FC Bayern München: Sammer mia!

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Ist das der Beginn einer Traumehe? Der FC Bayern verpflichtet Matthias Sammer als Sportdirektor - als Reaktion auf zwei enttäuschende Spielzeiten. Der Neue hat ein Faible für langfristige Konzepte, nun kann er endlich aus dem Schatten von Joachim Löw treten.

DPA

Der Handschlag war flüchtig, es gab nur wenige Worte. Als Matthias Sammer einen Tag nach dem EM-Halbfinale der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien am Warschauer Flughafen auf Christian Nerlinger traf, war von Herzlichkeit wenig zu spüren.

Die Erklärung für die kühle Begegnung kam am Montagmittag per Pressemitteilung. "Nachdem zwischen Matthias Sammer und dem FC Bayern in den zurückliegenden beiden Tagen Einigkeit über seine neue Tätigkeit erzielt wurde, hat Matthias Sammer heute im Laufe des Vormittags auch die Freigabe des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erhalten", teilte der FC Bayern München mit.

Übersetzt: Der Sportdirektor des DFB wechselt zum deutschen Rekordmeister. Mit sofortiger Wirkung.

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Paukenschlag beim FC Bayern: Sammer zieht es nach München
Die Bayern haben einen echten Coup gelandet. Nur Nerlinger wird sich darüber nicht freuen können. Der 39-Jährige, seit dem 1. Juli 2009 als Manager in München tätig, muss den Verein verlassen. Offizielle Begründung: "unterschiedliche Auffassungen" über das Konzept für die Zukunft. Das ist eine Floskel, wie man sie schon oft gehört hat.

Nerlinger blieb profillos

Nach zwei Spielzeiten ohne Titel, in denen Double-Gewinner Borussia Dortmund dem Rivalen aus dem Süden mehrere schmerzhafte Niederlagen zufügte, scheint beim FC Bayern die Erkenntnis gereift zu sein, dass es für die großen Triumphe nicht mehr reicht, einfach nur neue Stars zu kaufen. Präsident Uli Hoeneß und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge haben es satt, in der Liga vom Kollektiv-Fußball des BVB vorgeführt zu werden.

Deshalb werden Fehler aus der Vergangenheit korrigiert. Nerlinger, den Hoeneß als seinen Nachfolger installiert und sehr behutsam aufgebaut hatte, konnte in seiner dreijährigen Amtszeit nie ein eigenes Profil entwickeln. Er stand immer im Schatten des mächtigen Bayern-Bosses. Bei Sammer könnte das anders werden.

Der 44-Jährige, der seit 2006 in verantwortlicher Position als Sportdirektor für den DFB tätig war, etablierte zahlreiche Strukturen in der Jugend- und Trainerausbildung des Verbands - auch gegen große Widerstände. Dazu gehörten der Ausbau der Jugendleistungszentren, die Schul- und Persönlichkeitsförderung von Spielern, aber auch frühsportliche Förderkonzepte.

Die deutsche Nationalmannschaft profitiert seit Jahren von diesen Strukturen. Spieler wie Mats Hummels, Sami Khedira, Manuel Neuer, Holger Badstuber oder Mario Götze durchliefen seit 2006 zahlreiche Jugendmannschaften des DFB. Über Khedira sagte Sammer bereits 2008, dass "das ein künftiger Weltstar werden kann. Sami bringt alles mit, um ein großer Führungsspieler zu werden."

Hoeneß träumt von Bayern-Spielphilosophie

In der Öffentlichkeit erntet Sammer für die Erfolge der deutschen Nationalmannschaft allerdings weit weniger Lob als Bundestrainer Joachim Löw. Dessen Verhältnis zu Sammer gilt nach dem gewonnenen Kompetenzkonflikt um die deutsche U21 als professionell, mehr nicht. Sammers Wechsel zu den Bayern ist deshalb nicht nur wegen seiner Familie, die in München wohnt, ein nachvollziehbarer Schritt.

