Bayerns Niederlage im Champions-League-Finale: Ein Trauma wird wahr

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Champions-League-Finale: Bayern verliert im Elfmeterkrimi Fotos
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Nur Zweiter in der Bundesliga, nur Zweiter im DFB-Pokal - und jetzt auch das noch: Im Elfmeterkrimi des Champions-League-Finales muss der FC Bayern sich dem FC Chelsea geschlagen geben, Schweinsteiger und Olic patzten im entscheidenden Moment. Es ist das bittere Ende einer verkorksten Saison für die Münchner.

Hamburg - Der FC Bayern muss sich sicher gewesen sein: Schlimmer als das im Jahr 1999 in letzter Sekunde gegen Manchester United verlorene Champions-League-Endspiel kann es nicht kommen.

Kann es doch.

Seit diesem 19. Mai 2012 ist die Vereinsgeschichte der Münchner um ein großes Drama reicher: Das "Finale dahoam", das Endspiel im eigenen Stadion, ging nach an Spannung kaum zu überbietenden 120 Minuten im Elfmeterschießen 3:4 (0:0/1:1) gegen den FC Chelsea verloren (lesen Sie das Minutenprotokoll hier und Stimmen zum Spiel hier).

Wie vor 13 Jahren verspielten die Münchner gegen ein Team aus England kurz vor dem Ziel eine Führung. Nach dem späten 1:0 durch einen Kopfball-Aufsetzer von Thomas Müller (83.) rettete sich das bis dahin fast völlig passive Chelsea dank eines Treffers von Didier Drogba (88.) in die Verlängerung und schließlich ins Elfmeterschießen, bei dem die Bayern-Profis Ivica Olic und Bastian Schweinsteiger verschossen. "Wir haben das in der Vergangenheit schon öfter gesehen, dass am Ende nicht immer der verdiente Sieger den Pokal in den Händen hält", sagte ein sichtlich frustrierter Müller kurz nach Abpfiff.

Arjen Robben (95.) hatte zuvor schon in der Verlängerung einen Foulelfmeter verschossen - wie schon im entscheidenden Spiel um die Meisterschaft bei Borussia Dortmund (0:1).

Die Bayern warten somit weiter auf ihren fünften Sieg im wichtigsten Europapokal, sie stehen am Ende einer verkorksten Saison mit leeren Händen da: Dem Team von Trainer Jupp Heynckes bleiben nach Platz zwei in der Bundesliga-Meisterschaft und dem verlorenen DFB-Pokalfinale nun drei zweite Plätze. Für Chelsea ist es der erste Triumph in der Königsklasse.

Die Bayern werden es im Rückblick kaum fassen können, dass sie verpasst haben, die Partie in der regulären Spielzeit zu entscheiden. Sie hatten Chancen zuhauf. Auf beiden Seiten waren aufgrund der Gelbsperren die Abwehrreihen neu formiert. Neben Jérôme Boateng begann der gelernte Mittelfeldspieler Anatoli Timoschtschuk in der Münchner Innenverteidigung, bei Chelsea bildeten David Luiz und Gary Cahill die Abwehrzentrale. Die einzige Überraschung bei den Auftsellungen: Der 22-Jährige Ryan Bertrand startete im Mittelfeld der Londoner - in seinem ersten Champions-League-Spiel überhaupt.

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CL-Sieger Chelsea: Helden in blau-weiß
Schon vor dem Anpfiff war die Bedeutung dieser Partie klar: das "Finale dahoam" also so etwas wie die Mutter aller Endspiele für den FC Bayern München, wichtiger als DFB-Pokalfinale und Meisterschaft zusammen. Und für die goldene Generation von der Stamford Bridge die letzte Chance auf den bisher unerreichten Titel in der Königsklasse.

Beiden Teams war der Druck deutlich anzumerken. "Rationalen Fußball" hatte Jupp Heynckes von seiner Mannschaft gefordert: "Nur Emotionen, das bringt nichts", so der Bayern-Coach kurz vor Anpfiff. Doch auf dem Platz hielten sich seine Spieler nicht an die Vorgabe, geradezu hektisch gingen sie zu Werke - wie auch der Gegner. Das Mittelfeld wurde möglichst schnell überwunden, dicht um die Strafräume spielte sich das Geschehen ab - in höchster Intensität.

