Bayerns Remis gegen Mainz "Wir sind Profis. Aber auch Menschen"

Das Champions-League-Aus gegen Real hat Spuren hinter lassen. Das zeigt auch Bayerns Remis gegen Mainz. Stimmung und Selbstvertrauen sind gedrückt. Und das kurz vor dem Pokal-Halbfinale gegen den BVB.

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Aus München berichtet Florian Kinast


Zum Schluss dieses unerfreulichen Nachmittags, eine Stunde nach dem dürftigen 2:2 gegen Mainz 05, zitierte Mats Hummels noch seinen alten Trainer aus Dortmunder Tagen: "Jürgen Klopp hat einmal gesagt: 'Es gibt keine leichten Spiele, wenn man sie sich vorher einfach vorstellt.' Ich finde den Satz noch immer ganz passend. Wenn man sich denkt, es wird ein Spaziergang, dann wird es meistens keiner." Hummels war als Letzter aus der Bayern-Kabine gekommen, er blickte dabei genauso leer und frustriert drein wie seine Mitspieler, Arjen Robben etwa oder Thomas Müller.

Sie alle mussten erkennen: Zu einem leichtfüßigen Spaziergang war der FC Bayern an diesem Samstag einfach nicht in der Lage, vier Tage nach dem dramatischen Aus in der Champions League bei Real Madrid. Stattdessen humpelten und stolperten sie schwerfällig über den Platz, mental noch immer auf den Krückstock gestützt. Der Dienstagabend hatte länger als gedacht seine Spuren hinterlassen, die Wunden waren noch immer nicht vernarbt. So analysierte Müller die Stimmungslage ganz treffend: "Real hängt uns noch immer nach, auch wenn es uns nicht nachhängen sollte. Wir sind ja Profis." Dann sagte er: "Aber wir sind eben auch Menschen."

Thomas Müller
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Die Partie gegen Mainz war die vermutlich undankbarste der gesamten Saison. Auch wenn Carlo Ancelotti noch am Freitag beschworen hatte, die 120 Minuten von Madrid seien abgehakt: Sie waren es eben nicht. Die Spieler waren nicht in der Lage, sich für die nötige Konzentration und Konsequenz zu motivieren. Es war für sie nicht möglich, sich nach dem rauschenden Duell mit einer der aktuell weltbesten Mannschaften nun in solch einem Pflichtkick gegen einen Bundesliga-Abstiegskandidaten durchzusetzen. Deshalb musste auch der Trainer nach der Partie erklären: "Nach dem Schock von Madrid war es heute schwierig für uns." Sichtlich schwer tat sich aber auch Ancelotti selbst, die vergangen 14 Tage, seine bisher bitterste Zeit beim FC Bayern, zu verarbeiten.

Richtungsweisendes Pokalspiel gegen Dortmund

Noch vor zwei Wochen hatten die Münchner beim 4:1 gegen Dortmund eine furiose Gala gefeiert und hohe Fußballkunst zelebriert. Dann begannen die Verletzungssorgen, es folgte das Hinspiel gegen Real (1:2), ein 0:0 in Leverkusen, das packende 2:4 in Madrid, nun ein Remis gegen Mainz. Vier Spiele ohne Sieg, ganz schnell hat sich Ratlosigkeit und Freudlosigkeit breitgemacht in München. Statt sich über Triumphe zu freuen, herrscht plötzlich Trübsinn. Natürlich konnten sie dabei am Samstag mit Recht noch auf die Enttäuschung gegen Real verweisen. In der kommenden Woche können sie das nicht mehr.

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Bundesliga: Bayerns Remis gegen Mainz

Das Spiel am Mittwoch im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Borussia Dortmund (20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird nicht nur über den Einzug ins Finale nach Berlin entscheiden. Es wird auch richtungsweisend für die kommenden Wochen bis Ende Mai. Mit einem Sieg können sich die Bayern das derzeit abhandengekommene Selbstvertrauen zurückholen, um die Saison seriös und erfolgreich zu Ende zu spielen - und um mit Meisterschaft und Pokal wenigstens das Double zu holen. Geht nun aber auch das Spiel gegen Dortmund verloren, dann ist zu befürchten, dass ein mächtiges Stimmungstief Einzug halten wird, wie man es in München jahrelang nicht mehr erlebt hat.

Sicher, die fünfte Deutsche Meisterschaft in Serie dürfte niemand ernsthaft infrage stellen. Selbst bei einem Leipziger Sieg am Sonntag auf Schalke haben die Bayern noch sechs Punkte Vorsprung. Allerdings waren es auch schon einmal 13, vor genau einem Monat nämlich, als Präsident Uli Hoeneß das Titelrennen schon für entschieden erklärte. So quälen sich die Bayern also eher zur Meisterschaft und üben sich stattdessen lieber noch in Wehklagen über vermeintliche Ungerechtigkeiten der Vergangenheit.

