Champions League Der Zorn von Chelsea

Mit Guus Hiddink ist wieder Ruhe beim FC Chelsea. Der Niederländer hat das Team in der Liga nach einer fürchterlichen Hinrunde aus der Krise geführt - umso mehr liegt der Fokus jetzt auf der Champions League.

Von

REUTERS

Als Guus Hiddink kam, war die niederländische Nationalmannschaft eine der großen im Weltfußball. Bei der WM in Brasilien war die Auswahl Dritte geworden, hatte das Endspiel nur knapp verpasst. Als Guus Hiddink ging, war Oranje abgewirtschaftet, das Team hatte sich in der EM-Qualifikation blamiert. Und es war erst ein Jahr seit der WM vergangen. Was für ein Niedergang.

Dem FC Chelsea ist das ähnlich ergangen, nur in noch rasanterer Geschwindigkeit. Im vergangenen Sommer wurden die Londoner mit José Mourinho noch Meister, dann ging es 2015 nur noch abwärts. Nach 16 Spieltagen vegetierte der stolze, reiche FC Chelsea kurz vor Weihnachten auf Platz 15, und Mourinho musste gehen.

Und diese beiden Loser, Hiddink und der FC Chelsea, haben sich auch noch zusammengetan. Was sollte daraus nur werden?

Es hat funktioniert.

Mittlerweile residieren die Blues in der Premier League längst im gesicherten Mittelfeld, unter Hiddink ging kein einziges von zwölf Ligaspielen verloren, und in der Champions League sind die Chancen, am Abend gegen den Favoriten Paris-Saint-Germain ins Viertelfinale einzuziehen, nach einer 1:2-Hinspielniederlage in Frankreich durchaus realistisch. Hiddink, der alte Mann, der gemütliche 69-jährige Niederländer, hat es tatsächlich geschafft, den FC Chelsea einigermaßen in die Spur zu bringen.

Hiddink hat Struktur in den Laden gebracht

Da fehlt immer noch viel von dem alten Titelglanz, in der Hiddink-Bilanz überwiegen wenig glamouröse Unentschieden, Tabellenführer Leicester City ist nach wie vor unerreichbare 20 Punkte weit weg, aber Hiddinks Programm heißt Konsolidierung. Und das ist geglückt.

2009 hat er das an der Stamford Bridge schon einmal vollzogen. Damals hatte Vorgänger Luiz Felipe Scolari eine beeindruckende Schneise der Erfolglosigkeit hinter sich gelassen, Hiddink beruhigte den Laden anschließend, Chelsea wurde sogar noch Dritter und gewann den FA-Cup.

Daran hat sich Klubboss Roman Abramowitsch im Dezember erinnert, und möglicherweise auch daran, dass Hiddink trotz seiner mittlerweile annähernd zahlosen Engagements als weltenbummelnder Nationaltrainer immer der bessere Vereinscoach gewesen ist.

Hiddink hat sich über die Jahre einen Ruf als der klassische Nationaltrainer erworben, weil er erst die Niederlande 1998, dann Südkorea 2002 bis ins WM-Halbfinale brachte und dann noch Australien zur WM 2006 führte. Zudem wird ihm das weniger anstrengende, dafür aber extrem lukrative Dasein als Nationalcoach sicher gut gefallen.

Dennoch hat Hiddink seine besten Leistungen in seiner langen Laufbahn als Klubtrainer gebracht. Die Erfolge der PSV Eindhoven sind auf ewig mit seinem Namen verknüpft. 1988 gewannen sie zusammen den Europapokal der Landesmeister, und 15 Jahre später stand er mit dem PSV im Halbfinale ganz knapp vor dem Einzug ins Endspiel.

Der Umbruch wird verwaltet

Hiddink hat die Qualität, Teams zu befrieden, Ordnung in eine aus der Bahn geworfene Truppe zu bringen. Er ist sicher kein große Visionär, kein Besessener mehr, der den Ernährungsplan jedes einzelnen Profis kontrolliert, er ist eher der Typ Jupp Heynckes als der Typ Josep Guardiola, aber für den FC Chelsea ist er derzeit genau der richtige Mann.

Der Vertrag des Trainers läuft nur bis zum Saisonende, Langzeitengagements sind nicht mehr so der Stil des Niederländers. Aber das Verwalten des Umbruchs, dafür ist die ruhige Hand Hiddinks geeignet. Die Londoner haben sich lange Jahre, zu lange auf ihre Stützen verlassen, auf ihre John Terrys, Frank Lampards und Petr Cechs. Auch Mourinho gehört im Grunde in diese Reihe.

Lampard und Cech haben den Klub mittlerweile verlassen, der Abschied des alten Haudegens Terry, gegen PSG ohnehin verletzt ausfallend, steht bevor. Das Team verändert weiter sein Gesicht, und wenn ein Coach es künftig hinbekommt, die hochbegabten Eden Hazard, Diego Costa und Cesc Fabregas wieder auf das Niveau zu bringen, das zu spielen sie schon oft genug bewiesen haben, ist mit den Blues auch in der Premier League wieder zu rechnen.

Allein Hazard, im Vorjahr noch Spieler des Jahres, hat in dieser Saison ein einziges Bild des Jammers abgegeben. Seine Bilanz: 26 Spiele, 0 Tore. Im Vorjahr: 38 Spiele, 14 Treffer. An ihm sind auch Hiddinks Konsolidierungsbemühungen bisher erfolglos vorbeigegangen.

Auch deswegen ist in dieser Saison das Thema Spitzenplatz längst abgehakt, der Fokus liegt umso mehr auf der Champions League. Das Spiel am Abend ist damit jetzt schon das Spiel des Jahres. Dem möglichst noch mehrere Spiele des Jahres folgen sollen.

"Wir müssen von Beginn an wütend sein", hat Hiddink als Devise für den heutigen Abend gegen Zlatan Ibrahimovic, Angel Di Maria und die anderen Topstars von PSG ausgegeben. Wütend sein - das ist nicht wirklich die auffallendste Eigenschaft, die Hiddink mit seinen fast 70 Lebensjahren an der Seitenlinie vorlebt. Aber auch alte Männer können noch zornig werden. Und dann ist es meistens fürchterlich.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
soerster 09.03.2016
1. 17 Jahre
GH stand 2005 mit der PSV im CL Halbfinale und scheiterte dort knapp an Milan. Daher sind nach dem Erfolg 1988 17 Jahre vergangen und nicht wie im Text falsch berechnet 15. Cheers
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.