Chelsea zeigte eine abgeschwächte Version seiner Mauertaktik aus den Barça-Spielen. Die Folge: Bayern kam immer wieder in Tornähe. Mario Gomez (13./19. Minute) und Arjen Robben (18.) blieben dabei ungefährlich, doch drei Minuten später kam erneut der Niederländer aus zehn Metern zum Abschluss, Chelsea-Keeper Petr Cech lenkte den Ball per Fußabwehr an den Pfosten.

Gomez, mit zwölf Toren hinter Lionel Messi (14) der zweitbeste Torjäger dieser Champions-League-Saison, hatte vor der Pause gleich zweimal die Führung auf dem Fuß. Doch zunächst versprang ihm ein Querschläger von Franck Ribéry (39.), dann ließ der 26-Jährige zunächst Cahill toll ins Leere laufen, setzte seinen Schuss aber weit über den Kasten (43.).

Chelseas Hauptanliegen an diesem Abend war nicht die Offensive: Die Gäste schossen nach 34 Minuten erstmals aufs Tor. Juan Matas Freistoß ging jedoch weit über das Tor. Erst bei Salomon Kalous Direktabnahme (38.) musste Manuel Neuer erstmals retten.

Auch nach der Pause: Chelsea mauert weiter

Acht Minuten nach der Pause brachen die Bayern-Fans in Jubel aus, Ribery hatte nach Schuss von Robben zum vermeintlichen 1:0 eingeschoben. Doch der Franzose hatte im Abseits gestanden, der Treffer zählte nicht. Wer erwartet hatte, dass Chelsea in der zweiten Halbzeit mehr fürs Spiel tun würde, sah sich getäuscht. Im Gegenteil. Die Mannschaft von Interimscoach Roberto Di Matteo zog sich weiter zurück, igelte sich im eigenen Strafraum ein.

Die Bayern glaubten sich des Sieges bereits sicher, als Müller zur späten Führung traf. Kroos hatte geflankt, Gomez duckte sich weg, und Thomas Müller ließ Cech aus kurzer Distanz keine Chance.

Fünf Minuten später kam Chelsea zu seiner ersten Ecke (Bayern hatte dagegen 16!). Statistikfreunde ahnten da vielleicht schon, was nun kommen musste: In allen 60 Saisonspielen bis zu diesem Finale hatten die Engländer zumindest ein Tor erzielt. Und am ersten Pfosten stieg Drogba hoch, Neuer konnte den Kopfball nicht mehr aus dem Winkel kratzen - zack: 1:1.

Der Treffer beflügelte Chelsea. Plötzlich warfen die Londoner ihre taktischen Zügel ab, Angriffswelle auf Angriffswelle rollte in der Schlussphase auf Neuers Tor. Doch die reguläre Spielzeit brachte keine Entscheidung. In der fünften Minute der Verlängerung trat Drogba Ribery im Strafraum in die Hacken, Schiedsrichter Proenca entschied auf Elfmeter. Chelsea-Keeper Cech hielt Robbens schlecht plazierten Schuss fest.

Und mit Elfmeterschießen ging es weiter - die Entscheidung musste vom Punkt fallen. Cech berührte Philipp Lahms Schuss noch, konnte ihn aber nicht abwehren. Für Chelsea trat Juan Mata an - und scheiterte an Manuel Neuer. Mario Gomez, David Luiz, Neuer und Frank Lampard verwandelten sicher. Cech parierte gegen den eingewechselten Ivica Olic, Ashley Cole verwandelte.

Bastian Schweinstieger, im Halbfinale gegen Real Madrid noch cool vom Punkt, traf nur den Pfosten und Drogba machte den Triumph der "Blues" perfekt. Was für ein Finale. Was für ein Drama. Was für eine Tragödie für die Bayern!

