Bayern-Sieg gegen São Paulo: Schwere Geburt

Von Sebastian Winter, München

DPA

Die Bayern gewinnen gegen São Paulo, tun sich aber schwer. Die Rädchen greifen noch nicht ineinander, die Abstimmung fehlt. Immer deutlicher wird, welch großen Einschnitt Trainer Guardiola im Bayern-System plant.

In der 79. Minute erklang die Stimme des Stadionsprechers. Er nannte den Namen eines Fans und forderte ihn auf, doch bitte schnellstmöglich nach Hause zu fahren. Seine Frau liege mit Wehen im Krankenhaus. Großen Applaus gab es da von den 56.500 Zuschauern in der längst nicht ausverkauften Münchner Arena. Geburtswehen, dieses Bild passte auch hervorragend zum Spiel des FC Bayern im Freundschaftsvergleich gegen den FC São Paulo.

Die Bayern hatten das Halbfinale um den Audi-Cup 2:0 (0:0) gegen die harmlosen Brasilianer gewonnen, an diesem Donnerstag treffen sie auf Manchester City. Sie hatten etwas Wiedergutmachung betrieben für die 2:4-Pleite im Supercup gegen Dortmund, Mittelfeldspieler Thomas Müller sagte später: "Das war gut, um bisschen Ruhe zu haben vor den ganzen Leuten, die darauf warten, dass wir mal wieder patzen."

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Audi Cup: Bayern zieht ins Finale ein
Und doch merkt man nach wie vor in Trainer Pep Guardiolas Experimentierkasten, dass die Spieler seine Systemtheorie noch nicht in die Praxis umsetzen können. Jedenfalls nicht so, wie Guardiola, der leger im schwarzweißen Karohemd, khakifarbener Hose und roten Turnschuhen an der Seitenlinie stand, es gerne hätte. Auch wenn er selbst sagte, er sei erstaunt, "wie schnell die Spieler meine kleinen Ideen verstanden haben".

Dante: schreiend und gestikulierend auf dem Feld

Javier Martínez beorderte er nach dessen Urlaub gleich in die Vierer-Abwehrkette, mit Rechtsverteidiger Rafinha, dem linken Innenverteidiger Dante und Linksverteidiger David Alaba. Bastian Schweinsteiger spielte nach seiner Knöchelverletzung als einziger Sechser. Das offensive Mittelfeld bildeten zunächst die vor Schweinsteiger postierten Toni Kroos und Philipp Lahm, den Guardiola nun seit geraumer Zeit nicht mehr auf seiner gewohnten Position rechts hinten spielen lässt, auf den Flügeln Franck Ribéry und Arjen Robben. Ganz vorne mühte sich Claudio Pizarro. Über weite Strecken der ersten Halbzeit war dabei zu sehen, dass die Spieler das schnelle, rotierende Kurzpassspiel ihres neuen Trainers noch nicht verinnerlicht haben.

Vor allem zwischen den Offensivspielern gab es häufig Missverständnisse. Lahm bot sich zwar immer wieder an und spielte schnell, wirkte jedoch am gegnerischen Strafraum oft verloren. Viele Fehlpässe und ungenaue Flanken prägten das Bayern-Spiel, auch Schweinsteiger brauchte einige Anlaufzeit. In der 34. Minute diskutierten zudem Dante und Martínez lange mit Guardiola an der Seitenlinie, sie schienen erbost zu sein. Es ging um die Taktik, um das Verschieben nach vorne. Dante schrie dann wild gestikulierend auf dem Feld, dass die Abwehr aufrücken solle bei gegnerischem Ballbesitz.

"Es ist total anders. Ich bin jetzt lange im Fußballgeschäft und hatte noch nie einen Trainer, der so viele Änderungen macht", sagt auch Stürmer Claudio Pizarro, der während der ersten 45 Minuten spielte und dann vom späteren Torschützen Mario Mandzukic abgelöst wurde. "Wenn wir das schaffen, dann werden wir eine sehr gute Mannschaft. Aber für uns Stürmer ist es ein bisschen einfacher. Wir müssen nur Druck nach vorne machen und von der Mitte die Spieler an der Seitenlinie dabei unterstützen."

"Es muss nicht immer alles ganz einfach sein"

In der 66. Minute lief dann der schönste Bayern-Spielzug über den Rasen, bei einem Konter spielten sich Müller und Alaba Doppelpass um Doppelpass zu. Die Stafette führte nicht zum Tor, zeigte aber, wie überfallartig das Bayernspiel sein kann. Zugleich zeigten die zehn (!) Wechsel Guardiolas, dass er weiter nach seiner besten Formation sucht. Luiz Gustavo kam dort übrigens nicht zum Einsatz. "Bis zum 31. August kann alles passieren", sagte er. Es hörte sich nicht so an, als sähe er bei den Bayern noch eine Zukunft. Symptomatisch jedenfalls war, dass erst die eingewechselten Mario Mandzukic und Mitchell Weiser für die Bayern-Tore gegen São Paulo sorgten.

Arjen Robben, der zum "Man of the Match" gekürt worden war, sagte später: "Ich finde nicht, dass wir so viele Änderungen haben oder ganz anders spielen." Die Aussage hatte keinerlei Deckung mit Pizarros Worten, irgendwie passt auch das zur derzeit auf den Kopf gestellten Welt der Bayern-Spieler. Jedenfalls sei es "gut, dass frischer Wind kommt und wir gefordert werden. Es muss nicht immer alles ganz einfach sein", fügte Robben an. Wie das eben so ist, bei Geburten.

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insgesamt 87 Beiträge
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1. Blöd
harryklein 01.08.2013
wenn man die erfolgreichste Mannschaft zwanghaft umstrukturieren muss, nur um seine Duftmarke zu hinterlassen.
2. optional
volker geile 01.08.2013
Vor einer Woche - vor dem Dortmund-Spiel - hieß es in allen Medien nur, dass die Bayern unschlagbar sei, in den Vorbereitungsspielen alles in Grund und Boden gespielt hätte und jetzt werden wieder überall die Probleme rausgekramt. Die Spieler sind fast identisch wie im vergangenen Jahr plus einige Top-Spieler, von denen Götze noch nicht eine Sekunde in der Vorbereitung dabei war. Dante, Martinez und Schweinsteiger kommen auch gerade erst zurück. Jetzt wurde 2:0 gewonnen und überall herrschen nur Probleme? No way. Außerdem hat Pep bereits mehrfach betont, dass Lahm Anfang der Bundesliga wieder hinten rechts spielen wird.
3. Chancentod Robben
ollux 01.08.2013
es würde sich lohnen, über Robbens vergeigte Chancen der letzten 5 Jahre ein Filmbericht zu drehen.
4. badeanzug
caone 01.08.2013
das nächste mal können sie peps klamotten erwähnen, wenn er im borat-badeanzug an der seitenlinie steht. vorher interessiert es mich nicht....
5. Das Beste zweier Welten.......
KuGen 01.08.2013
....des alten FCB und von Pepe. Und wenn sie Pech haben, kriegen die Spieler einen Knoten in die Beine. Oder einen Knoten in den Kopf
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