Bayern-Gegner Anderlecht Gut Ding hat Weiler

Er gilt als unbequemer Coach, aber wo er hinkommt, hat er Erfolg. Der Schweizer René Weiler hat den RSC Anderlecht in die Champions League geführt. Dort treffen die Belgier jetzt auf den FC Bayern.

imago/Panoramic International

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Der Fußballtrainer René Weiler wird gerne mit einer Zitrone in Verbindung gebracht. Er presse die Teams, die er betreue, ähnlich aus wie eine Zitrusfrucht, heißt es dann. Er verlange zu viel von den Spielern, nach zwei, drei Jahren sei der Coach dann wieder weg, und von den Mannschaften bleibe nur noch die Schale übrig.

Tatsächlich haben seine bisherigen Klubs nach Weilers Abschied eine deutliche Abwärtstendenz vorgenommen. Der FC Aarau, den Weiler in der Schweiz zum Aufstieg geführt hatte, wurde danach schnell wieder zweitklassig, und der 1. FC Nürnberg, mit Weiler immerhin bis in die Erstligarelegation gegen Eintracht Frankfurt gekommen, führte danach wieder ein graues Leben im Zweitliga-Mittelmaß. Aber das spricht ja eher für den Trainer als gegen ihn.

Seit einem Jahr betreut der Coach den belgischen Traditionsverein RSC Anderlecht. Der Verein ist unter Weiler erstmals seit drei Jahren wieder Meister geworden, in der Europa League ging es bis ins Viertelfinale und in die Verlängerung gegen Manchester United. Jetzt stehen Weiler und Anderlecht in der Champions League, am Abend reisen die Belgier zum ersten Gruppenspiel bei Bayern München (20.45 Uhr Sky, Liveticker SPIEGEL ONLINE) an. Bislang ging es für Weiler stetig nach oben.

Zeitung nannte ihn "die größte Ich-AG der Liga"

Ehrgeizig, ohne Angst anzuecken, so wird der Schweizer meist beschrieben, dazu gehört eben auch, dass er die Arbeit an einem Ort beendet, wenn er keine große Perspektive mehr sieht. Sowohl in Aarau als auch in Nürnberg ging er, obwohl er in beiden Fällen noch gültige Verträge besaß. Die "Sport Bild" nannte ihn nach dem Abgang aus Nürnberg "die größte Ich-AG der Liga". Bei Anderlecht jedoch wollten sie genau so einen Trainertypen haben. Manager Herman van Holsbeek suchte einen, der aufräumen kann und zahlte dem FCN dafür angeblich 800.000 Euro Ablösesumme.

Der RSC ist mittlerweile 34-facher belgischer Titelträger, der Klub ist noch mehr Rekordmeister als der FC Bayern, ohnehin sind die beiden Vereine, was das Renommee und ihre Erfolge im Lande anbetrifft, durchaus vergleichbar. Aber bevor Weiler kam, war Anderlecht zwei Jahre hintereinander kein Meister geworden, hatte dem FC Brügge und KAA Gent den Vortritt lassen müssen. Weiler kam mit dem klaren Auftrag, das Team wachzurütteln.

Dafür hatte der Schweizer seine eigenen Methoden: Kurz nach Amtsantritt schickte er den Publikumsliebling Anthony Vanden Borre und Angreifer Hamdi Harbaoui weg, das gab viel Aufregung und böse Worte, aber am Ende war Anderlecht endlich wieder Meister geworden, und Manager Herman van Holsbeek gönnte sich ein zufriedenes Lächeln.

Tielemans hat eine Lücke gerissen

In dieser Saison läuft es noch nicht ganz so gut, nach sechs Spieltagen hat Anderlecht gerade zweimal gewonnen, liegt auf Platz zehn und hat schon acht Punkte Rückstand auf den überraschenden Tabellenführer Charleroi. Die ersten im Klub denken schon an das Bild von der Weiler'schen Zitrone, allerdings liegt es wohl eher daran, dass das Team den Abgang seines Mittelfeld-Juwels Youri Tielemans noch nicht verkraftet hat. Der 19-Jährige war von fast allen finanziell potenten europäischen Klubs gejagt worden, auch Borussia Dortmund hatte gesteigertes Interesse, am Ende landete er beim AS Monaco.

Die Lücke von Tielemans ist noch nicht geschlossen, Weiler hat in der Vorwoche selbst bemängelt, dass die Neuzugänge noch nicht so weit seien, es fehle noch an den Automatismen, eigentlich ist das auch normal zu Beginn einer Saison, der Gegner aus München hat ähnliche Sorgen.

Am Wochenende gab es endlich den zweiten Saisonsieg für den RSC, beim mühsamen 3:2 über den SC Lokeren trafen die Stürmer Henry Onyekuru und Lukasz Teodorczyk. Es würde überraschen, wenn Manuel Neuer oder Mats Hummels deren Namen schon gehört hätten. Anderlecht ist der große Außenseiter in der Vorrundengruppe mit den Bayern, PSG und Celtic. Weiler sagt im Interview: "Es soll mir keiner kommen und sagen wollen, dass ich als Trainer vorleben soll, dass Siege gegen Bayern und PSG sehr gut möglich sind." Die Aussage erschien in der "Sport Bild", die das Gespräch als das "jetzt schon ehrlichste Interview der Champions-League-Saison" abfeierte. Die Ich-AG scheint vergessen.

In jedem Fall hat Anderlecht keinen Trainer von der Stange verpflichtet, als sein Vorbild nennt Weiler seinen Landsmann Lucien Favre, ein ähnlich sperriger Charakter. Der "Neuen Zürcher Zeitung" hat er mal gesagt: "Fußball ist nicht das Leben, es ist ein Teil davon." Er könne sich gut vorstellen, in ein paar Jahren nicht mehr Trainer zu sein, sondern eine Bar in Zürich aufzumachen. Dort kann er dann Cocktails servieren. Mit Zitrone.



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