Spanischer Erstligist Girona Katalanischer als Barcelona

Beim FC Girona kommen alle Gegensätze des modernen Fußballs zusammen: Tradition, Globalisierung, Investoren. Der Erstligist aus Katalonien gehört zur einen Hälfte Manchester City und zur anderen dem Bruder von Pep Guardiola.

FC Girona im Pokalhinspiel gegen Real Madrid
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FC Girona im Pokalhinspiel gegen Real Madrid

Von Florian Haupt, Barcelona


Ein Besuch in Gironas Stadion mit dem Namen Estadi Montilivi gehört zu den reizvollsten Fußballerlebnissen Spaniens. Hier ist es so eng, dass der Zuschauer jede Muskelanspannung sieht, jeder Zwischenruf seinen Adressaten erreicht und der Spielereingang in der Halbzeit als VIP-Bereich fungiert.

Mittlerweile sind neben der Universität am Ortsrand der hübschen Provinzhauptstadt so viele Tribünen angebaut, dass am Sonntag zum katalanischen Derby gegen den FC Barcelona gut 14.000 Fans hineinpassten. Ein Rekord, seit der FC Girona vor anderthalb Jahren erstmals in die Primera División aufstieg. Am Donnerstag kommt Real Madrid zum Rückspiel im Pokal-Viertelfinale in die Stadt (Hinspiel 4:2 für Madrid), dann werden sich die Menschen auf den Rängen wieder drängeln.

Man könnte also ganz romantisch denken: In Girona ist der Fußball noch der Fußball. Auf der anderen Seite steht ebendieser Verein für vieles, was traditionsbewusste Anhänger am heutigen Spiel verabscheuen: Business und Globalisierung. Macht und Interessen.

Seit dem Aufstiegssommer gehört Girona zur Hälfte der City Football Group, der vom Staatsfonds Abu Dhabis alimentierten Inhabergesellschaft von Manchester City, und dem Spielerberater Pere Guardiola, Bruder des aktuellen City-Trainers Pep. Nach der Vision von City-Geschäftsführer Ferran Soriano, auch er Katalane, ist Girona ein hochkarätiger Baustein im weltweiten City-Imperium, zu dem auch Erstligisten in den USA, Uruguay, Australien und Japan gehören. Synergien ergeben sich unter anderem bei Trainingslagern, Spielerausbildung und Transfergeschäften. Aktuell stehen drei Leihprofis aus Manchester im Kader; die je 21-jährigen Aleix García, Douglas Luiz und Patrick Roberts gehören zur erweiterten Stammelf.

Pere Guardiola wiederum ist Geschäftspartner von Jaume Roures, Präsident von Mediapro, dem Inhaber der TV-Rechte der spanischen Liga. Gemeinsam gründete man 2009 die Agentur Media Base Sports. Neben Prominenz wie NBA-Star Marc Gasol - Inhaber des lokalen Basketballklubs - oder Joan Roca - Koch eines weltberühmten Gourmetrestaurants - sitzt auch Roures im Beirat des Vereins.

Aus dem Spiel in Miami wurde nichts

Angesichts dieser Gesamtkonstellation überraschte kaum, dass ein Heimspiel von Girona zum Pilotprojekt einer Expansionsstrategie auserkoren wurde. Eigentlich wollte die spanische Liga die Partie gegen Barcelona am vergangenen Wochenende in Miami austragen lassen. Nach monatelangem Streit untersagten die Fußballverbände den Ortswechsel nach Florida.

Gespielt wurde also stattdessen im heimischen Montilivi, und beim 0:2 war einiges geboten. Barça-Verteidiger Gerard Piqué schenkte einem angetrunkenen Fan für dessen besonders originelles Krakeele sein Trikot, Lionel Messi wurde nach der Provokation eines Platzverweises für Gironas Bernardo so gnadenlos ausgepfiffen wie sonst allenfalls im Madrider Bernabéu, und ein Regenbogen umrahmte malerisch die Gegentribüne.

Zudem war der Nachmittag auch ein Indiz dafür, wie es derzeit um die Stimmung beim katalanischen Separatismus steht. Beim Derby der Vorsaison war der Regionalpräsident (und Ex-Bürgermeister Gironas) Carles Puigdemont in der Revolutionseuphorie um das Unabhängigkeitsreferendum triumphal zur katalanischen Hymne begrüßt worden. Nun ist Puigdemont im Exil, und während sein Nachfolger Quim Torra mit der identischen Inszenierung angekündigt wurde, erntete er nur spärlichen Applaus; auch der Schlachtruf mitgereister Barça-Fans nach "Independència" wurde von den Heimfans kaum erwidert. Girona erweist sich bei Wahlen zwar regelmäßig als Hochburg des Katalanismus. Doch sein Fußballverein ist politisch weniger überfrachtet als etwa Barça.

Die Trikotfarbe konnten sie behalten

Von City wird der Verein im Alltagsgeschäft weitgehend in Ruhe gelassen. "Global but local", heißt die Strategie, die das vorhandene Fußball-Know-how respektiert. Anders als die Franchises in New York oder Melbourne musste Girona nicht die himmelblaue Trikotfarbe übernehmen. Präsident und Sportdirektor amtieren seit Zweitligazeiten, und City-Leihspieler bekommen keine Vorzugsbehandlung. Stars sind eher die Stürmer Cristhian Stuani und Portu, die Publikumslieblinge eher Lokalmatadoren wie Kapitän Álex Granell oder Pere Pons, die sich aus dem unterklassigen Fußball nach oben arbeiteten. Das größte Talent ist der 19-jährige Rechtsverteidiger Pedro Porro, dessen Name die Reporter gern zum Kalauern animiert: Porro heißt Joint.

Zu den sympathischen Facetten gehört außerdem der engagierte, offensive Fußball von Eusebio Sacristán. Der Trainer spielte einst bei Barça und lernte unter Johan Cruyff. Wie sein Freund Pep Guardiola - noch so eine Querverbindung.

Doch auch im Netzwerk gibt es manchmal Niederlagen. Kürzlich etwa bei Brahim Díaz: Das Mittelfeldtalent wird von Pere Guardiola betreut und spielte bis vor Kurzem bei Manchester City, wollte sich trotz mehrfacher Bitten aber partout nicht nach Girona ausleihen lassen. Stattdessen wechselte der 19-Jährige zu Real Madrid.

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