Bereits seit Wochen ist bekannt, dass die Münchner ihre Jugendarbeit neu strukturieren. Pikanterweise kam dabei Nerlinger eine große Rolle zu. Ex-Profi Mehmet Scholl trainiert nach rund zweijähriger Abstinenz wieder die Bayern-Reserve in der Regionalliga. Hermann Hummels, Vater des BVB-Profis Mats, musste seinen Posten als Nachwuchskoordinator räumen. Jugendkoordinator wird Hans-Jörg Butt, der Torwart beendete seine aktive Karriere am Saisonende.

Präsident Hoeneß träumt seit langem davon, dass der FC Bayern ein ebenso charakteristisches wie erfolgreiches Spielsystem entwickelt, eines mit hohem Wiedererkennungswert. So wie die deutsche Nationalmannschaft. Oder Borussia Dortmund. Der ehemalige BVB-Profi und Meistertrainer Sammer, der seinen Vorgänger Nerlinger in Dortmund noch als Spieler im Kader hatte, soll dabei nun helfen.

Das Sammer-Prinzip, Mannschaften nach kreativen Individualisten, Führungs- und Mannschaftsspielern zu unterteilen und in einer Elf immer für eine Mischung zwischen diesen Spielertypen zu sorgen, ist eines der Kernelemente der DFB-Jugendförderung. Genau das dürfte auch sein Ziel für den FC Bayern sein, angefangen bei den ganz Jungen bis hin zu den Profis.

Sammer schließt Rückkehr auf Trainerbank aus

Doch in den Trainingsalltag wird der ehemalige Libero nicht eingreifen. Spekulationen, wonach Sammer den Sportdirektor-Posten lediglich bis zum Abgang von Bayern-Coach Jupp Heynckes ausfüllen soll und danach eine Doppelfunktion als Trainer und Manager bekleiden werde, erteilte Münchens Neuzugang bereits Ende März eine Absage.

Bei der DFB-Trainerlehrerscheinvergabe in Bonn sagte Sammer SPIEGEL ONLINE, dass "ich nicht vorhabe, jemals wieder auf die Trainerbank zurückzukehren. Ich will konzeptionell arbeiten, eine Philosophie entwickeln und umsetzen. Als Trainer hat man dafür nur selten genug Zeit." Auch Hoeneß sagte 2010, dass es "ein Magath-Modell beim FC Bayern München nicht geben wird". Beim VfL Wolfsburg ist Magath sowohl Trainer als auch Manager.

Zwischen Sammer und Hoeneß besteht eine jahrelange Freundschaft. Als Sammer Anfang 2011 kurz davor stand, zum Hamburger SV zu wechseln, soll ihn ein Anruf von Hoeneß erreicht haben. Kurz darauf sagte Sammer dem HSV ab. Wie erfolgreich Sammer in dem traditionell unruhigen Münchner Umfeld arbeiten kann, wird auch von seinem Verhältnis zur Bayern-Führung abhängen.

Deren Erfahrungen mit Veränderungen sind nach dem Scheitern von Trainer Jürgen Klinsmann nicht die besten. Beim DFB konnte Sammer durch seine Autorität, sein Auftreten und seine sportlichen Erfolge auch unpopuläre Entscheidungen im Verband umsetzen. Arbeiten konnte er weitgehend autark. So sehr, wie es sein Vorgänger Nerlinger bei den Bayern nie konnte.

