Von Christian Paul und Rafael Buschmann
Der Handschlag war flüchtig, es gab nur wenige Worte. Als Matthias Sammer einen Tag nach dem EM-Halbfinale der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien am Warschauer Flughafen auf Christian Nerlinger traf, war von Herzlichkeit wenig zu spüren.
Die Erklärung für die kühle Begegnung kam am Montagmittag per Pressemitteilung. "Nachdem zwischen Matthias Sammer und dem FC Bayern in den zurückliegenden beiden Tagen Einigkeit über seine neue Tätigkeit erzielt wurde, hat Matthias Sammer heute im Laufe des Vormittags auch die Freigabe des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erhalten", teilte der FC Bayern München mit.
Übersetzt: Der Sportdirektor des DFB wechselt zum deutschen Rekordmeister. Mit sofortiger Wirkung.
Nerlinger blieb profillos
Nach zwei Spielzeiten ohne Titel, in denen Double-Gewinner Borussia Dortmund dem Rivalen aus dem Süden mehrere schmerzhafte Niederlagen zufügte, scheint beim FC Bayern die Erkenntnis gereift zu sein, dass es für die großen Triumphe nicht mehr reicht, einfach nur neue Stars zu kaufen. Präsident Uli Hoeneß und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge haben es satt, in der Liga vom Kollektiv-Fußball des BVB vorgeführt zu werden.
Deshalb werden Fehler aus der Vergangenheit korrigiert. Nerlinger, den Hoeneß als seinen Nachfolger installiert und sehr behutsam aufgebaut hatte, konnte in seiner dreijährigen Amtszeit nie ein eigenes Profil entwickeln. Er stand immer im Schatten des mächtigen Bayern-Bosses. Bei Sammer könnte das anders werden.
Der 44-Jährige, der seit 2006 in verantwortlicher Position als Sportdirektor für den DFB tätig war, etablierte zahlreiche Strukturen in der Jugend- und Trainerausbildung des Verbands - auch gegen große Widerstände. Dazu gehörten der Ausbau der Jugendleistungszentren, die Schul- und Persönlichkeitsförderung von Spielern, aber auch frühsportliche Förderkonzepte.
Die deutsche Nationalmannschaft profitiert seit Jahren von diesen Strukturen. Spieler wie Mats Hummels, Sami Khedira, Manuel Neuer, Holger Badstuber oder Mario Götze durchliefen seit 2006 zahlreiche Jugendmannschaften des DFB. Über Khedira sagte Sammer bereits 2008, dass "das ein künftiger Weltstar werden kann. Sami bringt alles mit, um ein großer Führungsspieler zu werden."
Hoeneß träumt von Bayern-Spielphilosophie
In der Öffentlichkeit erntet Sammer für die Erfolge der deutschen Nationalmannschaft allerdings weit weniger Lob als Bundestrainer Joachim Löw. Dessen Verhältnis zu Sammer gilt nach dem gewonnenen Kompetenzkonflikt um die deutsche U21 als professionell, mehr nicht. Sammers Wechsel zu den Bayern ist deshalb nicht nur wegen seiner Familie, die in München wohnt, ein nachvollziehbarer Schritt.
Bereits seit Wochen ist bekannt, dass die Münchner ihre Jugendarbeit neu strukturieren. Pikanterweise kam dabei Nerlinger eine große Rolle zu. Ex-Profi Mehmet Scholl trainiert nach rund zweijähriger Abstinenz wieder die Bayern-Reserve in der Regionalliga. Hermann Hummels, Vater des BVB-Profis Mats, musste seinen Posten als Nachwuchskoordinator räumen. Jugendkoordinator wird Hans-Jörg Butt, der Torwart beendete seine aktive Karriere am Saisonende.
Präsident Hoeneß träumt seit langem davon, dass der FC Bayern ein ebenso charakteristisches wie erfolgreiches Spielsystem entwickelt, eines mit hohem Wiedererkennungswert. So wie die deutsche Nationalmannschaft. Oder Borussia Dortmund. Der ehemalige BVB-Profi und Meistertrainer Sammer, der seinen Vorgänger Nerlinger in Dortmund noch als Spieler im Kader hatte, soll dabei nun helfen.
Das Sammer-Prinzip, Mannschaften nach kreativen Individualisten, Führungs- und Mannschaftsspielern zu unterteilen und in einer Elf immer für eine Mischung zwischen diesen Spielertypen zu sorgen, ist eines der Kernelemente der DFB-Jugendförderung. Genau das dürfte auch sein Ziel für den FC Bayern sein, angefangen bei den ganz Jungen bis hin zu den Profis.
Sammer schließt Rückkehr auf Trainerbank aus
Doch in den Trainingsalltag wird der ehemalige Libero nicht eingreifen. Spekulationen, wonach Sammer den Sportdirektor-Posten lediglich bis zum Abgang von Bayern-Coach Jupp Heynckes ausfüllen soll und danach eine Doppelfunktion als Trainer und Manager bekleiden werde, erteilte Münchens Neuzugang bereits Ende März eine Absage.
Bei der DFB-Trainerlehrerscheinvergabe in Bonn sagte Sammer SPIEGEL ONLINE, dass "ich nicht vorhabe, jemals wieder auf die Trainerbank zurückzukehren. Ich will konzeptionell arbeiten, eine Philosophie entwickeln und umsetzen. Als Trainer hat man dafür nur selten genug Zeit." Auch Hoeneß sagte 2010, dass es "ein Magath-Modell beim FC Bayern München nicht geben wird". Beim VfL Wolfsburg ist Magath sowohl Trainer als auch Manager.
Zwischen Sammer und Hoeneß besteht eine jahrelange Freundschaft. Als Sammer Anfang 2011 kurz davor stand, zum Hamburger SV zu wechseln, soll ihn ein Anruf von Hoeneß erreicht haben. Kurz darauf sagte Sammer dem HSV ab. Wie erfolgreich Sammer in dem traditionell unruhigen Münchner Umfeld arbeiten kann, wird auch von seinem Verhältnis zur Bayern-Führung abhängen.
Deren Erfahrungen mit Veränderungen sind nach dem Scheitern von Trainer Jürgen Klinsmann nicht die besten. Beim DFB konnte Sammer durch seine Autorität, sein Auftreten und seine sportlichen Erfolge auch unpopuläre Entscheidungen im Verband umsetzen. Arbeiten konnte er weitgehend autark. So sehr, wie es sein Vorgänger Nerlinger bei den Bayern nie konnte.
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