Bayern-Sieg gegen Manchester: Ein Schritt zurück, drei Schritte nach vorne

Von Christoph Leischwitz, München

Der FC Bayern spielte gegen Manchester United lange vorsichtiger als nötig. Erst ein Gegentor entfesselte den Angriff. Was zum Erstaunen führte bei Trainer Josep Guardiola über "diese deutschen Leute".

Sieben Minuten vor Schluss drehte sich Josep Guardiola plötzlich um, riss mehrmals die Arme in die Luft und feuerte die Zuschauer auf der Haupttribüne an. München verehrt Guardiola, und so gehorchten sie ihm sofort, Hunderte Menschen standen auf, klatschten in die Hände und sangen.

"In der ersten Halbzeit war es ruhig", begründete der Trainer des FC Bayern München später seine Animation, er klang überrascht. Dabei hatte er doch vor diesem Viertelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen Manchester United deutlich gesagt, dass es kein schönes Spiel werden würde. Was er damit gemeint hatte war: Wir brauchen diesmal die Unterstützung der Fans.

Als dann seine Mannschaft in der 57. Minute mit 0:1 in Rückstand geriet, da habe das Publikum schnell reagiert. "Aus diesem Grund hat Mandzu das Tor geschossen. Nur aus diesem Grund", sagte Guardiola. Er meinte den Ausgleich durch Mario Mandzukic nur zwei Minuten später. Seine Mannschaft hatte einen Schub gebraucht, von irgendwo her. Denn nach der von Guardiola gewählten Taktik war eigentlich ein 0:0 oder ein knapper Sieg eingeplant. Den Schub leistete dann ausgerechnet das Gegentor. Am Ende gewann Bayern 3:1 (0:0).

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Bayern-Sieg gegen Manchester: Weckruf vom Gegner
"I'm sorry, aber ich bin gerade sehr, sehr glücklich", sagte Guardiola auf der Pressekonferenz, als ihm kurz die Stimme abhanden kam. Noch mehr als sonst sprach er darüber, wie stolz er auf die Mannschaft sei, "sie macht alles, was ich sage". Und mit einem Lächeln fügte er an, dass ihm das noch jemand erklären müsse, warum "die deutschen Leute" immer erst einen Rückstand brauchten, um aufzuwachen. Dass der 43-jährige Spanier sogar das Verhalten des Publikums in seine taktischen Überlegungen mit einbezieht, zeugt von Detailverliebtheit.

Seine Erleichterung lässt erkennen, wie groß seine Sorgen vor dem Spiel gewesen waren. Manchesters starke Phase nach der Halbzeit, mit schnellen Vorstößen über Shinji Kagawa und Antonio Valencia, schien ihn zu bestätigen. Doch seine Vorsicht erscheint im Nachhinein nicht nur ein wenig zwanghaft, sondern auch kontraproduktiv. Denn die Bayern waren trotzdem in beiden Spielen in Rückstand geraten und mussten sich mit verschärfter Offensive zurück ins Spiel kämpfen.

"Mal gucken, ob wir einen reinmachen"

Guardiola hatte jegliches taktisches Risiko gescheut - Arjen Robben fasste die Vorgabe für die erste Halbzeit so zusammen: "Mal gucken, ob wir einen reinmachen." So hatte Philipp Lahm die Aufgabe bekommen, bei eigenem Ballbesitz im Mittelfeld zu spielen, ansonsten aber rechts in der Viererkette. Was zur Folge hatte, dass Lahm sich meistens schon zurückzog, nachdem der Ball auf die Flügel gespielt worden war. Und Toni Kroos war aufgrund der vielen Ausfälle im defensiven Mittelfeld gezwungen, eines seiner unauffälligsten Spiele der Saison zu bestreiten. Nur ein, zwei raumöffnende Pässe schickte er nach vorne, meistens wählte er aber eine sichere Variante über Dante oder Torwart Manuel Neuer. Dafür war von Wayne Rooney über die gesamte Spielzeit fast nichts zu sehen.

Das 0:1 durch Manchester, ein strammer Schuss von Patrice Evra aus vollem Lauf, wirkte wie die Befreiung aus einem Korsett. Sofort kreierten die Bayern auf der linken Angriffsseite eine Überzahlsituation, so dass Franck Ribéry freistehend das 1:1 per Flanke vorbereiten konnte. "Wir haben super reagiert, das Tor hat uns gereizt", sagte Thomas Müller.

Nach einer Stunde Taktik wurde dann 20 Minuten nach Herzenslust Fußball gespielt. Dem 2:1 durch Müller in der 68. Minute und dem 3:1 durch Arjen Robben in der 76. Minute hätten sogar noch weitere Tore folgen können.

Robben gab zu Bedenken, dass es im Halbfinale "noch schlimmer", also noch defensiver zugehen könnte, wenn die Bayern auf den FC Chelsea oder Atlético Madrid träfen. Der dritte mögliche Gegner, also Real Madrid, spiele "überragenden Fußball". Doch der Holländer ließ offen, ob er zwei langweilige Halbfinal-Partien in Kauf nehmen würde, um erst in einem spannenden Finale auf die "Galaktischen" zu treffen.