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insgesamt 134 Beiträge
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1. Schade...
tolle_Sache 02.07.2012
... denn Sammer hätte ich deutlich lieber als neuen Trainer der A-Nationalmanschaft gesehen.
2.
telez 02.07.2012
Zitat von sysopIst das der Beginn einer Traumehe? Der FC Bayern verpflichtet Matthias Sammer als Sportdirektor - als Reaktion auf zwei enttäuschende Spielzeiten. Der Neue hat ein Faible für langfristige Konzepte, nun kann er endlich aus dem Schatten von Joachim Löw treten. FC Bayern: Neuer Sportdirektor Matthias Sammer vor großen Aufgaben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,842122,00.html)
"Langfristige Konzepte" hatten sich bei dem Verein schon des Öfteren nach realativ kurzer Zeit erledigt. Auf die Zusammenarbeit zwischen Sammer und Hoeneß darf man auch gespannt sein.
3. Kein Wunder, dass sich ein Nachfolger von Sportdirektor Uli Hoeneß nicht so >>>
Roßtäuscher 02.07.2012
Zitat von sysopIst das der Beginn einer Traumehe? Der FC Bayern verpflichtet Matthias Sammer als Sportdirektor - als Reaktion auf zwei enttäuschende Spielzeiten. Der Neue hat ein Faible für langfristige Konzepte, nun kann er endlich aus dem Schatten von Joachim Löw treten. FC Bayern: Neuer Sportdirektor Matthias Sammer vor großen Aufgaben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,842122,00.html)
leicht finden ließ. Der Typ musste erst gestrickt werden. Jahrzehntelang mit harter Hand und viel Sachkenntnis gewerkelt, hat er nur das Beste für seinen FCB verordnet. Entsprechend ist das internationale Ansehen der Roten. Ein Christian Nerlinger war ganz einfach zu brav, ohne Biss. Klaus Alofs war auch mal im Gespräch; ob er der Richtige gewesen wäre, wohl kaum. Bei Matthias Sammer sieht das schon anders aus. Der könnte der Nachfolger mit Durchsetzungskraft sein - ein etwas unangenehmer Typ. Das Gegenteil vom Vorgänger auf jeden Fall. Er muss sich halt an seinen Erfolgen messen lassen. Man wird sehen, ob und wie er eingeschlagen hat, wenn im nächsten Jahr die Bayern den Dortmundern die Schneid abkaufen wollen - und wieder nicht können? Ich glaube es noch nicht. Gerade mit dem BVB wächst ein gesunder Konkurrent der Bayern heran, was schon längst überfällig war. Man sieht es doch, was für Spieler da heranreifen. Also, das mit der ewigen Meister- und Pokalnummer der Bayern hat sich erst einmal erledigt. Jetzt müssen sich die Glücksritter trotz ihrer Hirschledernen anstrengen, wenn sie weiter die erste Geige spielen wollen.
4. Sammer ist Kraft!
A.L.Dreyfus 02.07.2012
Sammer ist der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Er wird eine neue Ära beim FC Bayern einleiten, eine Philosophie verankern, die den FCB zu neuen, glorreichen Ufern führt. Erfolgsbesessen, detailverliebt, starrköpfig, kreativ, leidenschaftlich, intellektuell - Sammer ist wie Klopp, nur ohne dessen Proletenhaftigkeit. Sammer hat Substanz - während Löw sich mit Nivea eincremt und Klopp breit grinsend Altherrenwitze reißt, tüftelt Sammer im Kämmerchen revolutionäre Spielzüge und sichtet auf einem brasilianischen Drittliga-Acker elfjährige, hypertalentierte Bayern-Superstars von übermorgen.
5. Schade
iron mace 02.07.2012
Zitat von sysopIst das der Beginn einer Traumehe? Der FC Bayern verpflichtet Matthias Sammer als Sportdirektor - als Reaktion auf zwei enttäuschende Spielzeiten. Der Neue hat ein Faible für langfristige Konzepte, nun kann er endlich aus dem Schatten von Joachim Löw treten. FC Bayern: Neuer Sportdirektor Matthias Sammer vor großen Aufgaben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,842122,00.html)
Schade, es gibt so viele Sympathische Menschen im Fussball, ausgerechnet diesen Unsympahten muss sich der FCB ans Bein binden. Gut so spare ich mir das Geld für 2 oder 3 Stadionbesuche, fahren wir halt nach Fürth, Nürnberg oder Augsburg.
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