Rummenigge hadert immer noch mit Kassai

So wie bei Karl-Heinz Rummenigge, der im Vorwort des Stadionmagazins den FC Bayern bezüglich des Spiels in Madrid immer noch in der Opferrolle sah. Nach seiner Klage bei der Bankettrede in Madrid ("Ich spüre eine Wut in mir" - "Wir sind beschissen worden") legte der Klubboss noch einmal nach, zählte einzeln die Fehlentscheidungen von Schiedsrichter Viktor Kassai auf (allerdings nur die gegen die Bayern und nicht die gegen Real) und schrieb: "Wir sind nicht bloß unglücklich ausgeschieden, sondern auch unverdient." Eine Meinung, die er wohl exklusiv haben dürfte.

Realistischer sah es da Hummels, der nach dem Remis gegen Mainz erklärte: "Madrid ist verdient weitergekommen, und wir in der Mannschaft haben nicht drei Tage auf Kassai geschimpft, sondern uns selbst hinterfragt." Hinterfragen müssen sie sich vor allem vor dem kommenden Mittwoch noch einmal, in Sachen Einstellung, Begeisterung, Leidenschaft.

Zumindest wird dann niemand den alten Klopp-Spruch bemühen. Leicht stellt sich das Spiel gegen Dortmund sicher keiner vor.



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knumue 23.04.2017
1. Mia san deppert
Langsam reicht's aber. Die Bayern sind gegen Madrid rausgeflogen, mit Pech aber zu Recht. Jetzt wird gejammert und geklagt, als stehe der Weltuntergang unmittelbar bevor. Der vermeintliche Fußballgott Müller outet sich überraschend als "Mensch", der Trainer beklagt, dass die Opfer der Niederlage weiter Fußball spielen müssen, ohne sich erst einmal 14 Tage lang in psychotherapeutische Behandlung begeben zu können, und die Oberlederhose Rumenigge möchte die Bundesregierung(!) einschalten, um seine Wut auf die Spanier irgendwie auszuleben. Bleibt offen, ob Uli Hoeneß den ungarischen Botschafter schon in die Säbener Straße einbestellt hat. Die spinnen, die Bayern!
JKStiller 23.04.2017
2. Die Bayern nicht fit auf den Punkt
Was hat der Ancelotti denn da angerichtet? Oder kann ein überalterter FCB nicht mehr? Mir egal, da ich kein Fan bin. Viel interessanter als die Quälerei der Bayern zur Meisterschaft und ihr Wehklagen über vermeintliche Ungerechtigkeiten der Vergangenheit, finde ich dieses Rasenballsport-Gedöns. Durchmarsch durch drei Ligen und bei einem Sieg morgen nur noch 6 Punkte hinter dem Platzhirsch. Da stellt sich doch mal die Frage, was eigentlich die etablierten Vereine seit Jahren so treiben, wenn sie vorgeben zu arbeiten, zu scouten, einzukaufen, zu trainieren, zu sondieren und ihre Fans regelmäßig gebetsmühlenhaft immer wieder beruhigen müssen, wenn dann doch mal wieder eine Saison komplett verspielt wurde. Ich bin weiß Gott kein Fußballexperte, aber irgendwie scheint es nicht richtig zu sein, dass von Platz 6 bis Platz 16 am 31. Spieltag noch alles möglich ist. Da schreit einen das Versagen geradezu an und die Qualität der Liga laut um Hilfe.
verruca 23.04.2017
3.
Wie schon gegen Madrid war auch heute nicht der Schiedsrichter der alleinig Schuldige. Das wäre zu billig. Ein Abstiegskandidat muss im eigenen Stadion auch über einen überforderten SR hinweg zu schlagen sein. Aber ähnlich wie bei den diversen eklatanten Fehlentscheidungen am Dienstag ist es einfach unerhört schwer, wenn zwei klare Strafstöße verweigert werden während ein "Kann-11m" auf der anderen Seite ohne zu zögern gegeben wird. Warum bekommt ein auf diesem Level noch unerfahrener Schiedsrichter keine Hilfe per Funk von seinem Team? Der Tritt gegen Lewas Bein grenzte an einer roten Karte und Willenborg lässt einfach mal weiterlaufen? 60 000 springen im Stadion auf, alle Fernsehsender sowie deren Experten sind sich einig, die interviewten Mainzer Spieler/Offiziellen sprechen unumwunden von einer sehr glücklichen Entscheidung, nur der 10m entfernt stehende Willenborg will NIX gesehen haben? Krass!
titzck 23.04.2017
4. Unprofessionell
Der FC Bayern ist in schlechter Verfassung. Die Verurteilung des Präsidenten lastet auf der Mannschaft. Es braucht frischen Wind. Der Trainer bringt es nicht. Die Spieler sind verunsichert.
RalfHenrichs 23.04.2017
5. Wenn Dortmund
sagt, "Wir sind auch Menschen" ist es absolut verständlich. Bei Bayern ist es nur peinlich. Werden sie mal - wie in Deutschland üblich - nicht vom Schiedsrichter bevorzugt sondern gerecht behandelt, fängt Rummenigge an öffentlich zu heulen. Niederlagen gehören für einen Profi dazu - Bombenattentate nicht. Wer über eine Niederlage auch nur einen Tag wehklagt und seine Leistung nicht abrufen kann, sollte sich nicht Profi sondern Amateur nennen.
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