieser Abend, an dem die Münchner eine Stunde lang begeisternden Fußball gespielt und Turin phasenweise vorgeführt hatten, noch diesen unnötig bitteren Beigeschmack, den Rummenigge beim Bankett schnell herunterspülen wollte mit diesem einen Satz.

Kollegen schützen jungen Pechvogel

Doch die Bayern-Profis haderten trotzdem mit dem Ergebnis, sie konnten gar nicht anders nach diesem Spielverlauf. Joshua Kimmich war wohl am unglücklichsten, der innenverteidigende Mittelfeldspieler verlor vor dem 2:1 den Ball an Mario Mandzukic und leitete damit den Anschlusstreffer ein, beim Ausgleich kam der bislang so starke Aushilfsdefensivmann einen Schritt zu spät. Keiner seiner Kollegen wollte ihn danach kritisieren, im Gegenteil: "Er hat wieder sehr, sehr gut gespielt. Es gibt genügend Situationen, wo wir Fehlpässe spielen, das passiert im Fußball. Aber der Gegner hatte nicht viele Torchancen", fand Kapitän Philipp Lahm.

Torwart Manuel Neuer war nicht glücklich, mit schmalen Lippen kam er aus der Umkleidekabine. Der Keeper hat ja erst zweimal in dieser Saison zwei Tore und mehr kassiert, bei der 1:3-Niederlage in Gladbach im Dezember und beim 0:2 in Arsenal im Oktober. "Es ist kein katastrophales Ergebnis, aber man fährt mit einem mulmigen Gefühl nach Hause und nicht mit einem perfekten Ergebnis. Das ist bitter, deshalb überwiegt die Enttäuschung", sagte Neuer.

Torschütze Müller fand das Ergebnis "ärgerlich, aber leicht positiv", der zweite Torschütze des Abends, Arjen Robben, beobachtete in der Kabine spürbare Enttäuschung, für Lahm war "ein bisserl Ärger dabei". Doch zugleich waren sie auch ziemlich zufrieden mit sich an diesem ambivalenten Abend, an dem die Zuschauer zwei grundverschiedene Spiele geboten bekamen: völlige Dominanz der Bayern und ein extrem defensives, fast unterwürfiges Turin bis zur 60. Minute. Und nach dem Anschlusstreffer sehr nervöse Münchner, die verzweifelt versuchten, wieder ihre Ordnung in der Defensive herzustellen - aber trotzdem noch eigene Chancen hatten.

Der Matchplan fürs Rückspiel steht

Im Grunde war das Spiel eine Blaupause des Istzustands dieser Münchner: offensiv so stark wie kaum eine andere Mannschaft, defensiv aber sehr anfällig. Die verletzten Innenverteidiger fehlen ihnen gewaltig, vor allem auf hohem Champions-League-Niveau sind sie nicht zu ersetzen, das hat das Spiel gegen Turin auch gezeigt.

Kapitän Lahm sprach, bevor der Mannschaftsbus von fünf Polizeiautos eskortiert zum Bankett fuhr, mehrmals von der "Schablone" der Münchner, die in den ersten 60 Minuten sehr gut gepasst habe. "Wir hatten eine Idee. Wenn man das Angriffspressing überwindet, sind sie eine klassische italienische Mannschaft, die eigentlich mehr mit Fünferkette spielt", sagte Lahm. Die Bayern überwanden das Mittelfeld schnell und fanden über Douglas Costa und Robben viele Lücken. "Wir waren vorbereitet. Wir werden da auch nicht so viel ändern", stellte der Bayern-Kapitän vor dem Rückspiel in drei Wochen klar.

Sie sollten dann nur nicht mehr allzu fahrlässig mit ihren Chancen umgehen. Denn Juventus hat in Turin innerhalb von nur 13 Minuten gezeigt, wie man die Bayern-Schablone mit schnellen Gegenstößen überlisten kann.

Im Video: Die Bayern-Stimmen nach dem Spiel

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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
johannesraabe 24.02.2016
1.
Dann hätte man halt mehr Tore schießen sollen. So ist das im Sport. Sollte Turin das erste Tor in München schießen, ist das selbstbewusstsein weg. Und dann heißt es Ciao FCB.
ge1234 24.02.2016
2. Schade...
...., dass die phasenweise grandiose Vorstellung der Bayern nicht belohnt wurde. Wer diese Leistung der Bayern nicht anerkennt, hat wahrlich keine Ahnung vom Fußball! Kimmich ist in meinen Augen der tragische Held des Abends: Beim 1:2 muss er als junger Spieler schmerzlich erfahren, dass auf diesem Niveau auch der allerkleinste Fehler sofort bestraft wird; beim 2:2 hat man gesehen, dass er halt kein gelernter Innenverteidiger ist. Ein toller Fussballabend!
Ralf1234 24.02.2016
3. Zweifel
So langsam bekomme ich am Zweifel am Titel der Veranstaltung "Champions League". Wenn sich eine Mannschaft zumindest 45 Minuten lang am eigenen 16 versammelt, dann ist das nicht Champions League würdig. Da lob ich mir doch Handball , da MUSS jede Mannschaft auch Angriff spielen.
alexandermaurer 24.02.2016
4. Glauben Sie das wirklich
Zitat von johannesraabeDann hätte man halt mehr Tore schießen sollen. So ist das im Sport. Sollte Turin das erste Tor in München schießen, ist das selbstbewusstsein weg. Und dann heißt es Ciao FCB.
Das Bayern bei einem Gegentor das Selbstbewusstsein verliert und bei dieser Offensiv Power kein Tor machen kann. Besonders da im Rückspiel auch Martinez wieder dabei ist und Benatia und Ribery wieder voll im Saft stehen?
ardiles 24.02.2016
5.
So ist Fußball in Deutschland. Ein Reporter/Kommentator bildet sich eine Meinung, spricht es im Fernsehen aus und ganz Deutschland prügelt auf einen jungen Fußballer, der für sein Alter, Größe und Erfahrung auch noch ein sehr gutes Spiel gemacht hat, ein Zugegeben: das erste Gegentor geht ganz klar auf Kimmichs Fehler zurück. Das zweite Tor allerdings geht -ebenso so klar wie das erste Gegentor - auf ein Doppelfehler von Lahm zurück. Lahm hat beim Zuspiel von Neuer nicht nur den Ball an den Gegner geköpft, nein, er kam bei der Hereingabe, was zum Tor führte, auch noch zu spät. Diese beiden Fakten werden von den sog. Fußball-Experten nicht erwähnt aber das Kimmich eine Zehntelsekunde zu spät kam beschäftigt ganz Fußball-Deutschland. Ich nenne das mal Schwarmidiotie und Schweigespirale.
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