Bayerns bittere Pleite im Champions-League-Finale: Drama dahoam

Aus München berichtet Tim Röhn

Das Champions-League-Finale im eigenen Stadion sollte zum größten Triumph der Bayern-Historie werden, doch nach der bitteren Niederlage gegen Chelsea blieb nur Entsetzen. Arjen Robben war fassungslos, Bastian Schweinsteiger heulte hemmungslos. Diese Pleite wird die Münchner noch lange beschäftigen.

Arjen Robben konnte es nicht ertragen. Der Niederländer saß zusammengesunken auf dem Rasen und blickte in Richtung Haupttribüne, auf der die Chelsea-Profis vor Freude tanzten. Just in dem Moment, als John Terry und Frank Lampard die Trophäe nach oben reckten, ließ er seinen Kopf fallen. Er riss sich den Tape-Verband von seinem rechten Bein, biss sich auf die Lippen, schüttelte den Kopf.

Was war ihm da in dieser Nacht bloß widerfahren?

Der FC Bayern München hat das Champions-League-Finale gegen Chelsea London nach Elfmeterschießen 3:4 verloren. Wie schon vor zwei Jahren beim 0:2 im Endspiel gegen Inter Mailand in Madrid platzte der Traum vom Triumph in der "Königsklasse" im allerletzten Spiel. Der Unterschied zu damals: Der deutsche Rekordmeister durfte im eigenen Stadion um den Titel kämpfen, zudem war er dem Gegner klar überlegen.

Aber obwohl sich die Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes mehrere hochkarätige Torchancen erspielte, sprang nicht mehr heraus als ein Kopfball-Tor von Thomas Müller in der 83. Minute. Angesichts der quasi nicht vorhandenen Angriffsbemühungen hätte dieser Treffer eigentlich ausreichen müssen, aber Chelsea-Stürmer Didier Drogba münzte den einzigen Eckball der Engländer in den 1:1-Ausgleich um (88.).

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Champions-League-Finale: Robben schießt Cech an, Schweinsteiger gegen den Pfosten
Und doch hätte es gar nicht erst zur Lotterie Elfmeterschießen kommen müssen, wenn eben jener Robben aus elf Metern doch einfach den Torhüter überwunden hätte. Nach einem Foul von Drogba an Franck Ribéry im Strafraum schoss der Flügelspieler den Ball Petr Cech aber in die Arme (95.). Schon im Bundesliga-Spiel bei Borussia Dortmund (0:1) hatte Robben einen Elfmeter verschossen, nun versagte er erneut in einem so wichtigen Spiel.

Es war also kein Wunder, dass er am liebsten im Rasen der Münchner Arena versunken wäre. Auch dass er nach dem Schlusspfiff in den Katakomben den Mikrofonen und Notizblöcken der Journalisten im Eiltempo auswich, war keine Überraschung. Was hätte er auch sagen sollen?

Nach dem Schock kam beim FC Bayern die große Leere

"Wir waren 120 Minuten besser", versuchte Kapitän Philipp Lahm das Spiel zu analysieren, "dieses Ende ist sehr ungerecht, heute Abend ist alles sehr schwer. Es gewinnt eben leider nicht immer der Bessere. Aber wenn man so viele Chancen hat wie wir, muss man einfach siegen."

"Insgesamt ist das ein Alptraum, ein schlechter Film", sagte Sportdirektor Christian Nerlinger: "Wir haben das Spiel dominiert, total gekämpft und uns immer wieder Torchancen erarbeitet. Nach dem 1:0 war das Spiel im Prinzip entschieden, und auch nach dem Ausgleichstor hatten wir mehrere Matchbälle."

Nerlingers Analyse trifft den Punkt: Die Bayern spielten sehr gut, sie hätten den Pokal verdient gehabt. Chelseas einziges Ziel war es, das Spiel des Gegners zu zerstören und ab und zu den Ball nach vorne zu tragen. Aber Chelsea ist der Sieger, auch wenn es die Bayern und alle Fußball-Ästheten nicht fassen können.

Schweinsteiger kann die Tränen nicht zurückhalten

Nerlinger scheute sich nicht, zuzugeben, wie groß der Schmerz ist. "Das ist keine Niederlage, die man an einem Abend abstreift. Sie wird uns lange verfolgen", sagte er und sprach damit auch für Bastian Schweinsteiger, der nach dem Scheitern von Ivica Olic den letzten Elfmeter der Bayern verschossen hatte. Der Nationalspieler war neben Robben die zweite tragische Figur des Finals.

Schon auf dem Weg vom Strafraum zurück zu seinen Mitspielern konnte der deutsche Nationalspieler seine Tränen nicht zurückhalten. Dieses "Finale dahoam" sollte für Schweinsteiger das triumphale Ende einer chaotischen Saison werden. Zweimal war der 27-Jährige in dieser Spielzeit verletzt wochenlang ausgefallen. Erst in den Wochen vor dem Endspiel hatte er sich nach mehreren Rückschlägen zurück in die Mannschaft gekämpft.

Bei jeder Gelegenheit lobte Coach Heynckes Schweinsteiger für seinen Ehrgeiz. All die Probleme dieser Spielzeit hätten auf einen Schlag vergessen sein können, aber dieser Wunsch zerschellte beim Elfmeter am Torpfosten. Auch bei Schweinsteiger war der Frust hinterher zu groß, als dass er über die Geschehnisse hätte reden können. Mit geröteten Augen hetzte er durch den Interview-Bereich in Richtung Ausgang.

Die Journalisten schauten ihm mitleidig nach. Angesichts von drei verlorenen Titeln in einer Saison könnte man nun Vergleiche mit Bayer Leverkusen ziehen, das vor zehn Jahren das gleiche Schicksal ereilte. Man könnte den FC Bayern "FC Vize" taufen. Fair wäre das nicht. Die Münchner haben gegen Chelsea eine große Schlacht geschlagen, sie haben für den deutschen Fußball geworben. Dass sie trotzdem nicht gewonnen haben, ist kaum zu erklären.

Auch Chelsea, das im Halbfinale schon den FC Barcelona mit Anti-Fußball besiegt hatte, versuchte das gar nicht erst. Trainer Roberto di Matteo sagte: "Fußball ist manchmal verrückt."

Und aus Bayern-Sicht so bitter.

Bayern München - FC Chelsea 1:1 (0:0, 1:1) n.V., 3:4 i.E.
1:0 Thomas Müller (83.)
1:1 Drogba (88.)
Elfmeterschießen
1:0 Lahm Neuer hält gegen Mata
2:0 Gomez
2:1 David Luiz
3:1 Neuer
3:2 Lampard Cech hält gegen Olic
3:3 Cole Schweinsteiger schießt an den Pfosten
3:4 Drogba
München: Neuer - Lahm, Timoschtschuk, Boateng, Contento - Schweinsteiger, Toni Kroos - Robben, Thomas Müller (87. van Buyten), Ribery (97. Olic) - Gomez Chelsea: Cech - Bosingwa, David Luiz, Cahill, Cole - Mikel - Lampard - Kalou (84. Torres), Mata, Bertrand (73. Malouda) - Drogba
Schiedsrichter: Pedro Proenca (Portugal)
Zuschauer: 62.500 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Schweinsteiger (4) - Cole (3), David Luiz (3), Drogba (2), Torres (2)
Besonderes Vorkommnis: Cech halt Foulelfmeter von Robben (95.)

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