Champions-League-Pleite gegen Chelsea: Bayerns Final-Fluch

Von Peter Ahrens

Sie gingen als Verlierer vom Platz - obwohl die Bayern das Finalduell der Champions League gegen Chelsea deutlich dominiert hatten. Die Heimpleite von München erinnert an die Endspielschmach gegen Manchester im Jahr 1999. Und doch ist die Niederlage im Jahr 2012 noch gravierender.

Berlin - An Abenden wie diesen ist man versucht, darauf hinzuweisen, dass es Wichtigeres gibt als ein verlorenes Fußballspiel. Dass sich echte Tragödien anderswo im Leben abspielen. Ein wahres Argument. Aber nur ein hilfloser Versuch, die Enttäuschung in München zu lindern.

Für einen Fußballspieler des FC Bayern kann es nichts Schlimmeres gegeben haben als diese unfassbare Niederlage im Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea. Eine Niederlage, die in der Dramatik, in der Bitternis der historischen 1:2-Pleite von Barcelona 1999 gegen Manchester United in nichts nachsteht.

Damals wurde den Bayern der sicher geglaubte Triumph in der Nachspielzeit noch entrissen. München war das überlegene, das bessere Team gewesen, eine siegessichere Mannschaft war es damals, eine Ansammlung von Alphatieren der Marke Stefan Effenberg, Lothar Matthäus, Oliver Kahn und Mario Basler.

Eine Mannschaft aber auch an der Grenze zur Arroganz und häufig darüber hinaus. Es war vielleicht die meistgehasste Bayern-Mannschaft aller Zeiten. Und es gab viele, die der Elf von Trainer Ottmar Hitzfeld diese grausame Bestrafung durch das Fußballschicksal an jenem 26. Mai 1999 gegönnt haben.

Selten genoss ein Bayern-Team so viele Sympathien wie derzeit

Das war an diesem Samstag anders. Die jetzige Bayern-Mannschaft ist nicht mehr vergleichbar mit dem Team von 1999. Heute wird der FC Bayern von jungen, aufgeschlossenen, modernen Profis repräsentiert. Thomas Müller, der Torschütze zum 1:0, steht dafür, auch Torwart Manuel Neuer, der mit einem gehaltenen und einem geschossenen Elfmeter so kurz davor stand, der Held dieses Abends zu werden. Oder die Führungsspieler Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger. Oder Toni Kroos, der im Mittelfeld erneut beeindruckte. Auch der im Endspiel gesperrt fehlende David Alaba muss dazugezählt werden. Selten hatte ein Bayern-Team so viele Sympathien auf seiner Seite.

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Bayern-Spieler beim Bankett: Ein Trauerspiel
Gut, es gibt da auch noch einen Arjen Robben, den niederländischen Ego-Shooter, er ist fast die einzige Reizfigur, die dem Rekordmeister auf dem Platz noch geblieben ist. Einer, der womöglich gut in die Elf von 1999 gepasst hätte. Robben wird als der Spieler in Erinnerung bleiben, der sowohl die Meisterschaft als auch das Champions-League-Finale durch einen verschossenen Elfmeter vorentschied. Diejenigen, die sagen, Robben versage stets in den entscheidenden Momenten, haben am Samstag jedenfalls wieder viel neue Nahrung bekommen.

In zwei Tagen spielen die Bayern ein Freundschaftsspiel gegen die Niederlande. Auch das haben sie Robben zu verdanken - das Hickhack mit dem niederländischen Verband um die Verletzung des Offensiv-Stars führte zum Abschluss dieses sinnfreien Testspiels. Man kann sich die Motivation vorstellen, mit der die Bayern-Profis diese Aufgabe angehen werden.

Alle Zutaten von 1999 waren wieder vorhanden

Die Mannschaft von heute mag charakterlich eine andere sein als damals. Ansonsten jedoch waren alle Zutaten vorhanden, um Parallelen zu 1999 zu ziehen. Wieder kam der Gegner von der Insel, wieder war der FC Bayern klar das dominierende Team. Wieder ließ die Elf glasklare Torgelegenheiten aus - der Carsten Jancker von einst heißt jetzt Mario Gomez. Wieder war das Spiel eigentlich schon gewonnen, und der Torschütze des Führungstreffers wird im Gefühl des nahen Erfolges vom Trainer bereits vom Platz genommen: Basler 1999, Müller 2012. Und wieder riss ein Eckball den FCB aus allen Träumen. Teddy Sheringham 1999. Didier Drogba 2012.

Was die jetzige Niederlage noch größer macht, ist der Endspielort. Im eigenen Stadion so nah am Triumph zu sein und am Ende doch die Anderen siegen zu sehen. Das Scheitern dahoam verleiht diesem Verlieren eine sehr besondere Note. In seiner Bankettrede rang Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge um Worte, nannte die dramatische Niederlage von Bayern München im Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea "unverständlich" und "brutal" - ja sogar "noch brutaler" als den "Sekundentod" gegen Manchester United in Barcelona.

Oliver Kahn hat damals gesagt, er habe Monate gebraucht, um die Niederlage von Barcelona gegen Manchester zu verkraften. So viel Zeit haben die zahlreichen Bayern-Nationalspieler nicht. Gerade einmal zwei Wochen sind es für Kroos, Lahm, Müller und Co noch bis zum Auftakt der Europameisterschaft gegen Portugal am 9. Juni (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Das ist nicht viel Zeit, um das Drama von München zu verarbeiten.

Zwei Jahre nach dem Trauma von Barcelona hat der FC Bayern übrigens die Champions League gewonnen. Das Endspiel 2014 findet in Lissabon statt. Bayern-Fans sollten sich frühzeitig um Tickets bemühen.

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