Bayern München - FC Chelsea 1:1 (0:0, 1:1) n.V., 3:4 i.E.
1:0 Thomas Müller (83.)
1:1 Drogba (88.)
Elfmeterschießen
1:0 Lahm
Neuer hält gegen Mata
2:0 Gómez
2:1 David Luiz
3:1 Neuer
3:2 Lampard
Cech hält gegen Olic
3:3 Cole
Schweinsteiger schießt an den Pfosten
3:4 Drogba
München: Neuer - Lahm, Timoschtschuk, Boateng, Contento - Schweinsteiger, Toni Kroos - Robben, Thomas Müller (87. van Buyten), Ribery (97. Olic) - Gomez
Chelsea: Cech - Bosingwa, David Luiz, Cahill, Cole - Mikel - Lampard - Kalou (84. Torres), Mata, Bertrand (73. Malouda) - Drogba
Schiedsrichter: Pedro Proenca (Portugal)
Zuschauer: 62.500 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Schweinsteiger (4) - Cole (3), David Luiz (3), Drogba (2), Torres (2)
Besonderes Vorkommnis: Cech halt Foulelfmeter von Robben (95.)

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insgesamt 241 Beiträge
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1. eigentor heynckes
senfreicher 20.05.2012
herr schweinsteiger war beim elfmeter von herrn robben schon nervlich am ende und nicht in der lage zuzuschauen. wenn herr heynckes dann so ein mädchen nen elfer schiessen lässt- selber schuld.
2.
maxgil 20.05.2012
Zitat von sysopREUTERSNur Zweiter in der Bundesliga, nur Zweiter im DFB-Pokal - und jetzt auch das noch: Im Elfmeterkrimi des Champions-League-Finales muss der FC Bayern sich dem FC Chelsea geschlagen geben, Schweinsteiger und Olic patzten im entscheidenden Moment. Es ist das bittere Ende einer verkorksten Saison für die Münchner. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,833996,00.html
Obwohl ich die Bayern eigentlich nicht ausstehen kann: schon schade! Aber es war wieder das typische Bayern-Spiel: Ballhalten und Querpässe. Dazu ein selbstverliebter Robben, heute wurde mir klar, warum der bei den Holländern nicht im Nationalteam gesetzt ist. Da Löw mal wieder in Niebelungentreue an der Bayern-Truppe festhält, müssen wir uns jetzt ernsthaft um die EM Sorgen machen.
3. Zugegeben,
mikune 20.05.2012
Zitat von sysopREUTERSNur Zweiter in der Bundesliga, nur Zweiter im DFB-Pokal - und jetzt auch das noch: Im Elfmeterkrimi des Champions-League-Finales muss der FC Bayern sich dem FC Chelsea geschlagen geben, Schweinsteiger und Olic patzten im entscheidenden Moment. Es ist das bittere Ende einer verkorksten Saison für die Münchner. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,833996,00.html
wir haben 2002 auch gejubelt, als unsere Rumpelfussballer bis ins Finale gestolpert sind. Aber das, was Chelsea zur Perfektion beherrscht, ist nicht der Fussball, den ich meine. Ich wollte keinen Titel so gewinnen. Darüber kann man sich doch nicht ernsthaft freuen, es sein denn, man hat es ganz dringend nötig. Dann lieber zweiter oder dritter und Freude dran gehabt. Wie in den letzten Turnieren der N11. Aber jedem das seine...
4. Ein geiler Abend!
Havelock Vetinari 20.05.2012
Die Bayern sind halt Deppen. Fußball kann so schön sein.
5. ...
Netcube 20.05.2012
Zitat von sysopREUTERSNur Zweiter in der Bundesliga, nur Zweiter im DFB-Pokal - und jetzt auch das noch: Im Elfmeterkrimi des Champions-League-Finales muss der FC Bayern sich dem FC Chelsea geschlagen geben, Schweinsteiger und Olic patzten im entscheidenden Moment. Es ist das bittere Ende einer verkorksten Saison für die Münchner. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,833996,00.html
Jetzt sollte Jogi Löw schnell den kompletten BVB als Nationalmannschaft nominieren. Denkbar schlecht Voraussetzung für die EM. Ich glaube, ich habe noch nie so irres Spiel gesehen... irre im pathologischen Sinn.
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