Nach der 28. Deutschen Meisterschaft Warum sich Bayern-Fans noch freuen

Der FC Bayern ist Deutscher Meister, so wie jedes Jahr. Langweilig! Finden viele. Quatsch, meint Bayern-Fan Anja Rützel: "Über Ostern freut man sich doch auch."

Jubelnde Bayern-Profis
REUTERS

Jubelnde Bayern-Profis


Wirklich, ich freue mich. So sehr, dass ich am Samstagvormittag noch extra aus dem Haus gegangen bin und eine Tafel Schokolade mit Eierlikörfüllung gekauft habe, um sie am Abend zu Ehren des 28. Meisterschaftstitels meines Vereins festlich und in Gänze zu verspeisen.

Eventuell rufe ich noch meine Mutter (BVB-Fan) an und lasse mir von ihr gratulieren, eine liebe Gewohnheit. Wahrscheinlich wird sie mich wieder fragen, ob ich mich überhaupt noch über einen neuen Bayern-Titel freuen könne, weil die alljährliche Gewinnerei in den vergangenen Jahren des lückenlosen Meisterschaftsreigens inzwischen ja schon Gewohnheit geworden sei.

Muss man erst leiden, um sich zu freuen?

Ich finde diese Frage komisch: Als könne man sich nur dann richtig freuen, wenn man sich zuvor eine ganze Weile nicht freuen durfte. Als sei ein Titel weniger wert, weil er der sechste in einer Reihe und nicht der erste seit sechs Jahren ist. Zugegeben, der gewonnene Champions-League-Titel 2013 strahlte vor dem Hintergrund des tränenverhangen finsteren "Finale dahoam" doppelt so hell - aber ich hätte ein Jahr zuvor auch gut darauf verzichten können, beim finalen Elfmeterschießen mit rasendem Herzen beim Public Viewing im Kies eines Münchner Biergartens zu knien.

Von links und rechts hatten sich zwei fremde, in Vorahnung schon leise ächzende Fans wie verlorene Koalabären an mich rangeschnuggelt, während ich eine präparierte Rehpfote, die sich durch das Turnier als unfehlbarer Glücksbringer erwiesen hatte (eine längere Geschichte), so fest umklammerte, dass meine Hand wehtat. Wirklich, hätten wir damals gewonnen, ich hätte mich SEHR gefreut, ganz ohne vorangegangenes Niederlagenjammertal als Kontrast.

Seltenes Bild: Spieler des FC Bayern nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2012
DPA

Seltenes Bild: Spieler des FC Bayern nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2012

Schwarzwälder Kirsch schmeckt auch ohne Gewaltmarsch

Gefühlslagen werden schließlich nicht von einem Achterbahn-Architekten konstruiert, der darauf achtet, dass man immer schön abwechselnd in die Tiefe rauscht und wieder furios daraus in höchste Höhen emporsaust. Klar, während solcher Berg-und-Tal-Fahrten quieken die Passagiere meistens lauter als die Fans in der Allianz-Arena bei erfolgreichem Torschuss, aber es gibt eben verschiedene Ausdrucksweisen von Freude. Man muss nicht immer krakeelen.

Und man muss nicht immer erst sichtbar schwitzig und demonstrativ angestrengt um einen Titel ringen, um ihn genießen zu können. Souveränes Siegen ist doch auch schön, das erlebt man viel zu selten im Leben. Die Charaktere sind da vielleicht unterschiedlich, aber ich persönlich muss nicht erst eine lange, entbehrungsreiche Wanderung durch Regengüsse und Sumpfwannen unternehmen, um mich am Ende von Herzen über das fantastische Stück Schwarzwälder Kirsch freuen zu können, das mir am Zielpunkt im Ausflugslokal als Belohnung für meine Mühen überreicht wird - ich kann auch gemütlich mit dem Auto ins Café gondeln und freue mich genauso über die Torte.

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Meisterschaften und Ostern kann man jährlich feiern

Es sei halt einfach nicht mehr spannend, mäkelte vergangenes Wochenende beim Osterkaffee ein Freund, wenn Bayern immer gewinne. Ich entgegnete ihm, zugegebenermaßen etwas übermütig, dass sich die Leute doch auch jedes Jahr an Ostern freuen, dass Jesus auferstanden ist, und nicht herumkritteln, dass zur Abwechslung doch mal die mit ihm Gekreuzigten Dismas oder Gestas den Heiland machen sollten, damit die Feiertage wieder spannend würden.

So vieles im Leben ist unvorhersehbar, manchmal glücklicher-, manchmal schrecklicherweise, da habe ich nichts gegen ein bisschen Konstanz. Zumal es, davon abgesehen, doch durchaus Abwechslung gibt: Die Bayern gewinnen ja immer anders. Mal knäpplich abgerungen, mal aberwitzig offensichtlich wie zuletzt beim 6:0 gegen Dortmund.

Trauma durch Kartoffelbreiwerbung

Ich werde jedenfalls sehr gerne jedes Jahr Meister, es langweilt mich kein bisschen, vielleicht lässt sich das auch auf frühkindliche Prägung schieben: Als Kind fürchtete ich mich stets vor dem Instantkartoffelbreiwerbespot, in dem ein geschwätziger Opa am Frühstückstisch seine Familie bis ins Mark verunsicherte: "Wisst ihr schon? Oma stampft nicht mehr!"