FC Bayern München - Manchester United 3:1 (0:0)
0:1 Evra (57.)
1:1 Mandzukic (59.)
2:1 Müller (68.)
3:1 Robben (76.)
München: Neuer - Lahm, J. Boateng, Dante, Alaba - Kroos - Robben, Müller (84. Pizarro), Götze (65. Rafinha), Ribery - Mandzukic
Manchester: De Gea - Jones, Smalling, Vidic, Evra - Fletcher (75. Hernández), Carrick - Valencia, Rooney, Kagawa - Welbeck (81. Januzaj)
Schiedsrichter: Eriksson (Schweden)
Zuschauer: 67.300 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Rafinha - Vidic (2), Evra (4)
Torschüsse: 25:6
Ecken: 11:3
Ballbesitz: 61:39 Prozent

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    Seite 1    
1. Völliger Unsinn
schmusel 10.04.2014
Entschuldigung, aber diese Analyse des Spiels ist völliger Unsinn. Weder hat Bayern "jedes taktische Risiko" gescheut (im Gegenteil, da hatte Rethy mal recht) noch war alleine der Gegentreffer für das Aufbäumen verantwortlich. Mitentscheidend war, dass United nach dem Führungstreffer plötzlich glaubte sie können munter mitspielen. Plötzlich standen nicht mehr gefühlte zwanzig Gegner im Strafraum bei Ballbesitz Bayern und so fiel auch der Ausgleich. Spätestens dann hätte (und da hatte Kahn ausnahmsweise mal recht) United wieder ihren catenaccio spielen müssen um überhaupt noch eine Chance auf den Sieg per Zufallstreffer zu haben. Haben sie aber nicht. Und deshalb fielen Tor 2 und 3. Was Guardiola jetzt tun sollte: einen Plan C üben lassen. Und zwar selbst schnelle Konter zu lancieren. Das habe ich unter Guardiola viel zu selten gesehen. Es wird immer gewartet bis die eigenen Spieler (und somit der Gegner) für einen geordneten Angriff sortiert sind. Nur ein mal gab es gestern einen schnellen Bayernkonter nach Ecke United zu bestaunen und der wurde prompt gefährlich!
2.
minga1972 10.04.2014
Einfach nur super, dieser FC Bayern. Und Pep ist einfach genial (und hat auch noch Stil und Niveau, also ein Gegenentwurf zu Klopp). Herzlichen Glückwunsch und alles Gute für die Titelverteidigung.
3.
Raúl gonzales 10.04.2014
"Dafür war von Wayne Rooney über die gesamte Spielzeit fast nichts zu sehen." Rooney hatte drei dicke Chancen, hat diese aber grandios versemmelt.
4.
der_ba_be 10.04.2014
Zitat von schmuselEntschuldigung, aber diese Analyse des Spiels ist völliger Unsinn. Weder hat Bayern "jedes taktische Risiko" gescheut (im Gegenteil, da hatte Rethy mal recht) noch war alleine der Gegentreffer für das Aufbäumen verantwortlich. Mitentscheidend war, dass United nach dem Führungstreffer plötzlich glaubte sie können munter mitspielen. Plötzlich standen nicht mehr gefühlte zwanzig Gegner im Strafraum bei Ballbesitz Bayern und so fiel auch der Ausgleich. Spätestens dann hätte (und da hatte Kahn ausnahmsweise mal recht) United wieder ihren catenaccio spielen müssen um überhaupt noch eine Chance auf den Sieg per Zufallstreffer zu haben. Haben sie aber nicht. Und deshalb fielen Tor 2 und 3. Was Guardiola jetzt tun sollte: einen Plan C üben lassen. Und zwar selbst schnelle Konter zu lancieren. Das habe ich unter Guardiola viel zu selten gesehen. Es wird immer gewartet bis die eigenen Spieler (und somit der Gegner) für einen geordneten Angriff sortiert sind. Nur ein mal gab es gestern einen schnellen Bayernkonter nach Ecke United zu bestaunen und der wurde prompt gefährlich!
Soso...sie glaubten also exakt 69 Sekunden lang sie könnten mitspielen? Interessante Theorie ;-) Ist es nicht vielleicht eher so, das Manchester VOR dem Führungstor schon wesentlich offensiver wurde, höher verteidigte, mehr kombinierte, statt jeden Ball lang auf Rooney und Wellbeck zu schlagen? Und das sie nach dem Tor nicht so recht wussten weiterspielen wie die letzten Minuten oder doch wieder mauern? So sah ich das ganze nämlich... Das Problem ist, das man um zu Kontern auch einen Gegner braucht, der sich aus der eigenen Hälfte traut. Wenn zwei Viererketten die eigene Hälfte nicht verlassen und die Bälle nur lang nach vorne schlagen, ist nicht viel mit Kontern.
5.
o-limbo 10.04.2014
Alleine der Satz "Denn nach der von Guardiola gewählten Taktik war eigentlich ein 0:0 oder ein knapper Sieg eingeplant." disqualifiziert den Autoren bereits. Wie kann man bei einer Aufstellung ohne echten 6er, dafür mit 5 offensiv agierenden Mittelfeldspielern + einem Stürmer von einer vorsichtigen Taktik reden die als Ziel ein 0:0 hat?
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