Obwohl ich mir selbst nicht einmal besonders viel aus Kartoffelbrei machte, beunruhigte mich dieses kurze Filmchen auf unerklärlich heftige Weise, wohl auch, weil ich der stampffaulen Oma keinen Moment lang abkaufte, dass der fertig aus der Packung angerührte Brei ja sowieso genauso schmecke wie der Handstampfpampf. Ich war damals übrigens auch schon Bayern-Fan. Und ich glaubte in diesen Jahren ziemlich lange, dass das Wort Meister von "meistens" kommt.



insgesamt 107 Beiträge
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ADie 08.04.2018
1. Wir machen jetzt aus allen Feiertagen Ostern
Wir feiern jetzt auch statt Weihnachten Ostern und natürlich ist am 1. Mai auch Ostern. Ja wir machen aus allen Feiertagen Ostern, dann gibt's nur noch Eier und Osterhasen. Das entspräche dann der Langeweile wie sie in der Bundesliga inzwischen herrscht. Frau Rützel: Sie haben eindrucksvoll bewiesen, dass sie vom Fussball und allgemein vom sportlichen Wettbewerb nicht die leisteste Ahnung haben.
Pela1961 08.04.2018
2. Ich musste mich
auch lange Zeit als "Erfolgsfan" bezeichnen lassen. Früher, in den Siebzigern, hörte sich das anders an. Da sagte man noch "du magst die ja nur, weil die gewinnen". Und was soll ich sagen? Stimmt! Ich mag die Bayern, weil sie schönen Fußball spielen (für meinen Geschmack) und dadurch gewinnen sie nun mal. Ich fände es ausgesprochen fragwürdig, wenn jemand sagen würde, er wäre Anhänger eines bestimmten Vereins, weil die so einen Mist zusammen spielen und sowieso keinen Ball geradeaus schießen können. Ich finde es auch unsinnig, Anhänger eines bestimmten Vereins zu sein, nur weil ich zufällig an dem Ort geboren wurde, wo der Verein irgendwann Jahrzehnte vorher gegründet wurde. Sehe ich ehrlich gesagt keinen Sinn drin. Es gibt ja auch Menschen in München, die keinen BMW fahren. Und nicht jeder Ingolstädter fährt Audi. Und nicht jeder Hamburger hat ein Schiff im Hafen. Ich freue mich auch über diesen Meistertitel. Auch wenn ich mich langsam dran gewöhnt habe. Aber es ist jedes Jahr wieder die Bestätigung, dass der Verein, dessen Fahne ich hier rumhängen habe, wieder mal verdammt viel richtig gemacht hat. Da kann ich nix für, ich habe weder die Transfers getätigt noch vor den Ball getreten, aber freuen tu ich mich trotzdem. Und ich vermute, ich würde mich auch über den siebten Titel freuen. Weil - wie ein bekannter Forist hier zu Beginn der Saison mal sagte - der Vorsprung auf den Zweiten in der nächsten Saison nicht mehr da ist. Und wenn die anderen dann wieder die gleichen Fehler machen wie diese Saison, wird der FCB eben wieder Meister. Aber vielleicht tut ja mal einer was für die Spannung und macht was richtig. Müssen ja nicht die Dortmunder sein - die haben ja genug Versuche gehabt.
der-junge-scharwenka 08.04.2018
3. Das Amen in der Kirche
Vielleicht muss man das so sehen, wenn man Bayern-Fan ist, weil sich anders die eigene Euphorie gar nicht mehr begründen lässt. Dennoch ist das ziemlich banal. Mit der gleichen Begründung könnte ich mich darüber freuen, dass mein Kaffee jeden Morgen flüssig (und nicht fest) ist. Mit etwas mehr Nüchternheit wird man aber feststellen müssen, dass ein gesetzlicher Feiertag und eine Meisterschaft, in der 18 Mannschaften miteinander konkurrieren und die vom Wettbewerb lebt, ja wohl doch zwei sehr verschiedene Dinge sind. Die Annahme, dass ein Bayern-Titel so sicher kommen müsse wie Ostern (oder wie das Amen in der Kirche...), zeigt jedenfalls - sofern es keine Ironie sein sollte - den Grad an Entrücktheit, den diese Münchner Truppe und ihre Anhängerschaft inzwischen erreicht haben. Ihr Bayern, spielt mal ruhig in Eurer eigenen Liga. Die eigentliche Meisterschaft ist der Kampf um Platz zwei. Das ist weitaus spannender als Euch beim Dauersiegen zuzusehen. Wer Zweiter wird, ist der eigentliche Champion. Er hat Sympathie und Freude verdient.
geradsteller 08.04.2018
4. Stimmt mit Ostern
Über Ostern und Weihnachten freut man sich auch. Aber ich muss diese Feiertage da nicht jedes Mal den Buddhisten den Muslimen, oder den Kopten Weg kaufen, damit die nicht mit dem Grund zur Freude an mich heran kommen. So, nun genug der albernen Vergleiche Zwei Dortmunder, ein Hoffenheimer und ein Schalker sind Meister.
stefan kaitschick 08.04.2018
5.
"Schwarzwälder Kirsch schmeckt auch ohne Gewaltmarsch" Aber das dritte Stück schmeckt doch nicht so gut wie das erste.
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